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Selektiver Umgang mit Zahlen

Greenpeace flunkert schon wieder — diesmal beim Atomausstieg

Greenpeace feiert den Rückgang des CO2-Ausstosses trotz Atom-Ausstieg. Ungesagt bleibt: Der Rückgang beruht vor allem auf einem Rückgang der Produktion.

Thomas Baumann am 30. April 2024

An demselben Tag, an dem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EMGR) sein umstrittenes Urteil zu der von Greenpeace orchestrierten Klage der «Klimaseniorinnen» {www.dieostschweiz.ch/artikel/klimaseniorinnen-spielen-ein-unehrliches-Spiel--7mJXV3P} fällte, verschickte Greenpeace eine Medienmitteilung.

Diese stiess zwar im Trubel des EMGR-Urteil auf wenig Beachtung — wenigstens der «Tages-Anzeiger» berichtete darüber. Zur tiefen Resonanz beigetragen hat wohl ebenfalls, dass es sich um eine Medienmitteilung von Greenpeace Deutschland handelte.

Dennoch zeigt sie gut auf, wie Greenpeace mit selektiven Informationen die Öffentlichkeit irreführt. Entsprechend liess sich auch die Zeitung in die Irre leiten und schrieb im Untertitel brav: «Seit der Abschaltung der letzten deutschen Atommeiler im April 2023 ist der CO2-Ausstoss im Energiesektor um 24 Prozent gesunken, wie Greenpeace errechnet hat.»

Weniger Treibhausgase

In der Medienmitteilung von Greenpeace liest es sich so: «Die Stromerzeugung in Deutschland verursacht im ersten Jahr ohne Atomstrom weniger Treibhausgase. Grund dafür waren ein Wachstum bei den Erneuerbaren Energien sowie sinkende Strommengen aus fossilen Energiequellen: Braunkohle minus 29 Prozent, Steinkohle minus 47 Prozent und Gas minus fünf Prozent. Insgesamt sank die Stromnachfrage im Vergleich zum Vorjahr um lediglich ein Prozent.»

Bei fast unverändertem Verbrauch die Atommeiler abgestellt, Kohle-Verstromung zurückgefahren — das lässt nur einen Schluss zu: Die erneuerbaren Energien haben derart massiv zugelegt, dass sie nicht nur den Wegfall der Atomkraftwerke kompensieren, sondern darüber hinaus gleich noch die Kohle zurückdrängen konnten.

Das Geheimnis dieses scheinbaren Wunders? Es liegt in dem, was nicht gesagt wurde. Wenigstens die Daten findet man im Bericht: So stieg im ersten Jahr nach dem Abstellen der letzten drei Atomkraftwerke die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie in Deutschland um 28 Terawattstunden (TWh). Gerade genug, um in absoluten Zahlen den Wegfall des Stroms aus Atomkraft im Umfang von 27 TWh zu kompensieren. So weit, so gut — und durchaus erfreulich.

Grund: Tiefere Stromproduktion

Doch woher rührt der Rückgang bei der Kohle-Verstromung? Erst beim genaueren Lesen des Berichts fällt auf: Die gesamte Stromproduktion ging um 52 TWh zurück. Der Rückgang der Stromproduktion aus Braun- (-27 TWh) und Steinkohlekraftwerken (-26 TWh) und der damit einhergehende Rückgang des CO2-Ausstosses rührt somit nicht daher, dass umweltfreundlicher produziert oder dreckiger Strom durch sauberen Strom ersetzt wurde, sondern schlicht und einfach daher, dass weniger Strom produziert wurde.

Wie erklärt Greenpeace selbst diesen starken Rückgang bei der Produktion von Strom aus Kohle? «Aufgrund des Ausfalls französischer Atomkraftwerke und hoher Gaspreise hatten die Kohlekraftwerke im betrachteten Zeitpunkt im Vorjahr noch deutlich mehr Strom erzeugt.»

Man könnte auch sagen: Weil im Vorjahr die deutschen Stromkraftwerke noch liefen, mussten «nur» 98 TWh Strom aus Kohle produziert werden und nicht noch 27 TWh mehr, welche damals noch von den Atomkraftwerken produziert wurden.

Oder mit anderen Worten: Dass damals die Atommeiler noch liefen, trug erheblich dazu bei, dass der CO2-Ausstoss nicht noch deutlich höher lag. Doch das bleibt selbstverständlich ebenso ungesagt.

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Autor/in
Thomas Baumann

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.

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