Das Virus hat unsere Beziehungen zueinander verändert. Während die Welt versucht, mit den Auswirkungen der Pandemie fertig zu werden, werden die Folgen für das Leben der einfachen Menschen sichtbar. Ein Gastbeitrag von Marcel Emmenegger, Sozialarbeiter in Frauenfeld.
Meine bald siebenjährige Tochter Amara fragte mich letzten Sonntag beim Mittagessen, ob sie nach der Geburt auch in Quarantäne war. In diesem Moment begriff ich, in welch verrückter Welt sich unsere Kinder gerade befinden, wenn meine eigene Tochter denkt, dass eine Quarantäne nicht nur vorübergehend und notgedrungen zu unserem Alltag gehört, sondern die amtlich verordnete Isolierung von anderen Menschen elementarer Teil unserer Existenz ist. Für mich als Vater ist das eine pädagogische Herausforderung, wie ich meiner kleinen Tochter die sogenannte "neue Normalität" erklären soll und wie es für uns als Familie möglich ist, ein einigermassen alt-normales Leben in dieser, völlig aus dem Ruder gelaufenen, Welt zu führen.
Auf dem Papier wäre ich eigentlich ziemlich gut gerüstet für so eine pädagogische Aufgabe. Ich bin Sozialarbeiter in Frauenfeld. Aber auch ich habe mit der Pandemie bzw. mit den angeordneten Massnahmen gegen die Pandemie zu kämpfen. Im ersten Lockdown im Frühjahr trank ich mehr. Eines Tages fragte ich mich, wie kannst Du deinen Klienten noch glaubwürdig erklären, dass sie nicht in Drogenwelten fliehen dürfen, sondern sich nüchtern ihren oftmals schwierigen Lebenssituationen stellen sollen? Also reduzierte ich meinen Alkoholkonsum. Es ist vermutlich die Quintessenz von vielen Berufen, unter anderem Sozialer Arbeit, Probleme früh zu erkennen und mit den passenden Mitteln angemessen zu behandeln. Dieses simple Konzept gilt auch für den Sozialarbeiter selbst, der seine Klientel berät und von ihr in gewissen Fällen auch Verhaltensveränderungen einfordert. Jetzt muss ich als Vater meine Tochter durch diese nicht enden wollenden Corona-Turbulenzen begleiten. Ich könnte mir schönere Weihnachten vorstellen, aber es ist, wie es ist. Da ich nebenbei Philosophie studiere, hole ich mal wie es sich für dieses Fach gehört etwas weiter aus (ganz unten gibt es ein Fazit für Expressleser):
Das Virus hat unsere Beziehungen zueinander verändert. Während die Nationen der Welt wetteifern, um mit den Auswirkungen der Pandemie fertig zu werden, werden die Folgen für das Leben der einfachen Menschen sichtbar, die immer noch im Schockzustand sind und verzweifelt versuchen, sich in dieser permanent wandelnden neuen Realität zurechtzufinden. Wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir unsere Beziehung zur Welt definieren, hat diese Pandemie komplett auf den Kopf gestellt. In einer so verwirrenden Wirklichkeit könnte man sich durchaus fragen, ob wir nicht etwa am Anfang einer Zeit stehen, in der sich unsere traditionelle Vorstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen massgeblich verändern wird. Auch könnten wir fragen, welche Folgen diese veränderten sozialen Beziehungen auf unser tägliches Leben haben werden.
In einer Welt, die von der instrumentellen Vernunft der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung angetrieben wurde, glaubte man, dass der technologische und wissenschaftliche Fortschritt zur Schaffung einer perfekten Gesellschaft führen würde. Moralischer Fortschritt würde dann wie von selbst in der sozialen Welt erreicht werden. Dies basiert auf der These, dass die globalisierte Welt die höchste Stufe in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation darstellt. Es ist eine moderne Welt des materiellen und des individuellen Fortschritts, es ist aber auch eine Welt der Synthese aller Kulturen. Es sieht aber gerade so aus, als ob das plötzliche Auftauchen des Coronavirus uns in ein Szenario geworfen hat, auf das wir nicht vorbereitet waren.
