Bei Eis und Schnee musste der Windmesser auf dem Gipfelhäuschen freigelegt werden.
Vor 138 Jahren wurde die Wetterstation auf dem höchsten Berg der Ostschweiz ins Leben gerufen. Ohne Strom, ohne Seilbahn. Diese Station war zu jener Zeit eine der höchsten der Welt und hat mit ihren Beobachtern ein äusserst kontrastreiches und dramatisches Dasein gefristet.
Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft
Auf Initiative der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft begannen im Jahre 1864 80 meteorologische Stationen in der Schweiz nach einheitlichen Vorschriften zu messen. 1879 erschienen die ersten Wetterprognosen. 1880 wurde durch einen Bundesbeschluss die Schweizerische Meteorlogische Centralanstalt gegründet. Sie übernahm die 80 Stationen. Weitere kamen dazu. Zwei Jahre später wurde das Observatorium auf dem Säntis 40 Meter unter dem Gipfel im bestehenden hölzernen Berggasthaus gegründet.
Der Windmesser war auf dem Gipfelhäuschen installiert. Die Registrierstreifen zu wechseln und die Uhrwerke aufzuziehen musste hin und wieder unter Lebensgefahr erfolgen. Bei Sturm und Schnee konnte der Wetterbeobachter nur auf dem Boden kriechend das Wetterhäuschen erreichen. Der Windmesser musste von Eis, Rauhreif und Schnee befreit werden. Gelegentlich waren diese Arbeiten gar unmöglich auszuführen.
Bei Eis und Schnee musste der Windmesser auf dem Gipfelhäuschen freigelegt werden.
Spende ermöglicht das neue Observatorium
1887 erhielt der Säntis sein eigenes Observatorium. Möglich wurde dies durch eine Schenkung von 125‘000 Franken. Baumaterial und Einrichtung musste mit den Säntisträgern hochgetragen werden. 50 Kilogramm Last kosteten 6 Franken. Der gesprengte Fels wurde als Baumaterial verwendet. Von nun an verband ein unterirdischer Tunnel das Observatorium mit der Windmesserhütte auf dem Gipfel.
Einsatz unter Lebensgefahr
Mit der Wetterstation musste auch eine Telegrafenleitung für die Datenübermittlung nach Appenzell erstellt werden. Sie war anfällig. Sturm und Schnee beschädigten sie immer wieder. Noch im selben Jahr der Eröffnung der Station 1882 stürzte ein Säntisträger zu Tode. Andere mussten infolge widrigster Wetterumstände wieder umkehren und besseres Wetter abwarten.
Die Säntisträger brachten regelmässig Essen und Brennholz, sowie Petroleum für das Licht auf den Berg. Gleichzeitig musste die freihängende Telegrafenleitung kontrolliert werden.
Das Instrumentenzimmer im Observatorium.
Leidenschaftliche Wetterbeobachter
Der angesehene Posten des Säntis-Wetterwarts war begehrt. Einige Wetterwarte hielten es nur wenige Monate aus, andere hingegen viele Jahre, alleine oder zu zweit. Am längsten - nämlich 30 Jahre - versah ein Ehepaar den Dienst. Dies immer noch ohne Schwebebahn und ohne Strom.
Wäschetag auf dem Säntis 1920
Doppelmord
Als der Telegrafenkontakt am 21. Februar 1922 zur Wetterstation abbrach, hat sich zunächst niemand darüber Sorgen gemacht. Denn die Telegrafenleitung wurde durch Schnee und Sturm immer wieder einmal beschädigt. Säntisträger nahmen den Aufstieg in Angriff, mussten aber infolge Schneesturms auf halbem Weg wieder umkehren. Erst 4 Tage später gelang der Aufstieg. Totenstille herrschte, kein Rauch stieg aus dem Kamin, keine Spuren im Schnee. Die Träger fanden das Ehepaar ermordet vor. Der Täter hatte sich 3 Jahre zuvor ebenfalls als Wetterwart beworben, die Stelle aber nicht erhalten. Aus Rache heckte er einen Plan aus. Er begab sich schon Tage vor der Tat auf den Säntis und hat sich beim Wetterwart-Ehepaar als Tourist eingenistet. Dann beging er die Tat. Er nahm sich wenige Tage danach in der Nähe von Urnäsch in einer Scheune das Leben.
Schwebebahn brachte hektische Unruhe
Nun brachen lebhafte Zeiten an. Der Bau der Schwebebahn 1935 brachte viele Erleichterungen. Touristenmassen überströmten den Berg. An schönen Tagen wurden bis zu 2000 Personen auf den Gipfel befördert. Im Juni 1935 hatte das erste Skirennen auf dem Säntis stattgefunden. Mit Ruhe und Abgeschiedenheit, was die meisten Wetterwarte ja liebten, war es nun zu Ende. Ausserdem wurden die 50 Jahre alten Petroleumlampen im Zuge der Elektrifizierung durch Glühbirnen ersetzt.
Säntisschwebebahn 1935
Das Ende der Wetterbeobachter
Im Zuge der Automatisierung des Messnetzes wurde 1969 der letzte richtige Wetterwart des Säntis verabschiedet. Eine elektronische Messstation übermittelt seither alle 10 Minuten die Messwerte. Geblieben ist heute nur noch die manuelle Ablesung der Schneehöhe, welche durch das Bedienpersonal der Schwebebahn erledigt wird.
Das Klima auf dem Säntis
Das Klimamittel (1981-2010) weist auf ein rauhes Bergklima hin. Die Jahresmitteltemperatur beträgt -1,2 Grad, das sind 10 Grad weniger, als an den Flachlandstationen um den Säntis. Auch auf dem Säntis ist die Klimaerwärmung deutlich erkennbar. Die letzten 40 Jahre brachten eine Erwärmung um 2 Grad.
Klimaerwärmung auch auf dem Säntis. (Daten: Meteoschweiz / Grafik: Christoph Frauenfelder)
Die tiefste je gemessene Temperatur wurde im Januar 1905 mit -32 Grad gemessen werden, die höchste mit 21 Grad im Juni 2019. Sommertage mit über 25 Grad gibt es auf dem Säntis nie. Die höchste Windspitze erreichte der Orkan Lothar im Dezember 1999 mit 230 km/h. Im April 1999 wurde unterhalb des Gipfels im nördlichen Schneefeld die höchste je in der Schweiz erfasste Schneehöhe mit 816 Zentimetern gemessen. Allerdings wir diese Messung als Folge von Schneeverwehungen angezweifelt. Würde der Neuschnee auf dem Säntis nie schmelzen, ergäbe dies eine jährliche Schneehöhe von 11 Metern. An 300 Tagen im Jahr liegt auf dem Säntis eine Schneedecke. Die Niederschläge ergeben pro Jahr als Folge des Staueffekts des Alpsteins 284 Zentimeter, mehr als doppelt so viel wie im Unterland. Die Sonne scheint 1800 Stunden und damit rund 300 Stunden mehr als im von Hochnebel gebeutelten östlichen Mittelland.
Christoph Frauenfelder (*1950) ist Architekt in Pension und seit vielen Jahren als Wetterexperte tätig. Seine Spezialgebiete: Agrarmeteorologie, Klimatologie, Historisches Klima, Bodenseeklima. Er lebt in Niederuzwil
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