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«Theater plus» als Vision für St.Gallen?

14. Februar 2018Vor rund drei Jahren führte die Stadt Winterthur eine durchaus vergleichbare Debatte, wie sie derzeit in St.Gallen stattfindet: Soll das Theater saniert werden oder nicht? In Winterthur wurde aber die Idee eines Neubaus ernsthaft in Erwägung gezogen – und man holte dafür die Wirtschaft als Partner mit an Bord. Daran hat man in St.Gallen bisher offenbar nicht gedacht. Im Fall eines Nein am 4. März könnte ein solches Szenario aber sinnvoll werden. Von Stefan Millius

Rund 800 Sitzplätze, die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater, Tanz: Die Theater in St.Gallen und Winterthur bewegen sich in ähnlichen Dimensionen. Das ehemalige «Stadttheater» in der Kantonshauptstadt ist mit Jahrgang 1968 etwas älter als das Pendant in Winterthur (1979). Angegraut sind allerdings beide. Und in Winterthur war man bereits 2015 der Ansicht: Da muss eine Tönung her. Oder ein bisschen mehr. Eine mögliche Sanierung kam auf den Tisch. So wie sie im Kanton St.Gallen am 4. März zur Abstimmung kommt.

Soweit, so ähnlich. Aber dann verläuft die Geschichte denkbar unterschiedlich.

Das liegt vor allem daran, dass Winterthur noch immer ein «Stadttheater» ist und damit die Stadt die Kosten tragen muss – anders als in St.Gallen, wo der Kanton als neuer Eigentümer nun in der Pflicht steht. Von 40 Millionen Franken Sanierungskosten war in Winterthur zunächst die Rede, und so ziemlich jeder, der die Finanzlage der Stadt kannte, winkte ab – ein zu grosser Brocken. Dann aber, offenbar gibt es eben doch noch Wunder, stellte man fest, dass alles halb so wild ist. Das Gebäude schien gewissermassen über Nacht viel besser in Schuss zu sein, als man befürchtet hatte, mit dem Ergebnis, dass eine Sanierung nun nur noch 10 Millionen kosten sollte.

Neubau als Option

Eine erfreuliche Nachricht für die Winterthurer Steuerzahler, würde man meinen. Aber sie war nicht erfreulich genug. «Immer noch zu teuer», so die Winterthurer Stadtväter. Zumal die Stadt damals generell einen Sparkurs fuhr. Allerdings kam die Absage an eine Sanierung nicht einfach ohne Alternative. Denn ausdrücklich schloss die Stadtregierung die Möglichkeit eines Neubaus nicht aus. Auf den ersten Blick eine absurde Reaktion, denn ohne Zweifel war ein Neubau die teurere Lösung. Von rund 130 Millionen Franken war die Rede – auch das praktisch identisch mit den groben Schätzungen der St.Galler Kantonsregierung für «ihr» Theater im Fall eines Neubaus.

Dass eine vergleichsweise günstige Sanierung abgelehnt, ein teurer Neubau hingegen als möglich erachtet wurde, hat einen einfachen Grund: Die Stadt hatte nicht vor, das Geld alleine aufzubringen. Die Wirtschaft sollte mithelfen. Die nahm den Ball gerne auf – beziehungsweise warf ihn sogar selbst in die Runde mit einem konkreten Vorschlag.

Mehrere Winterthurer Wirtschaftsverbände legten gemeinsam ein Konzept für eine «Vision Theater plus» vor. Die Idee: Ein Neubau könnte so geplant werden, dass darin nicht nur Theater stattfindet, sondern auch Kongresse und andere Grossveranstaltungen. Winterthur ist nicht reich gesegnet an entsprechenden Räumlichkeiten - wie St.Gallen auch. Das Theater solle weiter im Zentrum stehen, so die erklärte Absicht der Wirtschaftsverbände, aber die Kongressschiene wäre ein Nebenzweig, welcher der Stadt zusätzliche Veranstaltungen und dem Theaterbau zusätzliche Auslastung einbringen würde. Auch der Tourismus in Winterthur war in der Visionsphase eifrig dabei, denn neben Kongressräumen waren auch Hotelzimmer geplant. Schlafen im Kulturpalast gewissermassen.

Tourismus interessiert

Völlig neu war die Idee nicht. Zumindest grundsätzlich vergleichbar ist beispielsweise das KKL in Luzern, zudem gibt es im süddeutschen Raum und im Vorarlberg ähnliche Modelle. Die Winterthurer Vision nahm die erste wichtige Hürde: Sie wurde ernsthaft diskutiert. Mitbezahlen, so die Vorstellung der Verbände, sollten einen solchen Neubau Versicherungen, Pensionskassen und Immobilienfonds - die üblichen Verdächtigen, wenn man Investoren für langfristig angelegte Bauprojekte sucht.

Entstehen sollte die «Vision Theater Plus» am Ort des alten Theaters, das entsprechend hätte abgerissen werden müssen. Denn einen anderen vernünftigen Standort fanden die Winterthurer auf Anhieb nicht – genau so wenig wie er sich in St.Gallen finden lässt. Und ebenfalls genau wie in St.Gallen steht das Theater Winterthur unter Denkmalschutz. In der laufenden Debatte zur Vorlage vom 4. März ist das ein gewichtiges Argument der Befürworter: Es gibt kaum einen geeigneten anderen Standort, und das Theater St.Gallen kann man als geschützten Bau nicht einfach abreissen.

