Markus Bänziger
Was sagen Ostschweizer Persönlichkeiten zur CS-Übernahme? Im ersten Teil die Statements von Maria Pappa, Beni Würth, Martin Lörtscher, Urs Martin, Markus Bänziger, Walter Ernst und Gabriel Macedo.
Markus Bänziger
Markus Bänziger, Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell: «Unbestritten, für die Schweizer Wirtschaft eines der schwärzesten Wochenenden! Dies auf verschiedenen Ebenen:
a. Eine für die Bevölkerung und die Wirtschaft relevante, wichtige Bank verschwindet, und damit schwindet auch der Wettbewerb unter den Banken.
b. Weltweit über 50'000, in der Schweiz 17'000 Menschen verlieren ihre Verbundenheit zum zumeist langjährigen Arbeitgeber.
c. Der Bankenplatz Schweiz nimmt Schaden - und damit wohl auch die weltweite Reputation der Schweiz als Land, als Exportnation: Wir stehen in vielen Regionen dieser Welt für ein einzigartiges Versprechen von Sicherheit, Professionalität und Qualität.
Wenig erfreulich ist zudem, dass die nach der Finanzkrise von 2008 initiierten Massnahmen, die ein Einspringen des Staates hätten verhindern sollen, nun doch nicht greifen konnten: «too big to fail» gilt unverändert.
Wiewohl die Notaktion von Bund, FinMA und SNB am chancenreichsten für eine rasche Beruhigung scheint, steht die UBS als übernehmendes Unternehmen vor einer herkulischen Aufgabe. Die Neugestaltung der vergrösserten Bank und die Zusammenführung mit der CS wird enorme Kapazitäten absorbieren und so grossen Teilen des UBS-Teams die wichtigsten Aufgaben erschweren: die Marktbearbeitung und Weiterentwicklung des angestammten Geschäfts. Für die Schweiz entsteht ein Koloss, der die Relationen verzerren wird und für die Grösse der Schweizer Volkswirtschaft Grenzen zu sprengen droht.»
Urs Martin
Urs Martin, SVP-Regierungsrat, Kanton Thurgau: «Mit den Entscheiden am Wochenende konnte ein Konkurs der CS abgewendet werden. Sehr ernüchternd ist hingegen, dass der Staat einmal mehr bei den Grossbanken intervenieren musste, obwohl die Regulierung nach 2007 massiv ausgebaut wurde. Die neu geschaffene UBS wird im Vergleich zur Schweizer Wirtschaft noch viel systemrelevanter und schwieriger zu kontrollieren. Gleichzeitig wird sie international noch exponierter. Absehbar sind schon jetzt internationale Klagen u. a. wegen der Verletzung der Aktionärsrechte mittels Notrecht. Der Schweizer Finanzplatz – und damit die ganze Schweiz als Land – haben insgesamt viel an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Für Schweizer Unternehmen ist es eine wesentlich schwächere Position, wenn sie nur noch eine Grossbank haben, die für eine Finanzierung in Frage kommt. Die Folgen für die Schweizer Wirtschaft sind beträchtlich. Hinzu kommen Tausende hoch qualifizierte Arbeitsplätze, welche aufgrund der Fusion mutmasslich verloren gehen werden, was ebenfalls sehr bedauerlich ist.»
Martin Lörtscher
Martin Lörtscher, CEO der Hugelshofer Gruppe mit Sitz in Frauenfeld: «Durch die Übernahme der CS durch die UBS scheint es, als ob der Niedergang der Schweizer Bankenbranche unaufhaltsam ist und dass dies nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur totalen Zerstörung des Finanzplatzes Schweiz ist. Viele rechtschaffende Menschen haben ihr Geld in Aktien der CS investiert, und jetzt werden sie praktisch enteignet. Das ist ein Skandal. Es ist nicht akzeptabel, dass die Interessen der Aktionäre so leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.
Es ist traurig zu sehen, dass die Schweiz, die für ihre Stabilität und ihre wertorientierte Wirtschaftspolitik bekannt ist, durch diese Fusion einen Teil ihrer Identität verliert. Letztendlich bleibt nur Fassungslosigkeit und die Hoffnung, dass diese Zeitendwende nicht der definitive Anfang vom Ende für die Schweiz ist.»
Gabriel Macedo
Gabriel Macedo, Präsident FDP Thurgau: «Der Sonntag ist ein schwarzer Tag für die Schweiz. Die UBS hat die Credit Suisse (CS) übernommen. Angesichts der dramatischen Entwicklungen der letzten Tagen war dieser Entscheid aber notwendig, um grossen Schaden für den Schweizer Finanz- und Wirtschaftsstandort abzuwenden. Was mit der CS passiert ist, ist eine Schande für die Schweiz. Die Schweiz und ihr Finanzplatz leben vom Vertrauen der Akteure. Dieses gilt es wiederherzustellen. Das Management der CS hat seit der Finanzkrise von 2008 seine Hausaufgaben nicht gemacht und steht in der Verantwortung. Die Politik muss sich nun vor allem dafür einsetzen, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben können – dank guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn die Schweizer Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass wir gut aufgestellte, global agierende Schweizer Banken haben.»
