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Zum Verkauf der Goba AG

Aargau hin oder her: Das Herz muss in Gontenbad bleiben

Es ist ein nachvollziehbarer Entscheid, aber so manchem Appenzeller dürfte dennoch das Herz bluten. Gabriela Manser, Chefin der Mineralwasserproduzentin Goba AG in Gontenbad, hat eine Nachfolgelösung im Aargau gefunden. Das darf aber nichts an der Erfolgsgeschichte ändern.

Stefan Millius am 02. März 2022

Zum Thema: Goba AG wird an eine Beteiligungsstiftung im Kanton Aargau verkauft.

Hand aufs Herz: Wer würde in einer Blindverkostung drei stille oder auch drei sprudelnde Mineralwasser voneinander unterscheiden können? Sie vielleicht sogar dem richtigen Namen zuordnen? Bei Bier würde ich es mir zutrauen, bei Wasser nicht. Für den Fachkundigen gibt es sicher auch hier grosse Unterschiede. Aber für den ganz normalen Konsumenten? Wasser erfrischt, Wasser löscht Durst. Das geht mit (fast) jeder Marke. Warum also wirkt die eine ziemlich beliebig, und die andere gilt als Statussymbol auf dem Tisch des Restaurants?

Die Antwort – oder ein Teil davon – auf die Frage liegt in Gontenbad vor den Toren des Innerrhoder Hauptorts Appenzell. Von hier aus hat die Goba AG mit ihrer Mineralquelle und geschickten Produktelancierungen in den letzten Jahren die Schweiz erobert. Vielleicht nicht quantitativ, aber gefühlt. Man begegnet der Marke auch in anderen Landesteilen immer wieder (wie übrigens auch dem Appenzeller Bier), und stets scheint es so, als wäre derjenige, der sie ausschenkt, mit Stolz erfüllt. Er kredenzt nicht irgendein Wasser. Sondern eines mit Geschichte und Ruf. Eines, das etwas zu erzählen hat.

Die Grundlagen dafür gehen weit zurück. Schon im 16. Jahrhundert boomte Gontenbad dank seines Quellwassers als Kurort. Auf den Geschmack als Getränk kam man um 1930. Das gewonnene Mineralwasser wurde damals vor allem direkt vor der Haustür abgesetzt. Darüber hinaus gab es wenig Interesse für einfach noch ein Wasser mehr. Gontenbad? Ein Zürcher hätte verständnislos den Kopf geschüttelt.

Seither ist viel geschehen. Den Wendepunkt läutete die dritte Generation des Familienunternehmens in der Person von Gabriela Manser ein. Die Quereinsteigern, ursprünglich Kindergärtnerin, fühlte sich erst spät dazu berufen, die Tradition der Goba AG weiterzuführen. 1999 übernahm sie diese Aufgabe, aber damals schien es mehr eine Nothilfeaktion als echte Motivation. Ihr Ansporn war in erster Linie der drohende Untergang: Es gab damals keine andere Nachfolgeregelung, die sich aufdrängte, und potenzielle Käufer machten keine attraktiven Angebote. Wäre Manser nicht eingesprungen: Goba wäre wohl aufgegangen im Schoss eines sehr viel grösseren Produzenten und als eigene Marke schnell verschwunden. Ebenso der Standort und die Arbeitsplätze in Gontenbad. Das wollte Manser nicht zulassen, und unabhängig davon, was einst am Beginn ihres Engagements stand: Die Leidenschaft kickte schnell ein. 

Die Dynamik, die danach entstand, konnte niemand vorhersehen, im Rückblick scheint sie dennoch logisch: Sie folgte den Gesetzen des Marketings. Ein Nischenplayer aus einer idyllischen kleinen Region behauptet sich mit Eigenkreationen wie dem «Flauder» gegen die übermächtige Konkurrenz. Jeder liebt David, Goliath konsumiert man ohne grosse Emotionen. Sehr schnell wurde Gabriela Manser damit zum «Postergirl» der Ostschweizer Wirtschaftswelt. Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens, die zudem aus einem völlig anderen Bereich kommt: Das war eine Steilvorlage für jeden Verband, der eine Referentin suchte, für jedes TV-Team, das eine Geschichte brauchte. Wer kennt den Chef von Henniez? Oder von Rhäzünser? Manser kennt man, und das weit über ihren eigentlichen Wirkungskreis hinaus.

