Der Sturm Vivian vor über 30 Jahren fegte 100 Hektar Wald in Wangs nieder. Nun wurde das Projekt «Starke Bäume für den Wangser Wald» mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.
Mit gutem Gewissen darf man sagen: Der Revierförster Max Schnyder hatte vor 30 Jahren wohl den richtigen Riecher. Er setzte nämlich, nachdem ein Sturm in den 90er Jahren über 100 Hektar Wald in Wangs umlegte, auf die richtigen Jungbäume. Zehn Jahre später, als sich die Jungbäume bereits gegenseitig bedrängten, kam Forstunternehmer Alfred Kuster zum Einsatz: «Als ich meine Arbeit aufnahm, war das Gelände sehr unübersichtlich, es war schwierig, mit der Motorsäge überhaupt durchzukommen», erinnert er sich zurück. «Es ist ein steiles, abgelegenes Gelände, das einem alles abverlangt.»
Richtige Entscheidung
Heute wachsen im besagten Abschnitt viele stabile und starke Bäume mit einer grossen Artenvielfalt. Und gerade die erstaunt – denn sie ist aussergewöhnlich für die gelegene Höhe von bis zu 1’600 Metern über Meer.
Dominieren würden hier eigentlich die Fichten. Das Ziel von Alfred Kuster und seinem Team jedoch war, möglichst viel Laubholz zu fördern und das Nadelholz zurückzudrängen. «Wenn wir heute die Verbindung zur Klimaerwärmung sehen, war unsere Entscheidung richtig», sagt er im Gespräch. Damals lagen jedoch die Gründe für das Vorgehen eher in der Förderung der Biodiversität und der Stabilität.
Von handgelenkgrossen Bäumen sind sie mittlerweile auf über 30 Zentimeter dicke Jungbäume herangewachsen. Doch woher nahmen Schnyder und Kuster die Idee, auf die Artenvielfalt zu setzen? «Ich habe mich in den vergangenen Jahrzehnten viel mit dem Waldbau beschäftigt», sagt er. Mit intensiven Diskussionen hätten sie die Idee laufend weiterentwickelt und an die Verhältnisse der Waldfläche angepasst. Auch seine Tätigkeit als Waldbau-Kursleiter und nicht zuletzt seine Touren durch die Berge hätten ihn inspiriert. «Den Blick für die Wälder und die Bäume lege ich auch in meiner Freizeit nicht ab», so Kuster und lacht.
Widerstandsfähigkeit
Nun überwiegen klar die Vorteile der Artenvielfalt. Denn: Dringe ein Schädling in den Baum, wie beispielsweise bei der Esche, hätte dies nicht so verheerende Folgen wie bei einem homogenen Wald, der durch einen Schadorganismus wie das Eschentriebsterben fast eliminiert werde. «Wir setzen sozusagen nicht alles auf eine Karte», fasst es Kuster zusammen.
Preisübergabe an die Verantwortlichen des Wangser Schutzwald-Projekts: Josef Geisler (Landeshauptmann-Stv. Tirol), Jurymitglied Monika Frehner, Caroline Heiri (St.Galler Kantonsoberförsterin), Alfred Kuster (Pflegebeauftragter), Revierförster Max Schnyder, Kilian Grünenfelder (Ortspräsident Wangs), Kaspar Hartmann (Helvetia Versicherung) und Arge-Präsident Bruno Cozzio (von links). pd
Durch die Durchmischung sei der Boden zusätzlich viel aktiver, weil eben auch jede Baumart ihren Nutzen habe. Der gesamte Wald sei widerstandsfähiger und robuster. Schlussendlich profitieren auch die Tiere davon. «Es hat uns zwar viele Schweisstropfen gekostet, aber es hat sich gelohnt», so Kuster.
Nicht zuletzt sei es kein Alleingang gewesen, sondern die gute Zusammenarbeit mit der Ortsgemeinde Wangs als Waldbesitzerin und Auftraggeberin, mit anderen Forstbetrieben und der Jagd hätte zum erfolgreichen Projekt geführt. «Wir konnten einige Ziele erreichen, die der Jagd zugutekommen», erklärt Kuster. Dazu zählt er beispielsweise innere Öffnungen, damit nicht alles beschattet wird oder der Wildwechsel.
Ein Menschenleben reicht nicht
Die nächsten Jahre wird der Jungwald weiter gepflegt, das Holz jedoch noch liegen gelassen. Von der Dicke des Holzes her komme man nun langsam in einen Bereich, welcher eine Nutzung erst möglich mache. Im Hinterkopf hat der 60-Jährige jedoch, dass er sein «Baby» wohl auch einmal in fremde Hände übergeben muss. «Natürlich schwingt da auch ein gewisses Bedauern mit. Aber so ist der Lauf der Zeit. Als Förster ist man es sich gewohnt, zu wissen, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, um einen Wald von Anfang bis zum Schluss selber betreuen zu können.»
Nun könnte aus dem Wangser Wald durchaus ein Pionierprojekt entstehen. Gerade im nahen Ausland gab es zuletzt durch Stürme oder Schädlinge grosse Schäden in der Waldwirtschaft. Kuster: «Wir haben nun aufgezeigt, dass es auch in dieser Höhe möglich ist, einen stabilen Mischwald heranzüchten zu können.»
Hauptbild: Die glücklichen Gewinner an der Preisverleihung in Schaan: Revierförster Max Schnyder, Unternehmer Alfred Kuster, Präsident der Ortsgemeinde Wangs Kilian Grünenfelder, Waldchef der OG Wangs Markus Willi. pd
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.