Walter Ernst
Walter Ernst, Leiter der Niederlassung St. Gallen, Regionaldirektor Schweiz, Hypo Vorarlberg Bank AG: «Das Ganze ist sehr bedauerlich für den Finanzplatz Schweiz, für die Mitarbeiter und natürlich auch für die Aktionäre. Aber der Schritt war wohl notwendig und zeigt, wie gut die Schweizer Aufsicht, SNB, Politik und letztlich auch die UBS in der Krise funktioniert haben. Dies zeigt wiederum die Stärke unseres Finanzplatzes und auch der Schweiz als Nation.»
Beni Würth
Beni Würth, Mitte-Ständerat, Kanton St.Gallen: «Das Ganze ist wirtschafts- und gesellschaftspolitisch eine Katastrophe. Das Risikomanagement der CS hat während Jahren komplett versagt. An der Regulierung liegt es jedenfalls nicht und ich bin auch dagegen, dass die Aufsicht im Bankenwesen nun noch engmaschiger wird – das wären die falschen Schlussfolgerungen bei offensichtlichem unternehmerischen Fehlverhalten. Das Ganze muss auch rechtlich aufgearbeitet werden. Es kann nicht sein, dass bei dieser gigantischen Wertvernichtung niemand zur Verantwortung gezogen wird. Bundesrat und Nationalbank blieben nichts anderes, als Schadensbegrenzung zu betreiben und den Finanzplatz Schweiz möglichst gut zu schützen. Die Modalitäten der ganzen Übung werden in der Finanzkommission sicher besprochen, auch wenn die Operation auf Notrecht basiert. Auch das Notrecht war leider zwingend, aber trotzdem einfach nur ärgerlich.»
Maria Pappa
Maria Pappa, SP-Stadtpräsidentin, St.Gallen: «Eine etablierte, seit 167 Jahren bestehende Bank verschwindet. Per Notrecht muss sich die Politik einschalten, um gravierende volkswirtschaftliche Verwerfungen in der Schweiz und in der Welt zu vermeiden. Eine unfassbare Situation, die innert weniger Tage eintrat, mit einer längeren desolaten Vorgeschichte allerdings. Aus Sicht des Bundesrats war der Schritt unumgänglich. Eine Destabilisierung des Finanzsystems mit ungewissen Folgen musste um jeden Preis verhindert werden. Tausende von Firmenkontakten zu kleinen und mittleren Unternehmen, welche die CS hat, mussten stabilisiert und die vielen Privatpersonen, welche ihre Hypotheken, Sparguthaben etc. bei der Bank haben, geschützt werden.
Trotzdem verursacht dieser staatliche Eingriff weitreichende Kollateralschäden und wirft viele Fragen auf. Hätte man früher reagieren sollen? War es die richtige Notlösung? Konnte damit der Schaden tatsächlich minimiert werden? Was ist mit denen, die den Schaden verursacht und gleichzeitig Millionen an Boni kassiert haben? Welche Regulierungen braucht es, um solche Geschehnisse in Zukunft zu vermeiden?
Solche Feuerwehrübungen sind schwer erklärbar; ein weiteres Mal müssen Steuerzahlerinnen und -zahler für die Verfehlungen und das Missmanagement bei einer Schweizer Grossbank einstehen. Sie bürgen mit unglaublichen 109 Milliarden Franken! Dazu kommt, dass das Risiko für den Staat mit der neu geschaffenen Mega-Bank mutmasslich noch grösser ist. Kommt diese ins Straucheln, wäre das für die Schweiz und die Steuerzahlenden verheerend. Nicht zu reden von den tausenden Arbeitsplätzen, welche nun unter Druck stehen. Wie erklären wir dies all den verantwortungsbewussten und zuverlässigen Mitarbeitenden? Wie erklären wir, dass Geld für faire Löhne, sichere Renten und bezahlbare Krankenkassenprämien fehlt, dass Massnahmen für den Klimawandel nur langsam voran gehen, doch gleichzeitig über Nacht die Politik Milliarden auftreiben kann, um eine Grossbank vor dem Konkurs zu retten?
Der Niedergang der CS zeigt: Der Markt hat gravierende Mängel und die Regulierungen greifen nicht. Längerfristig braucht es mehr als 109 Milliarden. Längerfristig müssen wir ein neues vertrauensvolles, faires, funktionierendes System finden, das mit der Komplexität der Welt zu recht kommt.
Kurzfristig gilt es für die unzähligen Mitarbeitenden der CS, aber auch der UBS, die nun um ihren Job bangen, deren Familien und Angehörigen Unterstützung zu bieten. Es kann nicht sein, dass diese Menschen die Folgen des Missmanagements tragen müssen. Einmal mehr ist Solidarität gefragt - und ein Zeichen des CS-Topmanagements, das sich über Jahrzehnte mit gut ausgestatteten Boni schadlos gehalten hat. Jetzt wäre es an der Zeit, diese in den CS-Sozialplan zu reinvestieren.»
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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