Jedes Mal werde ich dasselbe gefragt. Wie? Ich gehe alleine ins Kino, ins Restaurant, in die Ferien sogar?
Wie kannst du nur? Als wäre dies ein Verbrechen das man begannen hat. Da frage ich mich, wenn ich solche verdutzen Gesichter sehe, wie kleinlich und ein wenig begrenzt das Denken ihrerseits wohl ist. Vorerst einmal zur Erklärung: Wir alle kommen alleine auf die Welt und gehen auch alleine von dieser Welt.
Meine Alleinreise war bisher immer eine Flucht vom Stress zu Hause, vom Job und dem Liebeskummer.
Da suche ich Ruhe, dafür ist das Alleinsein bestens geeignet. Dafür mag ich die Stadt NYC so sehr, da ist jeder für sich selbst, und es kümmert niemanden, ob man alleine ist. Man wird akzeptiert. Es ist das Normalste auf der Welt, wenn man in einem noblen Sushi Restaurant ist oder in einem urbanen Café sitzt mit einem guten Buch, Zeitschrift oder für sich eine Skizze auf Papier malt. Ganz einfach, man darf man selbst sein und sich darin verlieren. Da ist eine gewisse Kreativität gefragt, wie man seine Zeit nutzen möchte.
In der Schweiz ist dies anders. Ich sehe all die verblüfften Gesichter vor mir. Klar, sage ich oft, wünschte ich mir auch, Gesellschaft zu haben, aber das brauche ich nicht unbedingt. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich ein Einzelkind bin und gewöhnt bin, alleine durch das Leben zu gehen.
Der Fakt, dass man alleine reist, ist der beste Beweis dafür, dass das Leben einen zu sich führen will. Es ist eine Botschaft (wo auch immer diese herkommt), dass wir die Zeit nutzen sollten, uns selbst kennenzulernen. Dass der Mensch seine eigene Gesellschaft alleine aushält und sich mit sich selbst auseinandersetzt. Ja, dazu gehören auch Selbstgespräche.
Eine Erfahrung war, als mich meine zwei Kolleginnen im Stich gelassen hatten für unseren Sommerurlaub. Da stand ich in der Lobby des Hotels angekommen mit meinem kleinen Handgepäck. Der Flug war ganz okay. Auf mein Zimmer im Hotel musste ich noch warten, da es gereinigt wurde. Doch als ich hier so vor dem Sofa stand, setzte ich mich nieder, und eine plötzliche Einsamkeit ergriff mich, als würde sie mich umarmen.
Mir kullerte eine Träne an meiner linken Wange hinunter. Es war eine unterdrückte Traurigkeit. Natürlich fühlte ich mich einsam. Wie ich Planänderungen im letzten Moment hasse. Es war sehr feige von meinen Kolleginnen (Kolleginnen kann man sie nicht nennen) mir gegenüber. Ablenkung brauchte ich in dieser schwierigen Zeit. Die Vorstellung kam in mir auf, wie schön wäre es, dass wir gemeinsam lachen könnten, gut essen und die Sonne und gute Musik am Pool geniessen könnten. Über Witze und die Tollpatschigkeiten der anderen lachtn und uns so die Bauchmuskeln für die Bikinifigur stärken. Fehlanzeige. So sass ich hier. Nie hatte ich mich so einsam und verletzt gefühlt. Das Schlimmste war, dass ich mich mit einem hartnäckig sitzenden Parasiten im Kopf herumschlagen musste. Damit ist der Gedanke an ihn gemeint. Nun ja, was blieb, war der Liebeskummer.
Das trifft mich mitten ins Herz, ich fühlte mich in diesem Moment wie gelähmt und wünschte mir sehnlichst eine Umarmung. Mein Oberkörper wurde mit feinen Stichen durchzogen. Mir tat alles weh, und der Kloss in meinem Hals blieb. In diesem Moment war ich verwirrt und enttäuscht. Mein Herz wollte ihm schreiben, ihn um mich haben oder wenigstens die Freundinnen, die mich auf eine Weise ablenken würden hier wie eigentlich alles geplant war. Das war eine Täuschung. Die Tränen hatte ich mir schnell weggewischt und wollte endlich ins Zimmer gehen. Von da an beschloss ich, das Beste aus meiner Reise zu machen. Das Leben wollte es so – mich auf diese Weise selbst zu finden. Mich zu lieben und das Beste daraus zu machen. Das saftige Grillspiesschen würde sich ab sofort zu meinem Guten wenden.
So beginnt eine neue Lebenslage. Das Reisen alleine ist eine Kunst eine Neuentdeckung immer wieder aufs Neue. Es macht frei. Es macht süchtig nach dem Alleinsein. Du selbst genügst dir, und das ist alles, was zählt. Wie sehr ich es liebe, alleine zu lachen, nackt durch mein Hotelzimmer zu tanzen bei guter Musik oder auch Selbstgespräche zu führen. Meine Monologe sind fantastisch. Es gibt auch Dialoge, die ich mir vorstelle und anfange zu philosophieren. Stellt euch das mal vor. Da gibt es einige Familien oder Pärchen am Frühstückstisch am Morgen, die mich komisch betrachten. Abends ist es nur noch schlimmer. Frisch geduscht und von der Sonne braungebrannt, zurechtgemacht im schicken Sommerkleidchen und mit diesem Beach-Glow sich selbst auszuführen und sich an den Tisch zu setzen, erfordert ein wenig Mut. Da wünscht man sich am meisten, einen Gesprächspartner am Tisch zu haben, einen Austausch. Die anderen Gäste schienen Geschichten zu erfinden, wieso ich alleine hier war. Ich hatte den Eindruck, sie tuschelte,n ob ich wohl mit meinem Freund hier gebucht hatte und dann sitzen gelassen wurde. Nein, so war es nicht. Die Menschen wollten irgendwie in Kontakt treten, trauten sich dann aber nicht. Es ist im ersten Moment hart, keinen Gesprächspartner an meiner Seite zu haben, fühlt sich fremd und verwirrt an zu Beginn. Da bekommt man einige schräge Blicke zugeworfen, fast schon mitleidig. Mich kümmert es nicht mehr. Sich selbst was Gutes zu tun oder einfach nur in sich hinein zu hören.
Step by Step gewöhnt man sich an die Situation, mit sich selbst zu sein. Den Rückzug in sich selbst. Es ist auf eine gewisse Weise gesund, das Alleinsein zu beherrschen. Irgendwie finde ich einen Komfort in diesem Alleinsein für sich.
Diese Aussage beschreibt es am besten:
«I don’t like depending on people because people leave all the time. Because at the end oft he day all you have is yourself and that has to be enough.» (Ich mag es nicht, von Leuten abhängig zu sein, denn Leute verschwinden dauernd. Denn am Ende des Tages ist alles, was du hast, du selbst, und das muss genügen.»
Ivana Mijailovic (*1993) ist Schauspielstudentin und Model. Sie lebt in Männedorf (ZH).
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