Irgendwann um 2010 oder so als «Punk» bei «Quöllfrösch». Die Aufnahme zeigt allerdings eine Zwischenstufe der Verwandlung.
Wie ein erklärter Anti-Fasnächtler plötzlich in einer Guggenmusik landete. Und wie er schliesslich aus biologischen Gründen Jahre später schon fast widerwillig damit aufhörte. Die Geschichte einer Hassliebe.
In dieser kleinen Serie werfen Redaktionsmitglieder von «Die Ostschweiz» einen Blick in ihr Fotoalbum und legen ihre Fasnachtsvergangenheit schonungslos offen.
Wir sehen im Bild oben eine Horde blutrünstiger Piraten beim verdienten Bier in einer Beiz in Appenzell nach zahlreichen Beutezügen. Der Herr mit den ausgeprägten (künstlichen) Backenbärten bin ich. Der Coiffeur unserer Guggenmusik hatte mir damit einen Bärendienst erwiesen: Meine Guggenkollegen fanden, ich sähe aus wie ein Ausserrhoder. Das ist in Appenzell Innerrhoden die Höchststrafe.
Das Bild hat historischen Wert. Ich bin nämlich von Natur aus ein ausgesprochener Fasnachtshasser. Oder war es. Ich mag keine von der Agenda verordnete Fröhlichkeit. Die Sau rauslassen, nur weil ein bestimmtes Datum erreicht ist, geht mir gegen den Strich.
Als ich 2005 von St.Gallen nach Appenzell zog und dort keinen Menschen kannte, überlegte ich mir die Mitgliedschaft in einem Verein. Allerdings hatte ich wenig Lust, Woche für Woche zu singen, tanzen, kegeln oder Mandalas zu malen. Eine Guggenmusik schien mir perfekt: Nur ein saisonaler Vereinsbetrieb, eher lockere Umgangsformen und Zugang zu Alkohol. Meine umfangreichen Recherchen führten mich zu den «Quöllfrösch», einer kleinen, wilden Truppe, die – wie unkorrekt! – nur für Männer offen ist. Die Erfahrungen anderer Guggen hatten gezeigt, dass das Potenzial für interne Spannungen kleiner ist so.
Und was soll ich sagen: Ich verbrachte einige sehr lustige Jahre dort. Zwar war das Instrument, das ich aus der Jugend halbwegs spielen kann, die Trompete, bereits gut besetzt, und ich versuchte mich an der Zugposaune. Aber wen interessiert schon die Musik?
Neben Pirat war ich in den Jahren danach auch mal ein Punk:
Irgendwann um 2010 oder so als «Punk» bei «Quöllfrösch». Die Aufnahme zeigt allerdings eine Zwischenstufe der Verwandlung.
Und dass ich manchmal offenbar bereits ein Glas oder zwei hatte, BEVOR es richtig los ging, beweist diese Aufnahme, in der ich es doch tatsächlich schaffte, als einziger in die falsche Himmelsrichtung zu schauen:
Irgendeiner muss immer aus der Reihe tanzen…
Irgendwann legte ich meine Karriere als Gugger nieder. Wie so oft war das Alter der Grund. Nach einigen Tagen Fasnacht lag ich regelmässig drei Wochen flach. Und während die nachkommenden jungen Generationen morgens um 3 fieberhaft überlegten, wo wir als nächstes hinsollten, wollte ich immer öfter nur eines: Ins Bett. Man sollte seine Grenzen kennen.
Doch die Moral von der Geschichte: Fasnacht ist nicht gleich Fasnacht. Dem Anlass an sich kann ich noch heute nicht viel abgewinnen, aber wenn man die Tage mit einer guten Truppe verbringt, ist es sehr, sehr lustig. Und wenn ich heute mit den Kindern am Umzug an der Strasse stehe und die «Quöllfrösche» vorbeiziehen, wird mir noch heute eine Flasche Bier in die Hand gedrückt. Danke, liebe Kollegen, für einige verrückte Jahre!
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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