Schutzmassnahmen in Ehren, aber was jetzt wirklich wichtig wäre: Dass wir die Angst abschütteln. Denn Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und es gibt viele Zahlen, die uns die Panik nehmen könnten. Nur werden sie seltsamerweise selten prominent kommuniziert. Wir holen das nach.
Falls sich jemand wundert, dass eine Mehrheit der Menschen verschärfte Schutzmassnahmen scheinbar klaglos akzeptiert und ohne Murren zur Maske greift: Das ist nicht weiter erstaunlich. Wir haben Monate der Angstmache hinter uns. Seit Wochen werden uns «Fallzahlen» um die Ohren geschlagen, die unaufhörlich steigen. Weil weitere Erklärungen und Einordnungen dazu ausbleiben, steigt die Panik. Eine Gesellschaft, die in Angst und Schrecken versetzt ist, mag praktisch sein für die Leute, die Massnahmen durchsetzen wollen. Gesund ist dieser Zustand aber nicht, vor allem nicht auf Dauer. Immerhin sollten wir irgendwann wieder funktionieren können.
Warum spricht niemand von den guten Nachrichten, die es nach rund acht Monaten Coronavirus durchaus auch gibt? Auch das ist einfach zu erklären. Gute News sind keine News für die Medien. Versuche, Zeitungsprojekte zu starten, die nur positive Nachrichten verbreiten, sind immer gescheitert. Wir wollen nicht hören, dass Herr Müller unfallfrei von A nach B gefahren ist. Wir wollen lesen, dass er von X nach Y in einen Baum gefahren ist.
Aber tun wir das für einmal bewusst nicht, und nehmen wir nackte Zahlen. Quelle ist dabei die Webseite worldometers.info, die über sehr umfangreiche und aktuelle Zahlen rund um Covid-19 verfügt. Und nach dieser Lektüre wird es auch Ihnen besser gehen.
Schauen wir uns die ganze Welt an. Mit Stand vom 19. Oktober gab es 40,7 Millionen Coronafälle, also positiv getestete Personen. Verstorben sind 1,2 Millionen Menschen. Dazu muss man wissen, dass es Länder - beispielsweise Belgien - gibt, die bei jeder Person, die positiv getestet wurde, Corona als Todesursache ausweisen. Also auch dann, wenn die Person nach dem Test einfach die Treppe runterfällt und sich das Genick bricht. Sprich: Die 1,2 Millionen sind der absolute Maximalwert, der dem Coronavirus zur Last gelegt werden kann. Die Zahl der Menschen, die am Virus gestorben sind, ist mit Sicherheit tiefer, um wie viel, ist unklar.
31 Millionen Fälle gelten weltweit als abgeschlossen. 4 Prozent davon endeten tödlich - mit obiger Einschränkung. Aktive Fälle gibt es rund 9,2 Millionen. Von diesen befinden sich 99 Prozent in «mild condition», die Erkrankung verläuft also leicht oder sogar symptomfrei. Nur gerade 72'000 Menschen befinden sich in ernsthaftem oder kritischem Zustand.
Nun ist es keine Frage, dass für das direkte Umfeld jeder dieser 72'000 Fälle ein harter Schlag und eine menschliche Herausforderung ist, und niemand will das verniedlichen. Eine Gesellschaft muss aber verhältnismässige Entscheidungen zum Wohl der Gesamtbevölkerung treffen. Sprechen wir also über Verhältnismässigkeit: Über 9 Millionen haben aktuell das Virus, bei 72'000 hat das ernsthafte Folgen. Das entspricht 0,78 Prozent. Der Einfachheit halber rundet worldometers.info das auf 1 Prozent auf. Es sieht also sogar noch schlechter aus als es in Wahrheit ist. Und wenn die Anzahl der ernsthaften Erkrankungen bei 0,78 Prozent liegt, wo liegt dann am Ende dieser Fälle wohl die Todesfallrate? Kaum darüber.
Das sind Zahlen, die kaum jemand zur Kenntnis nimmt, weil sie vor allem eines sind: Beruhigend. Sehr beruhigend. Das Coronavirus hat mit einem Mal so gar nichts mehr zu tun mit den Katastrophenfilmen aus Hollywood, wo ganze Landstriche leergefegt sind.
Kommen wir zur Schweiz. Ende März war eine erste Spitze bei den angesteckten Personen zu verzeichnen, etwas über 14'000. Danach ging es abwärts. Vor rund einer Woche wurde dieser Spitzenwert egalisiert, seither geht es rasant aufwärts. Am 19. Oktober waren rund 27'000 Personen infiziert. Die Tendenz zudem schnell zunehmend dank immer mehr Tests. Das ist die Entwicklung der letzten Tage, die bei Bund und Kantonen zu Hektik geführt hat.
