Roland Haag aus Amriswil ist Präsident des Schweizer Yogaverbands.
Drei Yoga-Berufsverbände in der Schweiz stellen die Forderung, die professionelle Yogaarbeit per sofort wieder zu erlauben. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Betroffenen sind auch überzeugt, dass gerade in dieser Zeit Yoga einen wertvollen Beitrag leisten könnte.
Der Schweizer Yogaverband, Iyengar Yoga Schweiz und Yoga Schweiz Suisse richten sich in einem gemeinsamen Brief an die Bundesräte Alain Berset und Viola Amherd sowie an die Direktoren des Bundesamts für Gesundheit und des Bundesamts für Sport. Sie wollen wieder arbeiten können – zusammen mit den weiteren rund 2000 Yogalehrerinnen und -lehrern.
Stichwort Yoga: Was vor einigen Jahren für viele vielleicht noch exotisch angemutet hat, ist längst keine Randerscheinung mehr. Gemäss den Verbänden ist jede vierte Person in der Schweiz schon einmal mit Yoga in Berührung gekommen, «vorsichtig geschätzt üben hierzulande mehrere hunderttausend Menschen regelmässig Yoga, und dies mit stark steigender Tendenz», wie es weiter heisst.
Im Schreiben schildern die drei Verbandsvertreter die aktuelle Situation, in der die Gesellschaft seit bald einem Jahr stecke. Diese verursache starke nervliche Belastungen. «Jede zweite Person in der Schweiz fühlt sich seit dem Frühling 2020 deutlich gestresster: Existenzängste, Zukunftsängste und der Druck in den Familien haben zugenommen. Die Psychotherapiepraxen, die Notfallstellen und die psychiatrischen Anstalten in der ganzen Schweiz sind heute de facto überfüllt. Viele Patientinnen und Patienten können auf keine Betreuungsangebote mehr zurückgreifen.» Besonders betont wird auch die zunehmend angespannte Lage der Kinder.
Das betrifft durchaus auch das Thema Yoga. Denn regelmässige Angebote bestehen auch in öffentlichen Schulen, in psychiatrischen Kliniken und Suchtkliniken, aber auch in zahlreichen privaten Unternehmen. Die Yogapraxis helfe «erwiesenermassen, unsere Körper – im Speziellen unser Nerven, unser Atem, unser Herzkreislauf und unser Immunsystem – und unsere Psychen zu stärken.» Die Verbände liefern in ihrem Schreiben als Beleg auch Studien dazu.
Der Brief hat deshalb auch nicht nur zum Ziel, auf die Situation des Berufsstands aufmerksam zu machen. Es gehe auch um einen «Versorgungsengpass im Bereich des psychischen Wohlbefndens in unserem Land.» Yoga könne erheblich mithelfen, die «gegenwärtige Explosion der Staatskosten, insbesondere im Bereich der Gesundheit, abzudämpfen.»
Roland Haag aus Amriswil ist Präsident des Schweizer Yogaverbands.
Der Amriswiler Roland Haag, Präsident des Schweizer Yogaverbands, erlebt aus der vordersten Reihe, was derzeit geschieht. «Als Verbandspräsident bekomme ich sehr viele Zuschriften von Praktizierenden, die den persönlichen Unterricht und die wohltuenden Übungen vermissen und vermehrt alte gesundheitliche Probleme, welche sie durch die regelmässigen Yogalektionen im Griff hatten, wieder erleiden.» Livestream-Yogakurse, so Haag gegenüber «Die Ostschweiz», könnten kurzfristig eine Alternative bieten, «aber bei weitem nicht den physischen, achtsamen Unterricht in der Gruppe ersetzen.»
Er sei bestürzt über die vielen, immer lauter werdenden Hilferufe der Yoga-Lehrpersonen. «Ich frage mich, ob der Bundesrat und die zuständigen Behörden vollkommen vergessen haben, dass Selbstbestimmung das oberste Gut einer Demokratie ist. Haben sie von ihrem Bürostuhl aus das Mitgefühl und das Verständnis für das Leiden der vielen Kinder, Jugendlichen, Eltern, Berufstätigen und die alten Bürger, die in Einsamkeit leben müssen, vollkommen verloren?»
Die drei Verbände bitten die angeschriebenen Bundesräte konkret, die professionelle Yogaarbeit in der Schweiz ab sofort wieder zu erlauben und sie zu empfehlen. Die notwendigen Schutzvorkehrungen werde man selbstverständlich einhalten. Diese seien in einer Yogastunde auch auf einfache Weise umsetzbar.
Es ist anzunehmen, dass der Bundesrat derzeit in Schreiben dieser Art förmlich ertrinkt. Denn der Lockdown betrifft unzählige Branchen und Dienstleistungen. Ob eine Antwort kommt und wie sie aussieht: Fortsetzung folgt.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.