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Serie | Geheimnisse & Enthüllungen

«In der psychotherapeutischen Praxis geht es sehr viel um Geheimnisse»

Eine Liebesbeziehung, eine Schwangerschaft – aber auch ein Seitensprung oder gar Missbrauch: Ein Geheimnis zu haben, kann uns beflügeln, aber auch zur riesigen Belastung werden. Fachpsychologin Marie-Luise Imholz klärt auf.

Manuela Bruhin am 10. April 2023

Eine Studie besagt, dass jeder Mensch durchschnittlich 13 Geheimnisse hat. Fünf davon haben wir noch nie jemandem verraten. Salopp gefragt: Weshalb tragen wir sie überhaupt mit uns herum? Und was fällt überhaupt in die Definition der Geheimnisse?

Geheimnisse schützen sozusagen das Eigene. Durch Geheimnisse gewinnen wir inneren Freiraum, ungestört eine für uns passende Haltung zu finden oder uns in Beziehung zu anderen auszuprobieren. Kinder sind ungefähr ab dem Alter von drei oder vier Jahren und zunehmend bis hin zur Pubertät fähig, Geheimnisse für sich zu behalten. Geheimnisse sind wichtig für die Entwicklung von gesundem Selbstbewusstsein und von Identität. Es gibt aber auch Geheimnisse, die uns belasten und sozusagen unverdaut bleiben, für die wir uns schämen, weil wir etwas an uns als Mangel erleben oder wegen denen wir ein schlechtes Gewissen haben, weil wir meinen, anderen etwas angetan zu haben. Wenn wir belastende Geheimnisse nicht teilen, fühlen wir uns allein und isoliert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Zu belastenden Geheimnissen können Familiengeheimnisse gehören: beispielsweise Gewalt, Missbrauch oder unverdaute Traumata der Eltern. Letztere spüren Kinder in jedem Fall und nehmen sie auf. Belastende Geheimnisse können sich über psychische Symptome zeigen und inszenieren. Erkennen und verstehen von Familiengeheimnissen stärkt immer die eigene Identität.

Werden Sie in der Praxis häufig damit konfrontiert?

In der psychotherapeutischen Praxis geht es sehr viel um Geheimnisse. Es gibt deshalb die Schweigepflicht im psychotherapeutischen Setting. In der Psychotherapie geht es einerseits darum, die ‚guten‘ Geheimnisse, das heisst, die individuellen Wünsche, Entwicklungsmöglichkeiten und Ressourcen zu analysieren. Andererseits wird beleuchtet, die belastenden Geheimnisse zu verdauen und in die Persönlichkeit zu integrieren, also stimmige Lösungen zu finden. Es stellt sich manchmal die Frage, ob ein phantasierter oder gelebter Seitensprung besser kommuniziert werden oder ob es ein Geheimnis bleiben soll, um den Partner/die Partnerin zu schützen. Eltern fragen sich, ob und wann sie den Kindern Familiengeheimnisse anvertrauen sollen. – Immer gültig ist, dass Sprechen wichtig ist, wenn durch Verschweigen vertrauensvolle Nähe in einer Beziehung gestört wird. In der Paartherapie oder in analytischer Gruppentherapie geht es zentral darum, dass die Teilnehmer sich mit ihren Geheimnissen einander öffnen und dadurch erkennen können, dass übertriebene Schamgefühle oder ein schlechtes Gewissen unnötig sind.

Sie haben es schon angesprochen: Häufig wird zwischen «guten» und «schlechten» Geheimnissen unterschieden. Wie würden Sie die Definition machen?

Geheimnisse sind gut, wenn sie eine gesunde Entwicklung fördern, indem sie uns inneren Freiraum schaffen, gut mit uns selbst in Kontakt zu sein. Geheimnisse sind schlecht, wenn sie uns belasten und oft auch die Beziehungen zu anderen Menschen.

Was machen diese Geheimnisse mit uns und unserer Psyche?

Gut sind Geheimnisse für uns, wenn sie uns wie gesagt Freiraum verschaffen, kreativ herauszufinden, was zu uns passt und dadurch unserer Entwicklung förderlich sind. Schlecht sind Geheimnisse dagegen für uns, wenn unsere Lebendigkeit gebremst wird, indem wir übermässig mit Schamgefühlen, schlechtem Gewissen oder sogar mit einer posttraumatischen Symptomatik beschäftigt sind. Schlecht ist es auch, wenn sie die Nähe und Vertrauen in einer Beziehung destruktiv stören.

