In St.Gallen sollen Bäume einen besseren Schutz erhalten. Umweltverbände und Parteien haben zu einem Ja-Komitee zusammengeschlossen. Weshalb das Thema mehr Gewicht erhalten muss, verrät Parlamentarier Christian Huber.
St.Gallen verfügt bereits über eine Baumstrategie. Weshalb braucht es dennoch einen Baumschutz?
Die im Jahr 2020 veröffentlichte städtische Baumstrategie dient vorwiegend dazu, den Baumbestand auf öffentlichen Flächen zu überprüfen und im Hinblick auf die zukünftigen Klimabedingungen mit trockenen und heissen Sommermonaten zu sichern – und wo möglich zu erweitern. So soll St.Gallen langfristig über einen gesunden, resilienten und gut durchmischten Baumbestand verfügen. Die Baumstrategie bleibt aber eine Strategie und schützt grosse, wertvolle Bäume nicht vor Rodungen.
Bei der Stadt ist festgehalten, dass man den künftigen Baumbestand vergrössern will. Wie sind Sie mit der derzeitigen Situation zufrieden – oder eben nicht?
Mit dem aktuellen Baumschutzartikel, der wie eine Art Flickenteppich nur auf Teilen des Stadtgebietes angewendet wird, bestehen bisher nur wenige gesetzliche Möglichkeiten, um auf öffentlichen oder privaten Flächen Bäume besser zu schützen oder Nachpflanzungen zu fordern. Es ist zudem ungerecht, weshalb gewisse Flächen durch den lückenhaften Baumschutzartikel geschützt sind und andere nicht. Mit Blick auf Bauprojekte zeigt sich immer wieder, dass der hohe Wert von grossen Bäumen zu wenig beachtet wird. Mit einer Planung, die von Anfang an darauf angelegt ist, solche Bäume zu erhalten, könnten Fällungen vermieden werden. St.Gallen weist zudem eine niedrigere Baumkronendichte auf als andere Städte in der Schweiz, wie beispielsweise Zürich oder Lausanne. Es gibt also durchaus Potential für mehr Bäume. Mit der Erweiterung des Baumschutzgebietes soll der bisherige Baumschutzartikel auf das ganze Stadtgebiet erweitert werden. Wo er schon gilt, hat sich der Baumschutz bewährt. In diesen Gebieten unterliegt das Fällen von Bäumen ab einem gewissen Stammumfang einer Bewilligung. Auch nach seiner Ausdehnung auf die übrige Stadt bleibt allerdings das Bauen im Baumschutzgebiet möglich, jedoch mit mehr Rücksicht auf grosse Bäume.
Das Stadtparlament hatte der Vorlage am 24. Mai 2022 mit 38 Ja gegen 18 Nein sehr klar zugestimmt. Hätten Sie mit diesem Resultat gerechnet?
Es hat sich in der Kommission und während der Diskussion im Parlament gezeigt, dass grundsätzlich alle Parteien den Schutz von Bäumen als sehr wichtig empfinden. Das freut mich und macht auch das klare Resultat im Parlament deutlich. Mit dem Ratsreferendum, welches auf Antrag der FDP schliesslich mit Hilfe der SVP und Teilen der Mitte/EVP-Fraktion mit der Mindestanzahl an Stimmen erfolgreich ergriffen wurde, wird allerdings deutlich, dass zwischen schönen Worten und dem tatsächlichen Schutz des Baumbestandes doch ein grosser Unterschied liegt.
Umweltverbände und Stadtparteien haben sich für ein Ja-Komitee zusammengeschlossen. Am 12. März wird über die Vorlage abgestimmt. Wie sieht Ihre Arbeit bis dahin aus?
Uns war es wichtig, ein Komitee zu gründen, welches politisch breit abgestützt ist. Das ist uns gelungen. Bis zur Abstimmung wollen wir die Bedeutung grosser Bäume vor dem Hintergrund einer zunehmenden Zahl von Hitzetagen ins Bewusstsein der Stadtbevölkerung rücken. Wir verteilen dazu Flyer, planen Standaktionen und wollen in herkömmlichen wie elektronischen Medien präsent sein. Zudem erachten wir die Abstimmungsvorlage im Hinblick auf die Anpassungen an den Klimawandel als zentral. Die städtische Bevölkerung hat den Klimaartikel im September 2020 mit fast 80 Prozent Ja-Stimmen in der Gemeindeordnung angenommen. Die Erweiterung des Baumschutzgebietes ist ein wichtiges Puzzleteil dazu.
In St.Gallen wird vielerorts gebaut. Weshalb ist es wichtig, dass die Bäume nicht vergessen werden?
Die Zahl von alten, wertvollen Bäumen nimmt im Stadtgebiet tendenziell ab. Bis ein neu gepflanzter Baum seine volle Wirkung entfalten kann, dauert es Jahrzehnte. Bäume haben aber enorm wichtige Aufgaben: Sie sind die Klimaanlagen unserer Stadt, indem sie Schatten spenden und das Umfeld kühlen. Damit federn sie die Klimakrise ab. Zudem sind sie Lebensraum für Insekten und leisten einen wichtigen Beitrag zu Biodiversität. Und schliesslich prägen Bäume unsere Quartiere, bringen ein Stück Natur in den Siedlungsraum und fördern unser Wohlbefinden. Deshalb braucht es mehr Baumschutz in St.Gallen.
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
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