Eine kleine Oase mitten in der Stadt: Auf dem Klosterplatz erholen sich Einheimische und Gäste aus der ganzen Welt.
Stiftsbibliothek, Kathedrale, Mülenenschlucht: Auf einem Spaziergang durch den Stiftsbezirk gibt es auf Schritt und Tritt Spannendes aus der langen Geschichte des Klosters St.Gallen zu erkunden und zu erleben – digital ebenso wie analog. Eine Spurensuche.
Es ist schon beeindruckend: Mitten im Alltagsgewühl St.Gallens öffnen sich plötzlich Türen und Tore in eine reiche Klostergeschichte. Rund 1400 Jahre dauerte sie. Und seit 1983 gehört das Ganze sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dabei war St.Gallen ein historischer Spätzünder. Zürich und Rapperswil, ja sogar das kleine Arbon am Bodensee gehörten zum Römischen Reich. St.Gallen nicht. Hier gab es noch in römischer Zeit mit grösster Wahrscheinlichkeit nur Natur: Pflanzen und Tiere, Erde, Steine und Wasser.
Den Anfang der menschlichen Besiedlung machte um 612 der Einsiedler Gallus. Gut 100 Jahre später gründete Otmar dann das eigentliche Kloster St.Gallen, das eine erstaunliche Karriere machte. Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert gehörte es gar zu den kulturellen und spirituellen Leuchttürmen Europas. Im Barock, im 17. und 18. Jahrhundert, folgte eine zweite Blüte. Das beeindruckendste Zeugnis dafür ist der Neubau der Klosterkirche und von Teilen des Klosters von 1755 bis 1769. Oft vergessen geht, dass dieses Kloster zugleich die Zentrale einer ansehnlichen Herrschaft war: Die Fürstabtei St.Gallen gehörte zu den grössten Territorien der alten Eidgenossenschaft.
Nicht einmal 40 Jahre nach den prächtigen Neubauten in St.Gallen kam das Aus: Der Untergang der alten Eidgenossenschaft und die Gründung des Kantons St.Gallen waren zu viel für das Kloster, und es wurde 1805 aufgehoben. Wirklich untergegangen ist es aber nicht. Noch heute, über 200 Jahre später, ist es das Aushängeschild der Stadt. Dass man St.Gallen weltweit kennt, ist vor allem dem Kloster zu verdanken.
Eine kleine Oase mitten in der Stadt: Auf dem Klosterplatz erholen sich Einheimische und Gäste aus der ganzen Welt.
Im Stiftsbezirk selbst ist von dieser langen Geschichte noch allerlei vorhanden. Vor allem die Stiftsbibliothek und die Kathedrale sind weltberühmt – zu Recht. Dazu kommen zwei neue Vermittlungsräume, die dieses Jahr im Gewölbekeller und im ehemaligen «Raum für Kultur» gegenüber der Kathedrale eröffnet wurden. Sie bieten neue, zeitgemässe Möglichkeiten, der reichen Klostergeschichte zu begegnen. Hier treffen digitale Medien auf mittelalterliche Skriptoriumkultur, hier wird der Klosterplan von 819/26, ein ebenfalls weltberühmtes Dokument, attraktiv inszeniert. Für eine konkrete Umsetzung dieses Idealplans – den Bau einer richtigen mittelalterlichen Klosterstadt – reicht der Platz in St.Gallen leider nicht. Realisiert wird dieses Projekt aber seit 2013 auf dem Campus Galli im süddeutschen Messkirch, der ebenfalls einen Besuch wert ist. Man kann dort in eine sinnlich-konkrete Welt eintauchen und regelrecht durchs Frühmittelalter spazieren.
Nicht fehlen darf im St.Galler Stiftsbezirk die Gastlichkeit, die fest zur mittelalterlichen Klosterkultur gehörte. Das Klosterbistro im Innenhof und die Chocolaterie am Gallusplatz sind von ihrem Geist erfüllt, ebenso der stimmungsvolle Museumsshop.
Immer zu empfehlen ist auch ein Spaziergang durch die schmale, steile Mülenenschlucht südlich der Kathedrale, in der die Steinach rauscht. Sie erzählt allerlei von der St.Galler Stadtgeschichte: Von Mühlen, Gewerbebetrieben und kleinen Fabriken. Düsteres fehlt dabei nicht: Das Wasserloch neben der pittoresken Talstation des Mühlegg-Bähnleins diente einst als Hinrichtungsort. Zwischen 1465 und 1595 wurden dort nachweislich mindestens zehn Menschen ertränkt. Vor allem aber bietet die Mülenenschlucht mitten in der St.Galler
Altstadt wunderbare Naturerlebnisse – im blühenden Frühling ebenso wie im eisigen Winter. Und für «gschpürige» Besucherinnen und Besucher sollen sich hier sogar Fenster in spirituelle Wirklichkeiten öffnen. Davon hört und liest man zumindest immer wieder.
Der Legende nach soll der Einsiedler Gallus am unteren Ende der Mülenenschlucht gestolpert und in die Dornen gefallen sein. Seine Schlussfolgerung: «Hier bleibe ich.» Viele Gäste sagen sich bei ihrem ersten Besuch St.Gallens etwas Ähnliches: «Hier komme ich wieder hin.»
*Dieser Beitrag ist ursprünglich im Magazin «612» von St.Gallen-Bodensee Tourismus erschienen.
Peter Müller ist Provenienzforscher, Journalist, Publizist und Kulturvermittler. Er verantwortet die Kommunikation im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.
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