Der SVP-Kantonsrat Toni Thoma wagte es an einem Podium der St.Galler FDP, eine Aufhebung des Denkmalschutzes in den Raum zu stellen und erntete dafür einige Lacher. Unberechtigterweise, muss man sagen, denn grundsätzlich hatte der Andwiler Gemeindepräsident natürlich recht: Was unter Denkmalschutz gestellt wird, kann aus diesem auch wieder entlassen werden. Allerdings ist das alles andere als einfach. Machbar ist es nur, wenn man nachweist, dass das öffentliche Interesse an einem Neubau höher zu gewichten ist als der Schutz an sich. Da sich das Theater St.Gallen durchaus sanieren lässt (wenn auch für viel Geld), könnte heute kaum der Nachweis erfolgreich erbracht werden, dass ein Abriss nötig ist, um Theater zu ermöglichen.

Mantellösung in der Kultur?

Die Stadt Winterthur machte sich immerhin die Mühe, bei den zuständigen Stellen nachzufragen und kam zum Schluss, dass allein der Versuch, den Denkmalschutz aufzuheben, Arbeiten in sechsstelliger Höhe zur Folge hätte – mit einem mehr als offenen Ausgang. Es war letztlich diese Unsicherheit, die dazu führte, dass im Herbst 2016 Schluss mit der Träumerei war. Die «Vision Theater plus» wurde beerdigt. Denn Investoren mögen eines nicht: Warten in der Dauerschlaufe mit ungewissem Ende.

Ob sie letztlich ihr Geld wirklich in die Vision investiert hätten, wenn ein Neubau möglich gewesen wäre, ist entsprechend nicht geklärt. Die Ernsthaftigkeit der Vorarbeiten spricht aber dafür. Zudem gibt es aus der jüngeren Vergangenheit einige Fälle von öffentlichen Bauten unter Beteiligung der Wirtschaft. Bestes Beispiel vor unserer eigenen Haustür ist das Fussballstadion des FC St.Gallen mit Einkaufszentrum. Eine solche Mantellösung schwebte den Winterthurern vor. Fairerweise muss man anfügen, dass sie sich im sportlichen Umfeld wohl einfacher realisieren lässt als im kulturellen. Es hätte mit Sicherheit viele Kulturpuristen gegeben, die sich gegen ein Theater mit integrierten Kongressräumen und Hotelzimmern gewehrt hätten. Aus Prinzip und nicht, weil es den Betrieb stören würde. Ein problemloses Nebeneinander von Kultur und Kongress wäre architektonisch sicher lösbar.

Szenario bei einem Nein?

Was heisst das alles nun für St.Gallen? Im Fall eines Ja zur Sanierung des Theaters am 4. März buchstäblich nichts. Dann steht eine Sanierung an, das Geld wird ausgegeben, und Visionen sind überflüssig. Ein Selbstläufer ist die Vorlage aber nicht. Je weiter weg vom Kantonszentrum, desto häufiger die Nein-Stimmen: Das ist eine relativ sichere Prognose. Und ob die städtischen Stimmberechtigten die Gegner vom Land wettmachen können, ist unklar. Eine Sanierungsvorlage von nahezu 50 Millionen Franken löst zudem auch bei einigen ausgesprochenen Theaterfreunden Stirnrunzeln aus. Das ist keine besonders sichere Mixtur.

Ein Nein würde den Kanton aber in die Klemme bringen. Was tun? Etwas auf jeden Fall, denn der Ist-Zustand ist tatsächlich untragbar, wie jeder sieht, der eine Begehung durchs Theater macht. Das Theater sich selbst überlassen ist also keine Option. Eine abgespeckte Sanierungsvorlage zu bringen wäre aber ebenfalls ein ziemlicher Husarenritt. Wie soll man den Stimmbürgern erklären, dass es nun doch deutlich günstiger geht, nachdem man vorher klar gesagt hat, dass man keineswegs eine Luxuslösung gewählt habe, sondern nur tut, was wirklich nötig ist?

Oder eben doch einen Neubau anpeilen mit einer neuen Vorlage? Einer in der Grössenordnung von bis zu 150 Millionen Franken ist unrealistisch. In diesem Punkt hat die St.Galler Regierung mit ihrer Einschätzung den Nerv sicher getroffen. Aber eine «Vision Theater plus» nach St.Galler Art? Zumindest schüchterne Abklärungen beim Denkmalschutz über die theoretische Möglichkeit eines Neubaus? Erste zaghafte Kontakte zu den Wirtschaftsverbänden, zur Olma, zu anderen potenziellen Interessenten, um die allfällige Bereitschaft einer Beteiligung abzuklären?

Vor dem 4. März wird kein Befürworter eine solche Debatte zu einer «Vision Theater plus» anstossen wollen. Es ist nicht ratsam, Alternativen zu diskutieren, wenn man eine Vorlage durchbringen will. Und zugegeben: Einen kulturellen Leuchtturm mit Hilfe der Wirtschaft errichten ist ziemlich unerhört. Es würde gewissermassen heissen, das Theater völlig neu zu denken.

Aber dafür ist Theater ja eigentlich da. Um etwas zu wagen.

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