Geldgierige Streamingdienste wollen unser Land rücksichtslos abzocken, indem sie das neue Schweizer Filmgesetz mit miesen Tricks hintertreiben. Dabei würde die «Lex Netflix» die Schweiz in den Olymp des Filmschaffens katapultieren. Das behauptet jedenfalls Regisseur Michael Steiner.
Die Story ist mitreissend: Streaminganbieter wie Netflix, Sky, Disney oder Amazon Prime haben korrupte Schweizer Jungpolitiker angeheuert, um das Filmgesetz zu Fall zu bringen, über das wir am 15. Mai abstimmen. Denn gemäss diesem müssten die Unternehmen künftig 4 Prozent des Umsatzes, den sie in der Schweiz erwirtschaften, an den Staat abliefern.
Es geht um alles oder nichts für die Streamingindustrie. Dasselbe gilt für unsere Filmindustrie: Sie braucht diese 4 Prozent dringend, um die Welt mit reihenweise Filmen und Serien «made in Switzerland» zu beglücken und Hollywood zum reinen Nebendarsteller zu machen.
Schurkenhafte Jungparteien
Das ist verkürzt die These des Schweizer Regisseurs Michael Steiner im «Nebelspalter» (kostenpflichtig). Steiner baut diese auf wie das Drehbuch zu einem packenden Thriller. Da gibt es die Guten: Das sind die verhungernden Schweizer Filmemacher, an denen das Schicksal des ganzen Landes hängt. Da sind die Bösen: Täuschend harmlos aussehende Schurken in der Form von Jungpolitikern, die nur Strohmänner in den Händen der gierigen Streaminglobby sind. Und es gibt wie in jeder guten Story einen kleinen Hoffnungsschimmer auf ein Happy End.
In Nebenszenen des packenden Drehbuchs von Steiner wird uns gezeigt, wie wundervoll es wäre, wenn die Guten gewinnen. In Spanien, Italien und Frankreich wurden die Streamingdienste bereits in die Knie gezwungen, und nun boomt die dortige Filmindustrie dank Abgaben. Die Schweiz steht jetzt ebenfalls kurz vor diesem Durchbruch – aber eben nur, wenn die Bösen nicht gewinnen.
Geld macht keinen Erfolg
Soweit die Story von Michael Steiner. Natürlich hat er der Fiktion geschuldet einige Details ausgelassen und andere dafür dramatisiert. «So richtig abzocken» wollen die Streaminganbieter die Schweiz, schreibt er. Das Publikum muss sehr grosszügig sein, um das zu glauben: Der Minimarkt Schweiz ist der Schlüssel zum Erfolg für globale Giganten wie Netflix oder Disney?
Steiner lässt auch aus, dass der Schweizer Film heute schon mit weit über 100 Millionen Franken pro Jahr subventioniert wird – ohne grosse Auswirkungen. Der erfolgreichste Schweizer Streifen «Die Schweizermacher» stammt aus dem Jahr 1978. Der Rest der Welt nimmt unser Filmschaffen schlicht nicht wahr. Was kaum am fehlenden Geld liegt.
Auch in der Logik verheddert sich der Drehbuchautor in seinem jüngsten Werk (für das wir übrigens den Arbeitstitel «Das Goliath-Komplott» mit der Schweiz in der Rolle von David vorschlagen). Zeilenweise schwärmt er, mit welchem Eifer die Streamingfirmen schon heute europäische Produktionen realisieren und dass es in ihrem eigenen Interesse liege, das zu tun, um das lokale Publikum an Bord zu holen. Die Schweiz sei aufgrund ihrer grandiosen Kulisse für internationale Produktionen geradezu prädestiniert, so Steiner.
Warum Schweizer Werke im Streamingangebot angesichts dieser hervorragenden Ausgangslage und üppiger staatlicher Unterstützung nicht heute schon reüssieren und weshalb eine Umsatzabgabe von 4 Prozent daran etwas ändern soll: Der Plot des Thrillers schweigt sich darüber aus. Erwähnt wird auch nicht, dass die angeblichen Kronzeugen zugunsten einer Umsatzabgabe – Frankreich, Italien, Spanien – im Unterschied zu uns schon seit Jahrzehnten eine grosse und gut funktionierende Filmindustrie haben.
Der Nase der Profis vertrauen
Die Beweisführung für die These des Drehbuchs ist auch etwas wacklig. Mehrfach nennt Autor Michael Steiner die spanische Netflix-Erfolgsserie «Das Haus des Geldes» (im Original: «Casa de Papel») als Beleg dafür, dass Umsatzabgaben wahre Wunder bewirken. Dazu muss man wissen: Die bewusste Serie war ursprünglich vom Sender «Antena 3» produziert worden und stand nach der ersten Staffel kurz davor, eingestampft zu werden. Dann wurde Netflix auf die Produktion aufmerksam, führte sie weiter, schliesslich wurde sie von einem Massenpublikum rund um den Globus entdeckt.
Ist der Erfolg den Zwangsabgaben in Spanien zu verdanken? Oder irgendeiner Quote? Nein. Sondern dem Umstand, dass die Serie dramaturgisch hervorragend gemacht ist und Netflix eine Nase für den richtigen Stoff hat. Streaminganbieter investieren gern in vielversprechenden Stoff, und das völlig freiwillig. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Schweizer Serie «Tschugger» eine Coproduktion von Sky und SRF. Das amerikanische Unternehmen war bereit, eine Schweizer Produktion zu realisieren, wollte sich dabei aber einbringen. Gottlob, denn SRF allein oder unsere eigene Filmförderung hätten so etwas nie im Leben geschafft.
Denn das ist der wichtigste Punkt: Das «Lex Netflix»-Drehbuch von Michael Steiner verschweigt, was mit den segensreichen 4 Prozent Umsatz, die an die Schweiz gehen sollen, danach passiert. Netflix und Co. bringen das Geld nicht etwa in Säcken zu den aussichtsreichsten Schweizer Filmern, damit diese eine tolle Produktion realisieren. Es fliesst in unsere nationale Kulturbürokratie, die danach entscheidet, in welche Ideen es investiert werden soll. Also zu den Leuten, die es mit ihrer Auswahl heute schon kaum je schaffen, den Geschmack des Publikums, ob zu Hause oder international, zu treffen. Wir haben bei einem Ja zum Filmgesetz danach also einfach mehr Geld, aber nach wie vor keinen Plan, wie wir dieses richtig einsetzen.
Alles in allem hat Erfolgsfilmer Michael Steiner bei seinem neuesten Werk eine wichtige Grundregel von Drehbüchern vergessen. Auch wenn Fiktion immer eine gewisse Dramatisierung erfordert: Die Story muss dennoch wenigstens halbwegs glaubwürdig und nachvollziehbar sein. Die Geschichte der amerikanischen Streamingdienste, die uns bis aufs Blut ausnehmen wollen, das Märchen von möglicherweise bezahlten Jungparteien und die Fabel der blühenden Filmlandschaft, die in der Schweiz dank der «Lex Netflix» entstehen würde: Dieser Plot ist selbst für ein sehr anspruchsloses Publikum zu löchrig.
Der Film nach diesem Drehbuch würde wohl direkt auf DVD gepresst. Fürs Kino reicht das kaum. Nicht einmal in der Schweiz.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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