Doch eine andere Linie verläuft sehr waagrecht: Die der Todesfälle. Auch hier gilt natürlich, dass jeder einzelne zu beklagen ist. Aber man sieht deutlich, dass der Testwahn, der so einen rasanten Anstieg der Fallzahlen hervorbringt, nichts zu tun hat mit den schlimmsten Auswirkungen, die viele befürchten. Per gestern sind in der Schweiz 2138 Menschen mit dem Virus gestorben. Auch sie natürlich nicht zwingend am Virus, sondern auch einfach mit dem Virus. Aber schon im Juni waren es fast 2000 gewesen. Sprich: Es sind seither nicht viele Fälle dazugekommen.
Hätten die Behörden in den letzten Wochen von den Todesfällen statt von den «Fallzahlen» gesprochen, hätte niemand die verschärften Massnahmen verstanden. Das ist ziemlich praktisch: Die Todesfälle können die Behörden (fast) nicht steuern, die Fallzahlen schon, indem sie einfach auf Teufel komm raus testen.
Das alles sind sehr gute Nachrichten, über die man sich freuen könnte, aber das Bundesamt für Gesundheit vermeidet es tunlichst, diese Zahlen offensiv zu nennen.
Zwischen März und Mai gab es Tage, an denen 50 bis 70 Todesfälle zu beklagen waren. Noch einmal: An einem einzigen Tag. Im Oktober war 11 der Spitzenwert. Jeder von ihnen ein tragisches Einzelschicksal, aber nicht einmal ansatzweise bei den alten Werten. Konfrontiert man Behörden mit solchen Zahlen, sagen sie meist, dass eben alles verzögert verlaufe und das böse Ende schon noch komme. Vergleicht man aber den Verlauf der positiven Fälle und der Todesfälle vom Frühjahr und jetzt, wird klar, dass die Todesrate schon jetzt höher liegen müsste, wenn alles wäre wie bei der ersten Welle.
Es hat sich eben etwas geändert. Es gibt eine Begründung für die tiefere Todesrate. Derzeit stecken sich mehr junge Menschen mit dem Virus an, die seine Auswirkungen eher überleben als ältere oder angeschlagene Leute. Das stimmt. Nur: Das ist ja der beste Grund, Corona sein Image als Killervirus zu nehmen. Es gibt eine klar umrissene Risikogruppe, für alle anderen verläuft die Viruserkrankung - mit wenigen Ausnahmen - harmlos bis leicht oder im schlimmsten Fall wie eine klassische Grippe - nicht angenehm, aber es geht vorbei. Es gibt also keinen Grund, die gesamte Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.
Natürlich sind uns die erwähnten Risikogruppen nicht egal, sie müssen geschützt werden. Aber während dieser Fokus in der ersten Welle stets betont wurde, klingen Bund und Kantone nun so, als ob es um das Überleben von uns allen gehe. Fakt bleibt, dass die angebliche Gefahr für die meisten Menschen keine ist. Unter 30 verzeichnet die Schweiz einen einzigen Todesfall. Der Medianwert des Todesalters liegt bei 84 Jahren und damit bei unserer natürlichen Lebenserwartung. Wir brechen also in Panik aus über einen Virus, der statistisch gesehen den Tod am Ende des vorhersehbaren Lebenszyklus auslöst. Das ist nicht zynisch gemeint, es ist einfach die Realität der Natur.
Die apokalyptischen Botschaften, die Bund und Kantone derzeit von sich geben, stehen in einem krassiven Widerspruch zu den Zahlen. Und alarmistische Wortmeldungen wie die aus dem Spital Schwyz stehen in einem krassen Widerspruch zur tatsächlichen Versorgungslage der Schweizer Spitäler. Wer darauf hinweist, erhält stets die Antwort: Das kommt dann schon noch!
Natürlich kommt es noch. Wie bei der ganz normalen Grippe hat auch das Coronavirus eine klare Lieblingssaison, den Winter. Es wird steigende Fallzahlen geben. Und dank den täglichen Wasserstandsmeldungen erfahren wir auch immer umgehend davon und verfallen in Panik. Nur sind die reinen Fallzahlen überhaupt nicht aussagekräftig, was die Gefährdung der Menschen angeht, und es ist damit keinem geholfen.
Bund und Kantone rufen mit ihrer Strategie der Angstmache Geister hervor, die sie nicht mehr loswerden. Sollte Corona irgendwann durch oder zumindest vernachlässigbar sein, bleibt eine Gesellschaft zurück, der die Angst tief im Nacken sitzt, wirtschaftlich schwer angeschlagen, und während die Spitäler wieder hohe Kapazitäten haben, werden die Wartezimmer der Psychiater voll sein.
Das, pardon, musste mal gesagt sein.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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