Die FDP St.Gallen hätte gerne «ihre» Karin Keller-Sutter als Bundesrätin: Das ist ein offenes Geheimnis. Allerdings würde diese Wahl ein Problem noch akzentuieren: Die Personalsorgen der St.Galler Freisinnigen. Es kommt niemand nach.
Die Hypothese: Karin Keller-Sutter (FDP SG) wird neue Bundesrätin. Objektiv betrachtet müsste sie, im Weg stehen können noch politische Spiele.
Die St.Galler FDP würde vor Stolz platzen bei diesem Szenario. Und fünf Minuten danach in Sorgen versinken: Wer genau soll ihren Ständeratssitz erben? Denn das Problem ist: Die Partei hat keine Köpfe. Beziehungsweise: Keine, die sich auf diesem hohen Niveau aufdrängen.
Es ist nicht so, dass keine fähigen Leute Mitglied der FDP St.Gallen wären. Nur wurden sie in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt, aufs Abstellgleis gesetzt oder schlicht übersehen. Jedenfalls nicht konsequent aufgebaut. Die FDP hat die Nachwuchsarbeit verschlafen. Und die Amtsinhaber hatten nie ein Interesse daran, dass andere Leute aufgebaut werden. Selbst die CVP, die ihre historische Rolle im Lauf der Zeit verloren hat, verfügt über mehr potenzielle Amtsinhaber.
Ein einfaches Beispiel dafür: Bis heute hat es die FDP nicht geschafft, ihren Nationalrat Walter Müller zum vorzeitigen Rückzug zu bewegen und damit den Weg für den ersten Ersatzkandidaten Walter Locher zu ebnen. Dieser wäre 2019 bei einer erneuten Kandidatur ein Stimmenfänger. Ob er Lust hat, noch einmal für die Partei die Kastanien aus dem Feuer zu holen, ohne dafür belohnt zu werden, ist offen.
Natürlich kann die Partei einen amtierenden Nationalrat nicht nötigen, abzutreten. Aber im Sinn eines kontinuierlichen Aufbaus wäre es bitter nötig gewesen, stärker auf Müller einzuwirken. Er sitzt seit 15 Jahren im Nationalrat. Mit Kurt Weigelt war schon einmal ein mehr als valabler Nachfolger in den Startlöchern. Diese Chance wurde verpasst, mit Locher wiederholt sich die Geschichte. Das rächt sich irgendwann.
Denn die Personaldecke der FDP ist äusserst dünn. Und das würde sich nicht nur bei einer allfälligen Ständeratsvakanz bemerkbar machen. Auch im Regierungsrat wird bald ein Platz frei, wenn Martin Klöti abtritt. Es bräuchte bei einer Bundesrätin Keller-Sutter danach zwei Persönlichkeiten mit Format, welche diese zwei Vakanzen füllen. Aber bei ehrlicher Betrachtung ist es nur schon schwierig, eine einzige zu finden.
Zeitgleich müssten auch noch auf der Nationalratsliste Zugpferde antreten, um den zweiten Sitz zu retten, wenn Walter Müller nicht mehr auf der Liste figuriert. Auch hier tut sich die FDP schwer. In den Regionen sucht man verzweifelt nach Kandidaten. Wer im Kantonsrat sitzt, wird zu einer Kandidatur förmlich genötigt. Das sind aber oft keine Leute mit kantonsweiter Ausstrahlung. Die Geschichten von Leuten, die gebeten werden, auf die Nationalratsliste zu kommen und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, häufen sich. Nationalratswahlen mit Jekami.
Mit einer reinen Frauenliste 2019 versucht die FDP, neue Wählerinnenschichten zu erschliessen. Das ist ein Rezept der frühen 2000er-Jahre. Es kann die Personalnot nicht verschleiern.
Der FDP-Mann, der am meisten von sich reden macht, ist Nationalrat Marcel Dobler. Der ist aber ein unabhängiger Geist und lässt sich ungern in Parteispiele einbinden. Vielleicht wäre er eine Option für die Ständeratsnachfolge, aber das würde die Aufgabe bei den Nationalratswahlen nicht erleichtern. Dort hat der Mann von ennet dem Ricken für ein Glanzresultat gesorgt. Neben ihm, Müller und Walter Locher war alles ein müder Abklatsch auf der Liste. Und die von 2019 droht eher schlechter zu werden.
Zwischen Euphorie und morgendlichem Kater: So würde sich die St.Galler FDP bei einer Bundesrätin Karin Keller-Sutter präsentieren. Es gibt in den Regionen starke Persönlichkeiten, die im liberalen Geist Arbeit leisten. Aber für die breite Öffentlichkeit aufgebaut wurden sie nie. Und jetzt, das muss man offen sagen, ist es zu spät dafür.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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