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Forderung der SP

Die «Corona-Ampel» - und warum sie barer Unsinn ist

Die SP-Führungsriege möchte eine Art Ampelsystem für die Coronasituation. Sind gewisse Kennzahlen erreicht, schaltet sie auf Rot - und die Bahn ist (ironischerweise) frei für härtere Massnahmen. Die Idee scheitert schon an einer banalen Frage: Welche Kennzahlen bitte?

Stefan Millius am 24. November 2020

Die gute alte Ampel ist eine tolle Sache, weil sie eindeutig ist und keine Zweifel lässt. Bei Rot stehenbleiben, bei Grün gehts los. Im 21. Jahrhundert aber ist die Ampel nicht mehr nur im Strassenverkehr gefragt. Mit ihrer Hilfe sollen wir uns beispielsweise nur noch gesund ernähren - dank Ampelhinweisen auf Lebensmitteln. Ist viel Zucker oder Fett drin, schreit uns die Verpackung rot an. Was natürlich nur die Vorstufe ist, irgendwann werden Zucker und Fett einfach aus dem Regal verschwinden müssen.

Sozialdemokraten lieben solche Dinge. Wenn Eigenverantwortung ersetzt wird durch Belehrungen oder gar Verbote, fühlen sie sich richtig wohl. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die SP auch nach einer «Corona-Ampel» ruft. Diese soll eine Art Frühwarnsystem sein.

Der Begriff ist natürlich etwas seltsam. Eine Ampel warnt nicht, sie gebietet. Man müsste wohl eher von einem «Corona-Barometer» sprechen oder ähnlich. Aber egal, bleiben wir bei der Ampel. Und fragen uns: Eine gute Idee?

Kommt natürlich drauf an. Eine Ampel an einem unübersichtlichen städtischen Knotenpunkt ist eine gute Idee, eine Ampel auf einer Landstrasse im Nirgendwo ohne irgendwelche Kreuzungen ist eine schlechte Idee.

Damit die Corona-Ampel Grün, Orange oder Rot anzeigen kann, muss sie mit Kriterien gefüttert werden. Diese muss jemand definieren. Der SP schwebt vor, dass Kennzahlen entscheiden sollen, ob man die Massnahmen lockern kann oder verschärfen muss. Kennzahlen? Jedem kritischen Geist schlackern da die Ohren. Sprechen die von den Fallzahlen, also einem positiven Test, diesem Makel, der an so vielen kerngesunden Menschen haftet, die für nichts in Quarantäne sitzen? Oder von Todesopfern? Also von der Statistik, der förmlich alles zugeschlagen wird, was man halbwegs so verkaufen kann? Oder geht es um die Belegung der Intensivstationen, die je bekanntlich seit Wochen überfüllt sind, aber seltsamerweise doch nicht?

Egal, welches die Kennzahlen sind: Wenn diese dazu dienen sollen, eine «Ampel» zu füttern, die danach über unseren Alltag entscheidet, wäre es bitter nötig, sie bis ins Detail aufzuschlüsseln. Mit der zentralen Frage: Welcher Anteil der bewussten Zahl hat ursächlich und wirklich etwas mit dem Coronavirus zu tun - und nicht nur am Rande und als Begleiterscheinung?

Würde man die Ampel der SP heute einführen, wäre sie vermutlich glühend rot. Denn nie zuvor in der Geschichte der Schweiz wurde so frisch von der Leber und damit unsorgfältig mit statistischen Werten umgegangen. Mit den Mitteln der Überbetonung des einen und der Auslassung des anderen werden die Werte in die Richtung gelenkt, die gewünscht ist, unter freundlicher Mithilfe der nach Förderung lechzenden Medien.

Konkret: Wenn die vereinigten Blasmusikvereine der Schweiz aus irgendwelchen Gründen beschliessen, morgen alle zum Test anzutanzen, werden wir - dank der Defizite des Tests und der hohen Zyklenzahl - auf einen Schlag eine massiv höhere «Fallzahl» haben. Die Ampel schiesst auf tiefrot, obwohl faktisch gar nichts passiert ist. Aber Grund genug für einen hübschen Lockdown, der dann gleich die ohnehin inflationäre Zahl der Gaststätten dezimiert. Essen und trinken ist sowieso nicht gesund.

Immerhin hat der Bundesrat bereits zu einem früheren Zeitpunkt verlauten lassen, er halte nichts von einem Ampelsystem, weil es zu starr sei. Man müsse auch andere Faktoren wie die regionale Situation mit einbeziehen. Da hat der Bundesrat recht (endlich dürfen wir das mal wieder schreiben). Was er nicht sagt, ist: Das, was die SP als «Kennzahlen» bezeichnet, ist das Papier nicht wert, auf dem es steht. Und daraus ein System abzuleiten, wäre in etwa so, wie wenn man den Umgang mit Corona ab sofort an Astrologen delegieren würde.

Beziehungsweise: Vielleicht wäre das mit den Astrologen sogar noch die bessere Idee.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.

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