Und hier der Rest zur Zahnlücke.
Europa? Asyl? Steuern? Klimawandel? - Unsinn. Die Schweiz hat wichtigere Themen. Zum Beispiel eine Zahnlücke.
Bis vor kurzem kannte kaum jemand in der Ostschweiz Heidi Z'graggen, die Urner Justizdirektorin. Warum auch? Wir erwarten ja von den Leuten in Uri auch nicht, dass sie den Innerrhoden Säckelmeister kennen.
Nun aber will Frau Z'graggen in den Bundesrat. Dort wäre sie das erste Regierungsmitglied mit einem Apostroph im Namen, hat ein findiger Journalist herausgefunden. Wir haben den Wahrheitsgehalt nicht verifiziert, weil die Nachricht, gelinde gesagt, eher unwichtig ist.
Das gilt aber natürlich nicht für das entscheidende Merkmal an Frau Z'graggen: Ihre Zahnlücke. 99 Prozent der politisch interessierten Leute ist sie vermutlich noch nicht mal aufgefallen. Aber «20 Minuten» hat Experten zusammengetrommelt, die dieses Detail bewertet und Rückschlüsse daraus gezogen haben.
Das Ergebnis eines Fachmanns: Die «kleine Imperfektion» verleihe der Kandidatin «einen gewissen Charme». Dass sie diese nicht habe korrigieren haben lasse, deute auf Bodenständigkeit hin. Sympathisch wirke sie und so weiter.
Erstaunlich, was aus dem reinen Nichts - eine Lücke ist ja wortwörtlich nichts - alles geschlossen werden kann. Dabei gibt es doch auch andere Interpretationsmöglichkeiten.
Vielleicht hatte die Urner Regierungsrätin bisher einfach kein Kleingeld für einen Eingriff beim Zahnarzt und muss deshalb dringend Bundesrätin werden - das ist ja auch punkto Lohn ein Aufstieg. Oder aber sie hat gemerkt, dass sie dank der Zahnlücke viel besser Kaugummi-Blasen machen kann. Oder laut durch die Finger pfeifen. Und will deshalb nichts ändern.
Nun dürfen wir nur hoffen, dass die Frau wirklich Bundesrätin wird. Denn dann freuen wir uns auf künftige Schlagzeilen wie «Darf man mit dieser Zahnlücke Bundespräsidentin werden?» - «Experte rät: Bei Staatsempfängen nur mit geschlossenem Mund lächeln». Und viele mehr.
Es wäre gelacht, wenn man mit diesem Thema nicht die nächste Sommerflaute überstehen könnte.
Und hier der Rest zur Zahnlücke.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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