Mitten im Wald baute Gallus 612 seine Einsiedelei auf. Daraus entstanden das Kloster und schliesslich die Stadt St.Gallen. Wir zeigen Spuren auf, die der heilige Stadtgründer hinterlassen hat.
Text: Urs-Peter Zwingli
Gallus lebte vor über 1400 Jahren, doch auch heute kann man ihm in die Augen sehen. In der Ausstellung «Gallus und sein Kloster – 1400 Jahre Klostergeschichte » steht eine lebensgrosse Wachsfigur des Heiligen. Diese trägt die irische Mönchstonsur: lange Haare auf dem Kopf, die Schläfen rasiert. Heute ist diese Frisur wieder hip.
Das Herzstück dieser Ausstellung ist das «Evangelium longum», ein Buch aus dem 9. Jahrhundert, das mit Elfenbein, Edelsteinen und Gold verziert ist. Auf der Rückseite ist eine Elfenbeinschnitzerei zu sehen, welche die Begegnung von Gallus mit dem Bären zeigt. Diese 894/95 angefertigte Schnitzerei ist die älteste bekannte Gallus-Darstellung.
Bildnisse von Gallus gibt es in und um den Stiftsbezirk viele zu entdecken. Bei der Talstation der St.Galler Mühleggbahn beispielsweise ist die Begegnung mit dem Bären auf eine Hausfassade gemalt. Gleich nebenan rauscht die Steinach durch die düster-romantische Mülenenschlucht.
Im Innern der Stiftskirche ist Gallus auf dem prachtvollen Deckengemälde als weissbärtiger Mönch abgebildet. Ausserdem steht in der Stiftskirche auch der Gallusaltar. Bei diesem sind knöcherne Gallus-Reliquien ausgestellt.
Überreste von Gallus sind zudem in der Galluskrypta unter dem Hochaltar zu sehen. Bereits auf dem St.Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert ist hier der Ort des Grabs des Heiligen verzeichnet. Ein Teil des Schädels von Gallus ruht nicht mehr in St.Gallen. Karl IV, König von Böhmen, entnahm im Jahr 1353 Schädelteile aus dem Gallusgrab und verschaffte dem Kloster im Gegenzug Privilegien. Die Knochen liegen heute im Prager Veitsdom.
Es geht auch malerisch statt makaber: Auf dem Gallusplatz steht ein Brunnen mit einem Bildnis des Heiligen. Und an der nahen Wassergasse befindet sich der Gallusbrunnen mit einem bunten Mosaik. Auf dem Weg vom Stiftsbezirk zur Wassergasse bietet sich die Stadtlounge für eine Pause an. Die St.Galler Künstlerin Pipilotti Rist liess hier ein ganzes Quartier mit rotem Belag auskleiden.
Der Legende nach wanderte Gallus 612 von Arbon aus den Fluss Steinach entlang. Bei der Talstation der heutigen St.Galler Mühleggbahn stolperte der Heilige in einen Dornenbusch. Für den Mönch war das kein Zufall, sondern ein göttliches Zeichen, zu bleiben. Der Gallusweg, der auf Gallus’ Spuren führt, startet in Arbon am Bodenseeufer.
Der Überlieferung nach fiel Gallus dort in den Busch, wo heute im hinteren Klosterhof die Galluskapelle liegt. Diese ist nicht öffentlich zugänglich, wird aber gern für Taufen benutzt. Apropos Taufe: In der Schweiz leben 266 Männer, die den Vornamendes Heiligen tragen.
Wer sich nun weiter in Gallus’ Leben vertiefen will, der sollte das Turmzimmer der Bibliothek Hauptpost beim Bahnhof besuchen. Im Turmzimmer wird (Fach-)Literatur aus und über St.Gallen gelagert – darunter mehrere Bücher über Gallus.
Der Artkel ist in der zweiten Ausgabe des Magazins «612» erschienen. Es widmet sich dem Thema «Zufall». Mehr dazu finden Sie hier.
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