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Die Säntis-Vermarktung

Jakob Gülünay: Weshalb die Ostschweiz mehr zusammenarbeiten sollte und ob dereinst Massen von Chinesen auf dem Säntis sind

Seit rund einem Jahr ist Jakob Gülünay neuer Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG. Im Interview sagt er, weshalb der Säntis niemals vom Massentourismus heimgesucht werden wird und stellt klare Forderungen an die Politik.

Marcel Baumgartner am 20. April 2024

Jakob Gülünay, zuerst gleich zur wichtigsten Frage: Welchem Kanton gehört denn nun eigentlich der Säntis?

Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen: Allen und Niemandem. Er gehört jenen, die ihn im Herzen haben.

Schön ausgedrückt. Und welches ist die schönste Seite des Säntis?

Ich als Urnäscher finde natürlich, mit Blick von der Schwägalp her. Aber das hat natürlich immer mit Jugenderinnerungen und Gewohnheiten zu tun.

Sie hatten also schon immer einen Bezug zu diesem Berg?

Absolut, ja. Ich bin in Urnäsch aufgewachsen und verbrachte mit dem Sohn der ehemaligen Pächterfamilie Anfang der 1980er-Jahre sehr viel Zeit auf der Schwägalp und auf dem Säntis.

Nun kommt neben der Freizeit aber seit einem Jahr auch noch das Business dazu. Wie hat sich da ergeben?

Zu Beginn der Corona-Phase entwickelte ich mit meiner Firma ein Projekt, in das auch der Säntis integriert war. So hatte ich immer wieder Kontakt mit den Verantwortlichen. Als es dann schliesslich darum ging, die Stelle des Geschäftsführers neu zu besetzen, wurde ich angefragt, ob ich Interesse hätte, in dieser Funktion die weiteren Schritte der Unternehmensentwicklung voranzutreiben.

Und das tun Sie inzwischen seit einem Jahr. Wie lautet Ihr Fazit nach dieser Zeit?

Ins Auge stechen die vielen motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einer sehr starken Verbundenheit zum Betrieb und zur Region. Ich sehe und spüre ein immenses Potenzial. Wie alle Bergbahnbetriebe ist auch bei uns die Abhängigkeit vom Wetter eine grosse Herausforderung. Es muss uns im Business mit entsprechenden Angeboten gelingen, diese so gut wie möglich zu minimieren. Funktionieren kann das vor allem im Event- und Seminarbereich. Eine weitere Herausforderung ist die Optimierung der gesamten Abläufe – auch im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Das Unternehmen ist in diesem Jahrtausend stark gewachsen. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Mitarbeiteranzahl verdoppelt – vor allem natürlich aufgrund des Hotel-Neubaus.

Wie viele Personen beschäftigen Sie inzwischen?

Es sind 220 Personen mit unterschiedlichen Pensen. Insgesamt kann man von 140 Vollzeit-Stellen sprechen. Hinzu kommt eine direkte und indirekte Wertschöpfung für die Region.

Nun ist der Arbeitsort nicht gerade zentral. Finden Sie genügend fähige Mitarbeiter für die jeweiligen Stellen?

Grundsätzlich ja, obwohl es natürlich schon sehr bereichsabhängig ist. Aber bisher sind wir in der bevorzugten Situation, dass wir jeweils rasch alle stellen besetzen können. Ausschlaggebend hierfür dürfte auch unser neues, zeitgemässes Personalreglement sein. Wir haben für unsere Mitarbeitenden einige Benefits geschaffen, die einen zusätzlichen Reiz darstellen – neben der herrlichen Arbeitsumgebung.

Wie sieht es mit der Auslastung des Hotels aus?

2023 fiel sie leicht unter das gute Niveau von 2022. Das führen wir auf verschiedene Gründe zurück. Einerseits reisen die Schweizer wieder vermehrt ins Ausland. Deshalb verbucht auch der Flughafen Zürich Rekordzahlen. Andererseits hat der Eurokurs für Gäste aus dem Euroraum den Aufenthalt in der Schweiz verteuert. Diese Entwicklungen gehen wir strategisch an. Wir bauen einen aktiven Verkauf auf, um den Seminar- und Eventbereich zu stärken.

Zielen Sie damit primär auf die Schweiz ab oder auch auf das nahe Ausland?

Primär auf die Deutschschweiz und den süddeutschen Raum.