Kann das auch körperliche Folgen haben?

Psychische Belastungen und Stress können immer körperliche Folgen haben. Durch Verspannungen und Überreizung kommt es unter anderem zu Muskelschmerzen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder Magenschmerzen.

Stichwort Selbstbestrafung: Ist das eine Folge, wenn wir ein belastendes Geheimnis haben?

Wir können es im Geheimen so erleben, dass wir unserer Entwicklung etwas schuldig geblieben sind - das tut weh. Oder wir können uns im Geheimen anderen gegenüber schuldig fühlen. Im besten Fall gelingt es uns, sowohl beim schlechten Gewissen uns selbst gegenüber, als auch beim schlechten Gewissen anderen gegenüber, nachsichtig mit uns selbst zu sein und nicht entwertend oder sogar unbewusst selbstbestrafend. Es kann helfen und entlastend sein, wenn wir etwas wiedergutmachen können - beispielsweise eine Ausbildung nachzuholen oder unser Verhalten Personen gegenüber zu ändern.

Auf der anderen Seite: Haben wir ein «schönes» Geheimnis, kann uns das auf eine Art «beflügeln»?

Vermutlich kennen alle Menschen schöne Geheimnisse - wie beispielsweise den noch schützenswerten Beginn einer Liebesbeziehung oder eine gerade festgestellte Schwangerschaft. Das Gefühl, beflügelt zu sein, entsteht, wenn wir uns selbst und unsere Möglichkeiten in leuchtenden Farben sehen und mit der Welt freudig verbunden sind.

Das sind vor allem Geheimnisse bei Erwachsenen. Geheimnisse sind jedoch nicht in jedem Alter gleich. Für Jugendliche kann es durchaus wichtig sein, nicht alles den Eltern erzählen zu müssen. Weshalb?

Im Jugendalter ist Selbstständigkeit der wichtigste Entwicklungsschritt. Damit zusammen hängen Fragen nach der eigenen Identität, der sexuellen Ausrichtung und die Überprüfung des Wertesystems der Eltern. All dem kann zunächst besser im Geheimen, unabhängig von den Eltern, nachgegangen werden.

Sich jemandem anzuvertrauen, kann entlastend sein. Ist es entscheidend, welche Person das ist?

Gerade bei belastenden Geheimnissen sollte man unbedingt das Gespräch mit anderen suchen. Wichtig ist es, sich Personen anzuvertrauen, die offen sind, verständnisvoll mitschwingen, vielleicht einen Rat geben, aber nicht verurteilend sind. Wenn diese Gespräche nicht weiterhelfen, sollte man sich einer psychologischen oder psychiatrischen Fachperson anvertrauen.

Was raten Sie den Menschen, die ein Geheimnis haben? Wann ist es an der Zeit, sich vielleicht davon zu lösen? Und wie macht man das am besten?

Immer, wenn durch ein Geheimnis unsere Lebendigkeit leidet oder Störungen in Beziehungen anhaltend sind, sollte man ein Geheimnis nicht mehr für sich behalten. Es kann sinnvoll sein, die Situation mit einer Fachperson zu klären, bevor man sich entscheidet, ein Geheimnis einer Person zu offenbaren, die persönlich davon schwer getroffen sein könnte.

Nicht alles muss auf den Tisch gelegt oder offenbart werden. Wie würden Sie einen gesunden Umgang mit Geheimnissen beschreiben?

Es ist gesund, Geheimnisse für uns zu behalten, bis wir in einem guten seelischen Gleichgewicht damit sind. In nahen Beziehungen kann es aber auch schön sein, diese zu teilen. Denn es entsteht Vertrauen und Nähe, wenn wir Geheimnisse teilen. Belastende Geheimnisse sollte man dagegen unbedingt mit anderen besprechen, gegebenenfalls mit einer Fachperson. Familiengeheimnisse sollte man der eigenen Identität zuliebe immer mit den beteiligten Personen klären. Auch hier kann die Unterstützung durch eine Fachperson sinnvoll sein.

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Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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