Farbe bekennen hat mit Ehrlichkeit zu tun. Damit, dass Sie ganz klar und unmissverständlich dafür einstehen. Sind Sie dafür- oder dagegen?
Da gibt es aber etwas, da bekennen Sie zwar Farbe, da würden Sie es aber besser nicht tun. Da zeigen Sie, wofür Sie sind, würden aber besser farbenblind agieren. Da schadet es mehr, als dass es hilft, das Farbe-Bekennen.
Dieses «Etwas» ist die Politik.
In der Politik ist das Farbe-Bekennen eine Vereinfachung. Sie wissen, dass wenn Sie Rot wählen, Sie sozial wählen. Bei Blau unterstützen Sie liberales Gedankengut. Bei Grün achten Sie besonders auf Mutter Erde. Bei Orange leben Sie Nächstenliebe und, ja, wählen Sie jene mit Rot, Gelb und Grün in der Flagge, wünschen Sie sich auch Gesellschaftskritik. Soweit, so gut. Damit ist es aber nicht getan.
Bei der Politik Farbe zu bekennen erlaubt es Ihnen auch, in die Farbe vertrauend Personen in ein Amt zu heben, von denen Sie glauben, sie erfüllen alle Erwartungen. Die Farbe in der Politik, namentlich die «Parteizugehörigkeit», ist quasi Wegweiser dafür, dass der Weg Sie dorhin führt, wo Sie hin wollen.
So einfach ist es aber nicht.
Denn Politik ist nichts anderes, als dass man möglichst sinnvolle Regeln aufstellt für das Leben da draussen, auf der Strasse, Zuhause, in der Schule, am Arbeitsplatz, an guten und an schlechten Tagen, bei Gesundheit aber auch bei Krankheit, in der Jugend und im Alter. Das Leben aber ist derart mannigfaltig, derart facettenreich, derart vielfarbig, dass Parteifarben chancenlos sind, alle Farbstufen der Existenz auch nur ansatzweise abzudecken.
Und für einmal ist das Farbe-Bekennen hinderlich. Hinderlich beim Ziel, Poltik für alle zu machen. Hinderlich beim Bestreben, nicht zu diskriminieren: Wie oft werden gute politische Vorstösse nur belächelt, weil diese eine bestimmte Färbung haben? Zu oft. Auch in der Stadt St.Gallen. Wie oft meidet man das Gespräch mit einer Vertreterin oder einem Vertreter von Wählerinnen und Wählern, die anders gefärbt sind als man selbst? Zu oft. Auch hier.
Wir alle wollen das Beste für unsere Familie, unsere Freunde, unsere Nachbarn, unser Quartier, unsere Stadt, unsere Region. Dies schaffen wir nur, indem wir auch Politik jenseits der Parteifarben betreiben und unterstützen. Indem wir erkennen, wofür die Politikerinnen und Politiker in dieser Stadt stehen. Indem wir anerkennen, dass jede und jeder gewisse Kernthemen vertritt, aber nebenbei noch diverse andere Färbungen in sich trägt.
Radieren Sie hier und jetzt die Parteifarbe aus Ihrem Bild, das Sie von jemandem haben und malen Sie das Gemälde neu. Lassen Sie sich Zeit dabei. Ich bin überzeugt, Sie werden bei einigen Personen überrascht sein, wen Sie da wirklich vor sich haben.
Die Art, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Politikerinnen und Politiker Ihrer Stadt oder Gemeinde sehen und würdigen, ist der Anfang, damit am Ende erfolgreiche und sinvolle Politik für alle gemacht werden kann – und muss! Denn nur so können wir unsere Stadt zu dem machen, was wir alle uns wünschen: Uns hier wohl zu fühlen.
Christian Neff (*1974) ist Gründer und Partner der Advice Online AG, einer Software-Firma für Banken und KMU. Der SVP-Stadtparlamentarier wohnt in St.Gallen.
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