Wobei es ihr und ihrem unternehmerischen Können natürlich nicht gerecht würde, sie auf diese Aussenwahrnehmung zu reduzieren. Es ist nicht ihre Schuld, dass sich viele Veranstalter mit ihrer Erfolgsgeschichte schmücken wollten, kreiert hat sie diese selbst. Manser probierte und riskierte immer wieder etwas, oft auch Dinge, von denen ihr irgendwelche HSG-geschulten Berater vermutlich abgeraten hätten. Warum beispielsweise soll ein kleiner Mineralwasserproduzent ein eigenes Cola-Getränk auf den Markt werfen? Davon gibt es mehr als genug – und ein ziemlich übermächtiges Original. Sie tat es dennoch einfach, und auch wenn das Ergebnis vermutlich nicht an den Firmenschlager, den Flauder, heranreicht, hält sich das «Goba Cola» wacker in den Gestellen. Mit der «Zero»-Variante befriedigte das Unternehmen auch den gesunden Zeitgeist.

Dass der Goba-Produktepalette der Sprung über die regionalen Grenzen gelang, hat auch viel mit dem Image von Appenzell zu tun. Selbst Zürcher Szene-Bars schmücken sich gerne mit Produkten «made in Appenzell». Diese machen eine Aussage über den Betrieb, der auf sie setzt. Die Botschaft: Wir wollen nicht einfach den grössten und damit oft billigsten Lieferanten berücksichtigen, wir möchten nicht einfach das auftischen, was überall zu finden ist, sondern innovative Kleinbetriebe unterstützen und dem Kunden ein Aha-Erlebnis bescheren. Auch die Mischung aus traditionsreichem Hintergrund und modernen Kreationen zieht. Die Goba-Produkte haben Geschichte, sind aber modern gestaltet und positioniert, sie passen auf den Stammtisch in der «Knelle» genau so wie ins Sortiment des Gault-Millau-Restaurants.

Ob das der Plan war oder ob es sich zufällig ergeben hat: Es ist nicht bekannt, und es spielt keine Rolle. Tatsache ist: Es funktioniert.

Es dürfte da und dort zu leichter Verunsicherung führen, dass nun eine Beteiligungsfirma in Form einer Stiftung, domiziliert im Aargau, zu 90 Prozent zur Besitzerin des Familienunternehmens in Gontenbad wird. Dass Gabriela Manser, Jahrgang 1962, früher oder später eine Nachfolgelösung brauchte, ist aber klar. Es wäre verantwortungslos gewesen, diese Aufgabe ewig vor sich herzuschieben. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von Fällen, in denen genau das passierte.

Noch wichtiger aber: Die neue Besitzerin, die F.G. Pfister Beteiligungen AG im aargauischen Suhr. ist keine internationale «Heuschrecke» mit dem Blick auf den schnellen Profit. Sie  ist bodenständig ausgerichtet, sie investiert in Schweizer Marken mit dem Ziel, diese weiter aufzubauen und der Schweiz zu erhalten. Sie dürfte daher keinerlei Interesse daran haben, am Erfolgsrezept der Goba zu rütten, und dieses ist tief mit Appenzell Innerrhoden verbunden.

Im besten Fall merkt also auch in Zukunft niemand etwas von dem, was sich hinter den Kulissen getan hat. Und Goba mag auf dem Papier ein Aargauer Unternehmen sein, doch für die Konsumenten bleibt der Absender Gontenbad  – mit seiner kleinen, heilenden Quelle.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.

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