Wieso nicht auch Österreich?

Weil dort aufgrund der Konstellationen ein ähnliches Angebot bereits vorhanden ist. Das spüren wir. Nein, in einer ersten Phase fokussieren wir uns auf die Deutschschweiz. Insbesondere in Zürich und Umgebung wissen viele gar nicht, wie nah der Säntis eigentlich ist. Die zieht es in andere Regionen. Dasselbe Problem hat der Bodensee – auch er wird unterschätzt.

(Fortsetzung nach dem nachfolgenden Bild)

Jakob Gülünay

Jakob Gülünay. (Bild: Bodo Rüedi)

Sie haben also nicht das Ziel, auf den Tourenplan von chinesischen Touristen zu kommen?

Nein, überhaupt nicht. Wenn ausländische Zielgruppen, dann wären es jene im gleichsprachigen Gebiet, die man vom Säntis aus auch erblicken kann. Und ansonsten vielleicht noch die Amerikaner.

Die Amerikaner?

Ja. Sie tun sich tendenziell nicht schwer mit unserer Küche, sind offen für Kulinarik, Regionalität und Brauchtum. Das ist wesentlich für uns. Wir wollen und können uns nicht verbiegen. Das würde nicht unseren Werten entsprechen.

Dass sich das Angebot rund um den Säntis laufend weiterentwickelt, ist spür- und sichtbar. An was sind Sie aktuell, neben dem Erwähnten, noch dran?

Unter anderem planen wir die Umsetzung eines grösseren Wirtschaftsforums auf dem Säntis. Das Ziel ist, Entscheidungsträger aus der ganzen Schweiz hierher zu bringen. Sie sollen vor Ort erkennen, wie attraktiv unsere Seminarmöglichkeiten sind. Solche Events, aber auch kleinere Veranstaltungen wie beispielsweise «Silent Partys» oder Anlässe zur Wissensvermittlung peilen wir noch gezielter an. Neues zu wagen ist Teil unserer Strategie.

Man muss als Gast also keine Bedenken haben, dass man dereinst Teil vom Massentourismus wird?

Nein, gar nicht. Ein solcher wäre für unsere Region auch gar nicht verdaubar. Wir leben in einem Ökosystem und sind gerade im Sommer eigentlich «ausgebucht». Isoliert betrachtet könnte es immer noch mehr sein, aber gesamtheitlich betrachtet ist das kein Thema für uns. Ich würde mir aber wünschen, dass die verschiedenen Ostschweizer Anbieter noch mehr zusammenstehen. Meine persönliche Haltung ist klar: Wir alle müssen zum Ziel haben, noch mehr Gäste in die Ostschweiz zu locken und die jeweilige Aufenthaltsdauer zu erhöhen – wohin diese Personen reisen, ist zweitrangig. Die Chance, dass jeder ein grösseres Stück vom noch grösseren Kuchen erhält, ist grösser, wenn man zusammenarbeitet, als wenn jeder nur für sich schaut.

Höre ich da eine Kritik an den Tourismusorganisationen und an einzelnen Anbietern heraus?

Nein. Es ist lediglich eine Feststellung. Tourismus ist Sache vom Kanton. Und der hört bekanntlich an der Grenze auf. Die einzelnen Organisationen arbeiten teilweise schon jetzt Hand in Hand. Leider hat aber jede Kantonsregierung ein anderes Programm. Der Tourismus hat überall einen anderen Stellenwert. Im Strategieprogramm vom Kanton Appenzell Ausserrhoden wird der Tourismus beispielsweise mit keinem Wort erwähnt… Bei den einen ist er drin, bei den anderen nicht. Was heisst das jetzt? Wir müssen mit dem Fokus über die reinen Tourismusorganisationen hinausgehen und zusammenspannen.

Zum Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist eine gemeinsame Aktion der Ebenalp, dem Kronberg, dem Hohen Kasten und uns. Wir kreierten ein übergreifendes Angebot von je zwei einfachen Fahrten für 99 Franken. Die total 1000 Tickets waren innerhalb von drei Stunden ausverkauft. Das zeigt doch, dass wir mehr in Ostschweizer Dimensionen denken sollten. Alle auf eine gleiche Linie zu bringen, ist aber eben auch ein politisches Thema. Die Ostschweiz wird für ihre Qualitäten klar unterschätzt.

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Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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