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Ostblick-Hinweis

Die chaotische Rettung der Stiftsbibliothek

Die St.Galler Stiftsbibliothek zählt zu den ältesten Bibliotheken der Welt. Beim Einmarsch der Franzosen 1798 hätte St.Gallen diesen Schatz beinahe verloren.

Die Ostschweiz am 29. März 2020

Text: Urs-Peter Zwingli

1798 eroberten Napoleons Revolutionstruppen die alte Eidgenossenschaft, darunter die Stadt und das Kloster St.Gallen. Der wertvollste Schatz des Klosters war bedroht: «Die Franzosen und Vertreter der Helvetischen Republik wollten sämtliche Bücher der Stiftsbibliothek beschlagnahmen und nach Aarau bringen», sagt der Denkmalpfleger und Kulturhistoriker Josef Grünenfelder. Der 78-Jährige hat zum Gallusjubiläum 2012 das Standardwerk «Der Stiftsbezirk St.Gallen – Kulturhistorischer Führer» veröffentlicht. Das reich bebilderte Buch wurde 2019 aktualisiert und ist im Turmzimmer der Bibliothek Hauptpost verfügbar.

Stiftsbibliothek SG

Evangelium Longum. St.Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 53, Vorderseite.

Mönche brachten Bücher in Sicherheit

Grünenfelder erzählt, wie die 719 gegründete St.Galler Stiftsbibliothek gerettet wurde: «Die Mönche waren sich der Gefahr der Beschlagnahmung bewusst. Sie brachten darum schon 1797 die wertvollsten Bestände der Bibliothek in Klöstern jenseits des Bodensees in Sicherheit. Die verbliebenen Bücher versetzten sie in völlige Unordnung.»

Die mehreren Tausend ungeordneten Schriftwerke brachten die Besatzer dazu, ihren Plan fallen zu lassen: Zu kompliziert wäre die Neukatalogisierung gewesen. Nur dank der ungewöhnlichen Idee einiger Benediktinermönche kann die Stiftsbibliothek also heute historisch bedeutende Schriften wie etwa das «Evangelium longum» präsentieren. Das mit Elfenbein verzierte Buch aus dem 9. Jahrhundert wird in der Ausstellung «Gallus und sein Kloster – 1400 Jahre Klostergeschichte» im Gewölbekeller gezeigt.

Stiftsbibliothek SG

Der Anfang von Kapitel 48 über die Ordnung für Handarbeit und Lesung aus der Regula S. Benedicti, 1. Drittel des 9. Jahrhunderts.

Wildes Fest auf dem Klosterhof

Verhindern konnten die Mönche nicht, dass die Franzosen auf dem St.Galler Klosterhof ein wildes Freiheitsfest feierten. «Dabei wurde eine leicht bekleidete Dame als Freiheitsgöttin Libertas verkleidet herumgeführt», erzählt Grünenfelder. Der weitläufige Klosterhof, der mit einem grossen Brunnen und Sitzbänken eher zu einer Pause statt zum Festen einlädt, ist laut Grünenfelder übrigens einer der wenigen Plätze der Schweiz, die im 18. und 19. Jahrhundert architektonisch durchgestaltet wurden. «Schaut man den Platz an, wähnt man sich fast in Italien», sagt Grünenfelder. —

Stiftsbibliothek SG

Die St.Galler Mönchshistoriker besprechen ihre Arbeit in der Bibliothek. Grisaillemalerei im Barocksaal der Stiftsbibliothek St.Gallen, bei Regal RR.

Stiftsbibliothek SG

Cornel Doras Lieblingsort: der Klosterhof

«Die St.Galler wollen eigentlich fliegen»

Die Benediktinermönche im Kloster St.Gallen hielten Werte wie Demut und Eigenverantwortung hoch. Das spürt man in der Ostschweiz bis heute, sagt Cornel Dora, Historiker und Leiter der Stiftsbibliothek.

Stiftsbibliothek SG

«Die St.Galler streben nach Höherem», Dr. Cornel Dora, Stiftsbibliothekar

Cornel Dora, die Benediktinermönche bewiesen beim Einmarsch der napoleonischen Truppen Mut. Was waren die Grundwerte dieser Mönche?

Ein Kloster ist primär eine spirituelle Gemeinschaft von Idealisten. Die St.Galler Mönche stützten sich also auf christliche Grundwerte wie Liebe, Frieden und Verantwortung. Daneben waren für die Benediktiner ein asketisches Leben sowie Demut und Bescheidenheit wichtig.

Wie wurde das im Alltag gelebt?

Zentral im mönchischen Leben sind die Arbeit und das täglich achtmal gehaltene Gebet. Die Mönche wirkten aber auch ausserhalb des Klosters, kümmerten sich um Arme und leisteten Seelsorge. Das waren Aufgaben, die im Mittelalter sonst niemand übernahm.

Das Kloster hat St.Gallen und die Ostschweiz über Jahrhunderte beeinflusst. Merkt man heute noch etwas davon?

Ich finde schon. Die Demut der Mönche ist in der oft bescheidenen Ostschweizer Haltung zu spüren. Demut bedeutete damals und heute, dass sich der Einzelne nicht so wichtig nimmt und sich für die Gemeinschaft zurücknimmt. Die Ostschweizer sind zudem eher offen für Spiritualität, vielleicht sogar für Spinner. Das sieht man etwa in Appenzell Ausserrhoden, das als Kanton mit vielen Heilern und auch esoterischen Anbietern bekannt ist.

Die Mönche waren wie gesagt sehr spirituelle Menschen, sie schwebten fast schon über dem Boden. Viele in der Bevölkerung waren beeindruckt davon. Ich sage darum immer: Die St.Galler wollen eigentlich fliegen, sie streben nach Höherem. Ostschweizer Luftfahrtpioniere wie Eduard Spelterini oder Walter Mittelholzer haben dieses Erbe in die heutige Zeit getragen.

Der Text ist in der zweiten Ausgabe des Magazins «612» erschienen. Es widmet sich dem Thema «Zufall». Mehr dazu finden Sie hier.

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