Linksgrün bekämpft den Zubringer Güterbahnhof mit exakt denselben Argumenten, die bereits vor 35 Jahren falsch waren.
Dies gelesen: «Die SP der Stadt St.Gallen wünscht sich in der Debatte insgesamt etwas mehr Ehrlichkeit und Mut, eingeschlagene Wege zu revidieren.» (www. stadt.sp-sg.ch)
Das gedacht: Wenige Tage vor der Eröffnung der St.Galler Stadtautobahn im Jahre 1987 hatten Autobahngegner auf der fertigen, aber noch nicht befahrenen Strasse vor dem Tunnelportal in St.Fiden gegen den «Autowahn» und die Zerstörung des Quartiers protestiert. Die Kritik richtete sich insbesondere gegen die beiden innerstädtischen Anschlusswerke Kreuzbleiche und Splügen. Diese würden lediglich Mehrverkehr bringen, so die Autobahngegner.
An der Eröffnung selber entrollten der frisch gewählte Nationalrat Paul Rechsteiner und der damalige SP-Sekretär Hans Fässler ein Spruchband mit der Aufschrift «Eröffnung der Schnittwunde». In einer denkwürdigen Aktion versuchte Simon Frick, ehemaliger Regierungsrat und einer der Initianten der Stadtautobahn, den beiden linken Politikern das Spruchband zu entreissen. Sofort stellten sich Polizisten so auf, dass der Protest von den Journalisten nicht fotografiert werden konnte.
Heute fahren täglich über 80'000 Autos und Lastwagen über die Stadtautobahn. Dabei macht der Transitverkehr lediglich 15 Prozent aus. Bei den übrigen 85 Prozent der Fahrten handelt sich um sogenannten Zielverkehr. Die Stadt ist Start- und/oder Zielort. Man braucht kein Schwarzmaler zu sein, um sich die katastrophalen Verhältnisse in unserer Stadt vorzustellen, wenn sich vor dreissig Jahren die Gegner der Stadtautobahn und der innerstädtischen Anschlusswerke durchgesetzt hätten. Die A1 entpuppte sich nicht als Schnittwunde, sondern als Glücksfall für das Leben in der Stadt St.Gallen.
Aktuell wiederholen sich die Proteste aus dem letzten Jahrhundert. Nun geht es nicht mehr um den Anschluss Kreuzbleiche und den Anschluss Splügen, sondern um den Zubringer Güterbahnhof mit dem Feldli- und dem Liebegg-Tunnel. Auch dieser Zubringer soll das städtische Verkehrsnetz und die Quartierbevölkerung im Interesse der Wohnlichkeit, des öffentlichen Verkehrs und des Langsamverkehrs entlasten. Wenig überraschend wird auch dieser Anschluss von Linkgsgrün bekämpft. Und dies mit exakt denselben Argumenten, die bereits vor 35 Jahren falsch waren.
Wie von den Planern in Aussicht gestellt, hat die Stadtautobahn in Verbindung mit den beiden zentrumsnahen Einfahrten die Stadt massiv entlastet. Unmittelbar nach Eröffnung halbierte sich die Zahl der Fahrzeuge auf den Hauptverkehrsachsen. Heute, mehr als dreissig Jahre später, liegt diese immer noch deutlich unter den Höchstwerten von 1986. Trotz einer schweizweit starken Zunahme an eingelösten Fahrzeugen.
Die SP der Stadt St.Gallen erwartet von Stadt und Kanton den Mut, eingeschlagene Wege zu revidieren. Eine Erwartungshaltung, die auf die SP zurückfällt. Der gelebte Alltag hat die Argrumente gegen den Zubringer Güterbahnhof längst widerlegt. Weder die Stadt und noch der Kanton, sondern die Gegner des Projektes sollten Lernbereitschaft zeigen und ihre eigenen Fehlurteile revidieren. Nicht zuletzt im Interesse der Menschen, die in verkehrsmässig stark belasteten Quartieren wohnen.
Kurt Weigelt, geboren 1955 in St. Gallen, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Bern. Seine Dissertation verfasste er zu den Möglichkeiten einer staatlichen Parteienfinanzierung. Einzelhandels-Unternehmer und von 2007 bis 2018 Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell. Für Kurt Weigelt ist die Forderung nach Entstaatlichung die Antwort auf die politischen Herausforderungen der digitalen Gesellschaft.
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