Obwohl sich die Verfechter des Kapitalismus und Apologeten der Globalisierung bemühen, uns davon zu überzeugen, dass das, was gerade der Menschheit widerfährt, nur ein holpriger Abschnitt auf dem Highway des Fortschritts ist, gibt es dennoch Anzeichen dafür, dass eine Welt nach Corona in ihrem Wesen radikal anders sein wird, als alles, was wir bisher in der Geschichte der Menschheit durchlebt haben. Denn in was für einer Welt leben wir eigentlich? Wir leben offenbar in einer Welt, in der sich meine Tochter davon überzeugt hat, dass das Leben in Quarantänen das "neue Normal" ist und sich die zwischenmenschlichen Beziehungen insoweit verändert haben, dass wir körperliche Kontakte mit anderen Menschen oder nur schon deren Nähe als Bedrohung wahrnehmen. Wie sollen wir als Eltern mit so einer Perspektive umgehen? Werden wir unseren Kindern einmal einfach erzählen, wie schön und weit unsere alte Welt war, aber dann Corona aus dem Nichts auftauchte und wir gezwungen wurden, unserem grenzenlosen Streben nach materiellem Fortschritt und individueller Selbstentfaltung schlagartig Einhalt zu gebieten?
Abgesehen von den fatalen Auswirkungen auf unser Wirtschaftsleben, sehe ich als Teil einer Familie, dass die Pandemie einen starken Einfluss auf unsere alltäglichen menschlichen Beziehungen hat. Das Leben in einer Gesellschaft erfordert den Aufbau sinnvoller Beziehungen zu den anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Das Leben in der Gesellschaft erfordert ein Bekenntnis zu bestimmten Werten, die dem Leben von einzelnen Menschen einen Sinn und einen Zweck geben. Ein solcher Wert ist beispielsweise das Bekenntnis zur individuellen Freiheit. Ein anderer Wert ist das Verständnis, dass wir soziale Wesen sind, die ihre Heimat in der Bindung und Beziehung zu anderen Wesen finden müssen und es nicht zuletzt unser Wertverständnis, das wir uns auf der Suche nach anderen Menschen und anderen Arten des Daseins von einem Ort zum anderen ungehindert bewegen können. Das alles ist für uns Menschen unentbehrlich, um als soziale Wesen in einer Gesellschaft leben zu können. Aber mit dem Aufkommen der Pandemie und den getroffenen Massnahmen der Regierungen wurde die Menschheit dazu gezwungen, eine isolierte, zuweilen eine einsame Form der Existenz zu führen, in der jeder Kontakt zur Aussenwelt eine scheinbar lebensbedrohliche Gefahr ist, wenn nicht direkt für uns, dann zumindest für gewisse Risikogruppen, die wegen unserem Verhalten ihr Leben verlieren könnten.
In dieser neuen Wirklichkeit, in der unsere Existenz von Furcht und Angst vor anderen Menschen geprägt ist und wir uns deswegen immer mehr voneinander entfremden, sollten wir die Schockstarre überwinden und unsere Hausaufgaben machen, damit wir unserem Leben in der Corona-Welt eine neue Bedeutung geben können. Wie erkläre ich beispielsweise meiner Tochter an Weihnachten den Sinn unserer Existenz, die Bedeutung anderer Menschen und den unschätzbaren Wert, den reale soziale Beziehungen haben?
In unserer "guten alten Gesellschaft" wuchsen Kinder mit der Vorstellung auf, dass es unbegrenzte Möglichkeiten in der Welt gibt, vorausgesetzt, dass die Kinder in der Lage sind, sich im gesellschaftlichen und beruflichen Wettbewerb zu behaupten und sich in der scheinbar grenzenlosen Welt zurechtzufinden. Es wurde unseren Kindern eingeimpft, dass sie in einer Welt aufwachsen, in der der Konsum von Gütern und die Beherrschung anderer Menschen und die Durchsetzung des eigenen Willens in vollem Umfang der Weg zu gesellschaftlichem Fortschritt und persönlichem Glück ist. Das Auftauchen des Coronavirus hat uns nun gezwungen, auf die Existenzform, die wir bislang so sorglos und selbstverständlich führen, kritisch zurückzublicken. Vor allem aber hat uns Corona gezwungen, die Frage nach dem Sinn in einer Welt zu stellen, in der zwischenmenschlichen Beziehungen kein grosser Wert mehr beigemessen wird.
