logo

Symptombekämpfung beim Beratungsriesen

EY, besser bekannt als Ernst & Young, will verhindern, dass seine Angestellten ein bestimmtes Newsportal konsumieren. Das darf das private Unternehmen natürlich tun. Die Massnahme ist nur reichlich naiv. Und kontraproduktiv.

Stefan Millius am 18. Oktober 2018

«Inside Paradeplatz», die Spielwiese des Finanzjournalisten Lukas Hässig, lebt von Indiskretionen. Nur zu gern melden unzufriedene Mitarbeiter von Grossbanken und Versicherungskonzernen der Onlinezeitung Interna. Und Hässig publiziert sie ebenso gerne. Das Ergebnis sind Beiträge, die vor allem im Herzen der Finanzmetropole Zürich eifrig gelesen werden. Der Wahrheitsgehalt? Schwer zu sagen. Aber bisher waren nicht sonderlich viele Klagen gegen Hässig erfolgreich.

Kürzlich wusste «Inside Paradeplatz» etwas über die Beratungsfirma EY zu sagen. Es ging um die Frage, ob eine sexy Aufmachung die Beförderungschancen bei dem Unternehmen steigert. Allein die Behauptung ist nicht sehr imagefördernd, und es ist nachvollziehbar, dass man bei EY keine Freude daran hatte.

Aber wie geht man mit so einer Situation um? Das kleine Einmaleins der Kommunikation besagt: Ignorieren. Schon am nächsten Tag werden Raiffeisen oder die UBS diese News ablösen, und alles ist vergessen. Die Fachleute bei EY haben einen anderen Weg beschritten: Der Finanzblog «Inside Paradeplatz» wurde EY-intern für Mitarbeiter gesperrt. Im August hatte auch schon die UBS diesen Weg beschritten.

Technisch ist das recht einfach: Man kann gewisse Webadressen für den Zugang von einem Firmen-PC sperren. Mindestens ebenso einfach ist aber die Umgehung dieses Verbots. Man nehme das private Handy oder verwende einen der zahlreichen Browser, die sich dem überwachenden Auge des Arbeitgebers entziehen. Ein mittelmässig begabter Banker oder Unternehmensberater (und wir hoffen, dass sie alle mindestens mittelmässig begabt sind) schafft das in wenigen Minuten.

Was verboten ist, ist spannend. Das zeigen uns unsere Kinder jeden Tag. Die Massnahme von EY beziehungsweise UBS ist völlig wirkungslos. Vielleicht sollte es ja auch nur ein Signal sein. Aber wir wagen eine Prognose: Ab sofort steigen die Zugriffszahlen bei «Inside Paradeplatz» von Mitarbeitern von EY und UBS schlagartig. Das ist nur logisch. Mit Kommunikationspannen geht man anders um als mit Verboten. Vor allem, wenn man es mit erwachsenen Menschen zu tun hat, die selbst einordnen können, was sie lesen wollen und was nicht.

Dazu kommt: Auf das Unternehmen wirft eine solche Massnahme ein schlechteres Licht als jeder negative Zeitungsbeitrag. Wer zur Zensur greift, hat etwas zu verstecken: Das ist die Wahrnehmung der meisten Leute. Der Kommunikationschef der EY, der früher bei der Konkurrenz tätig war und diesen Entscheid nun mutig verteidigt, muss sich die Frage gefallen lassen: Was tut er eigentlich hauptberuflich so?

Und die Frage sei erlaubt: Sind wir eigentlich in Nordkorea?

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.