Der schlimmste Vorwurf, der dem neuen Geschäftsführer von Raiffeisen Schweiz bislang gemacht wurde, war die Frage, ob er sich nicht mal rasieren wolle.
Niemand, weder Berichterstatter noch unterlegene Mitbewerber, findet ein böses Wort über den bisherigen Leiter der Thurgauer Kantonalbank. Ausser, logisch, dass er eine langweilige, graue Maus sei.
Aber von flamboyanten und prominent ständig in den Medien auftauchenden Führungspersonal hat Raiffeisen zurzeit die Schnauze voll. In seltener Unfähigkeit liess sich die Genossenschaftsbank vor allem durch den Tamedia-Konzern ohne Gegenwehr eine Ohrfeige nach der anderen verpassen.
Nachdem der Oberchefredaktor Arthur Rutishauser den neuen VR-Präsidenten Guy Lachappelle vergeblich als «unwählbar» abgekanzelt hatte, gelang es ihm, mit einem wahren Blattschuss den CEO Patrik Gisel zum sofortigen Rücktritt zu zwingen. Obwohl Pierin Vincenz und Patrik Gisel in den letzten 18 Jahren federführend waren, dass Raiffeisen zur Nummer drei im Schweizer Banking wurde und Gisel noch diesen Frühling das beste Jahresresultat aller Zeiten verkünden konnte.
Aber jetzt kommt Heinz Huber; schon der Name ist einfach perfekt. Zudem ist Heinz Huber skandalfrei. Ein «stiller Schaffer», lasse an Sitzungen alle ausreden, sei ein «Wiederkäuer», der Entscheidungen mehrfach durchbespreche, ein angenehmer, nicht dominanter Chef mit Ausdauer, was alleine seine zwölf Jahre in der Geschäftsleitung der Thurgauer Kantonalbank belegen, bevor es ihn dann an die Spitze spülte.
Das ist alles wunderbar und man mag es Raiffeisen gönnen, dass vielleicht wieder mehr die Solidität und das gute Geschäften der Bank im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen könnten.
Aber: Die Affäre Vincenz ist noch nicht ausgestanden; es ist zurzeit nicht prognostizierbar, ob und wann gegen ihn Anklage erhoben wird oder nicht. Die Ergebnisse des internen Untersuchungsberichts liegen ebenfalls noch nicht vollständig vor. Zudem hatte sich der Hauptsitz in St. Gallen in diesem Jahr in eine wahre Schlangengrube verwandelt, wo immer wieder abwertende Informationen und Gerüchte über führende Manager an die Medien durchgestochen wurden.
Auch der mit überwältigender Mehrheit gewählte VR-Präsident Lachappelle ist noch nicht ganz in der Raiffeisen-Welt angekommen. Huber ist nun seine erste und wichtigste Personalentscheidung. Dieses Duo muss in erster Linie die Nachwehen der Ära Vincenz verarbeiten, allfällige Haftungsansprüche durchsetzen, den kunterbunten Zukauf von Vincenz abstossen, den einzelnen Raiffeisenbanken wieder mehr Gewicht verleihen, die Beschlussfassungsgremien neu aufstellen, die Macht der eigentlich gar nicht vorgesehenen Leiter der Regional- oder Kantonalverbände von Raiffeisenbanken zumindest eingemeinden. Und schliesslich die Flecken und Dellen im Image von Raiffeisen zum Verschwinden bringen.
Ist dem Duo all das gelungen, muss es noch die Nummer eins im Schweizer Hypothekarmarkt dafür fit machen, wenn die Nullzinspolitik zu Ende geht und die Luft aus der Immobilienblase entweichen wird.
Und das alles für ein Salär, für das weder der VR-Präsident noch der CEO von UBS oder Credit Suisse morgens aus dem Bett kriechen würden. Diese Vier kassieren im Jahr – obwohl die Aktienkurse im Keller dümpeln und nach der Busse vor der Busse ist – zusammen über 30 Millionen Franken. Dafür würden Lachappelle (750'000) und Huber (1,5 Millionen) über 13 Jahre lang arbeiten, wenn sie nicht vorher pensioniert würden.
Und da soll noch einer sagen, keine Leistung lohne sich nicht. Aber immerhin, wie beobachtet worden sein soll, ist Huber am Hauptsitz von Raiffeisen in St. Gallen mit einem 911er Porsche (Listenpreis ab 128'000 Fr.) vorgefahren. Das machte Pierin Vincenz cleverer. Der stieg jeweils ein paar hundert Meter vor seinem Ziel aus dem Fond seines Audi A8 – und marschierte als sympathischer und dynamischer Bergler den Rest zu Fuss.
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