Wer kennt sie noch, die alte Waage, wo grosse und kleine Gewichtsteine in die Waagschale gelegt wurden, um die gewünschte Ware abzuwägen? Im alten Tante Emma Laden um die Ecke gab es sie noch.
Übriggeblieben sind heute nur die Redewen-dungen wie zum Beispiel «Etwas in die Waagschale werfen» oder «Das Zünglein an der Waage spielen». Ich nehme die Symbolik der Waage, um mehr Bewusstsein in unseren Sprachgebrauch zu bringen und einen Input zu geben, wie wir in unserem Alltag die Balance halten können.
Das vergangene Jahr hat so ganz viel auf den Kopf gestellt. Der Alltag vieler Menschen ist aus dem Gleichgewicht, aus der Balance geraten. Wir mussten uns neu erfinden und uns urplötzlich mit noch nie Dagewesenem zurechtfinden. Das bereitet noch heute viel Kopfzerbrechen. Mit der Dauer der Pandemie ist auch je länger je weniger von der anfänglichen Solidarität etwas zu spüren. Es wird immer herausfordernder, die Waagschalen Gesundheit und Wirtschaftlichkeit im Gleichgewicht zu halten.
Die Balance in der Sprache
Um die Balance in der Kommunikation zu halten, eignet sich ein einziges kleines Wort hervorragend: «und»! Dieses «und» steht für mich sinnbildlich dafür, dass ich zwei Schalen gleichzeitig fülle. Mit «und» teile ich meinem Gegenüber mit, dass ich sowohl seine, als auch meine Realität anerkenne. Oftmals wird im Gespräch statt «und» das «aber» verwendet, was nichts anderes bedeutet, als dass ich einen Teil zwar anerkenne, den andern jedoch verneine.
Eine weitere einengende Formulierung ist das «entweder oder». Diese einschränkende Aussage kann ich in ein «sowohl als auch» umformulieren. Auch das stellt für mich sinnbildlich wiederum das Füllen beider Waagschalen dar. «Entweder oder» ist eine Aussage, die nur schwarz oder weiss zulässt, die mich zwingt zu wählen. Das «sowohl als auch» hingegen weitet und macht auf. Genauso schliesst das «und» nebst dem einen auch das andere mit ein. Durch solch bewusste Formulierungen haben wir plötzlich eine andere Diskussionsbasis, einen Ausgangspunkt, von wo Lösungen gesucht werden können.
Was ging in Ihnen vor, wenn Sie einen Satz wie: «Ich mache mir zwar Sorgen, wenn die Gastronomie so lange geschlossen bleibt, aber die Gesundheit der Menschen geht eben vor», hörten? Einige von Ihnen konnten das wohl nicht mehr hören. Nämlich jemand, der in der Gastronomie arbeitet und vielleicht nicht mehr wusste, wie sie/er ihren/seinen Lebensunterhalt bezahlen sollte. Horchen Sie mal in sich hinein, wie eine ähnliche Aussage, allerdings mit dem Wort «und», auf Sie wirkt:
«Ich mache mir Sorgen, wenn die Gastronomie so lange geschlossen bleibt, und die Gesundheit der Menschen ist mir ebenfalls wichtig». Ich bin überzeugt, dass allen Menschen grundsätzlich beide Seiten wichtig sind! Mit einer Formulierung, die «sowohl als auch» enthält, die ein «und» statt «aber» berücksichtigt, kann ich meine Einstellung unterstreichen und das Feld öffnen. Ich anerkenne, dass wir ein Problem haben, welches gemeinsam gelöst werden sollte. Ich verharre weniger in meiner eigenen Position und dadurch kann ein Dialog entstehen. Spiele ich jedoch eine Waagschale gegen die andere aus, wird früher oder später jemand von der Last erdrückt.
Die Balance im Leben
Was mit der Balance in der Sprache beginnt, kann schliesslich auch auf andere Gebiete im Leben Einfluss nehmen. Nebst «und» versucht auch «sowohl als auch» das Gleichgewicht zu halten, und mit dem Gebrauch dieser Formulierungen ich werde von der Entscheidung befreit, mich für die eine oder andere Waagschale festzulegen. Ich will mich zudem auch mit dem Gedanken anfreunden, dass es Leben und Tod heisst. Die Krise zeigt uns, dass nicht nur Menschen, sondern auch Betriebe, Gewohnheiten, Abläufe, Freiheiten etc…. sterben können. Das Leben ist im Wandel. Im besten Fall weg von ungesunden Mechanismen und Systemen hin zu einem ökologischeren, sich gegenseitig unterstützenden und kooperativen Miteinander, wo sich zwei Waagschalen die Balance halten.
Annette von Schulthess-Mettler ist Erwachsenenbildnerin SVEB und Kommunikationstrainerin. Sie lebt in St.Gallen.
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