Wirkungsloses Trostpflaster: Über Kommunikationssperren im Alltag.
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind fällt hin, schlägt sich sein Knie auf und beginnt zu weinen. Wie reagieren Sie? Trösten Sie Ihre Tochter und hoffen, dass sie möglichst schnell aufhört zu weinen? Oder sind Sie selber so erschreckt, dass Sie hektisch nach Verbandsstoff suchen? Oder aber versuchen Sie, auf die Situation einzugehen, wie sie ist?
Viele Menschen glauben, dass sie mit Trost einer Person in schwierigen Momenten helfen können. Trost aber ist oft wenig tröstlich. Im Gegenteil. Vielleicht fragen Sie sich nun: «Weshalb denn nicht? Trösten ist doch ein Akt der Nächstenliebe!» Versetzen Sie sich versuchsweise einmal in folgende Situation: Sie touchieren mit Ihrem Neuwagen beim Parkieren einen Baum und jammern mir dann Ihre Misere vor. Ich aber tröste Sie und sage:«„Ach, es ist zum Glück nur ein kleiner Blechschaden! Sei froh, es hätte doch viel schlimmer sein können.» Wie fühlt sich das an?
Wahrscheinlich verspüren Sie nach einer solchen Aussage eher Unmut statt Entspannung. Genauso geht es Kindern. Im zwischenmenschlichen Kontext wird nämlich nicht unterschieden, ob unser Gegenüber ein Kind oder eine erwachsene Person ist. Erfahrungsgemäss reagiert der Mensch mit Rückzug und Verdruss, wenn er sich nicht verstanden fühlt. Deshalb sind unsere tröstenden Absichten keine Hilfe, die Situation erträglicher zu machen.
Aktives Zuhören bei Kindern:
Szene 1
Kind stolpert und fällt auf’s Knie. Es beginnt, heftig zu weinen. Der Vater hebt es auf und sagt zu ihm: «Isch nüt passiert! Häsch Glück gha! Isch nöd so schlimm!» Das Kind weint weiter. Der kleine Bruder beginnt ebenfalls zu weinen. Nun sagt der Vater zum kleinen Bruder: «Müäsch doch nöd au no afo brüälä. Der tuät doch gar nüt weh!»
Der Vater hat versucht, sein Kind zu trösten. Meist trösten wir, weil wir es nicht aushalten, wenn es unserem Gegenüber – egal ob Kinder oder Erwachsene! – schlecht geht. Es ist für uns angenehmer, mit Menschen zusammen zu sein, die aufgestellt, glücklich und lachend durch das Leben gehen. Tränen, Wut und Sorgen kosten uns selber viel mehr Energie. Deshalb versuchen wir alles, um unseren Mitmenschen zum Glück zu verhelfen.
Wenn ich meinem Gegenüber aber eine Hilfe sein möchte, nehme ich die Situation, so wie sie ist wahr und die Person dahinter ernst. Das heisst, ich benenne das, was ich im Moment sehe und höre und spiele ein Problem oder eine Sorge nicht herunter.
Szene 2
Kind stolpert und fällt auf’s Knie. Es beginnt, heftig zu weinen. Der Vater hebt es auf uns sagt zu ihm: «Ohjee, jetz häsch dor weh gmacht. Bisch gad voschrocke. Söll i dor am Chnü chli blose?» Mit dieser oder einer ähnlichen Aussage nimmt der Vater sein Kind mit seinem Schmerz oder mit seinem Schreck ernst. Er nimmt wahr, was passiert ist, und welche Auswirkung das auf seine Tochter hat. Der kleine Bruder beginnt ebenfalls zu weinen. Nun sagt der Vater zum kleinen Bruder: «Oha, tuäts dor gad mega leid, dass d’Eva so muäs brüälä! Chömed, me luägäd da Chnü mol gnauer ah....»
Kein Herunterspielen
In Szene 1 fällt es dem Vater schwer, mit den Tränen der Kleinen umzugehen, und er versucht, das Kind davon abzubringen, dass es weinen muss. Der kleine Bruder wird ebenfalls in seinem Mitleiden für die Schwester nicht wahrgenommen und der Vater versucht auch hier, das Weinen zu unterbinden.
In Szene 2 nimmt der Vater beide Kinder in ihrer momentanen Wirklichkeit ernst. Er anerkennt, dass die Kleine Schmerzen hat und erschrocken ist und ebenso anerkennt er, dass der Bruder aus lauter Solidarität ebenfalls zu weinen beginnt. Mit dem Aussprechen, was Sache ist, fühlen sich die Kinder verstanden und können so auch ihre eigene Situation anerkennen und schliesslich aus dem Schmerz wieder herauskommen. Ein Herunterspielen des Gefühls, kann dazu führen, dass Kinder ihren eigenen Emotionen nicht mehr trauen.
12 Kommunikationssperren
Die Theorie kennt zwölf Kommunikationssperren. Eine davon ist das Trösten. Wer mir gegenüber Kommunikationssperren anwendet, verhindert damit, dass ich mich verstanden fühle. Wir sollten stattdessen wachsam sein und zuhören. Manchmal brauche ich auch gar nichts zu sagen, sondern es reicht eine Umarmung, ein Händedruck oder das Reichen eines Taschentuches. Und: was möchten Sie nun gerne hören, wenn Sie Ihren Neuwagen beschädigt haben?
Typisch, das wäre mir nie passiert! Diesen Schaden kannst du selber berappen... Wohl eher weniger!
Annette von Schulthess-Mettler ist Erwachsenenbildnerin SVEB und Kommunikationstrainerin. Sie lebt in St.Gallen.
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