Die Art und Weise, wie wir das Wesen des technischen Fortschritts und der individuellen Selbstbestimmung verstehen, beruhte bisher darauf, sowohl die soziale als auch die natürliche Welt durch die Ausübung unserer wissenschaftlichen und technologischen Möglichkeiten zu kontrollieren. Auch unsere Kinder wuchsen bisher mit der Vorstellung auf, dass Wissenschaft und Technologie die höchsten Formen des Wissens darstellen, da sie uns die Kontrolle über eine geheimnisvolle und bedrohliche Natur ermöglichen, die gezähmt und domestiziert werden muss, um den menschlichen Bedürfnissen und Wünschen zu dienen. Aber jetzt ist diese Traumwelt zerbrochen und wir können sehen, dass es eben doch noch unbekannte Variablen in der so optimistischen Verheissung des technischen Fortschritts gibt, da es offenbar nur ein Virus brauchte, um unser bisheriges Weltbild erheblich zu beschädigen.
Die grundlegende Herausforderung, die die gegenwärtige Pandemie für die zwischenmenschlichen Beziehungen u.a. auch zu unseren Kindern darstellt, ist die Tatsache, dass der intersubjektive Bereich der menschlichen Interaktion, welcher für die Vermittlung von Wissen über das Leben und für die Schaffung eines gemeinsamen sinnstiftenden Weltbildes ausschlaggebend war, jetzt mit unabsehbaren Folgen abrupt unterbrochen wurde. Dies alles wird durch eine isolierte und fragmentierte Form der Existenz ersetzt, in der die Individuen keine Verbindung mehr mit dem Gemeinwillen haben. Es wird schwierig, zwischenmenschliche Beziehungen in einer Wirklichkeit zu kitten, in der die Menschen einander nicht mehr nahe sind, keine unbefangene Beziehungen eingehen können und sich gegenseitig als Quellen der Bedrohung betrachten.
In der Wirklichkeit, in der wir jetzt leben, wird der normative Aspekt unserer Existenz durch den blossen Respekt vor dem Gesetz und der Rechtsordnung ersetzt. Meine zukünftige Beziehung zu meiner Tochter wird infolgedessen asymmetrischen Machtbeziehungen ähneln, in denen ich bestimmte Regeln und Diktate weitergebe, die meine Tochter befolgen soll, anstatt dass ich als moralische Autorität agiere, um meiner Tochter bestimmte Werte und Tugenden weiterzugeben. Es wird wohl überlebensnotwendig werden, sich einfach strikt an bestimmte Regeln und Prinzipien zu halten. Diese Verhaltensweise wird aus meiner Sicht in Zukunft bedeutend höher bewertet werden, als sich mit anderen Menschen diskursiv auszutauschen.
Einigen von uns mögen die Pandemiemassnahmen als Werkzeuge sozialer Manipulation erscheinen, welche unseren individuellen Lebenswelten neue Konditionen aufzwingt, damit neue Rahmenbedingungen für die globale Wirtschaft und den technologischen Fortschritt geschaffen werden können. Falls dem tatsächlich so ist, handelt ein Staat nicht mehr im Sinne einer normativen Ordnung der Gesellschaft. Ein Staat der so handeln würde, hätte seine moralische Legitimation verspielt. Wie dem auch sei, in einer neuen Wirklichkeit, in der Quarantäne und Isolation zur Konvention werden, werden sich die Menschen zusehends in Beziehungen der Unterwerfung wiederfinden.
Mit dem Einzug der Industrialisierung und des Fortschritts glaubte man, dass die Menschen ihre Umwelt endgültig erobert hätten. Die Menschen hatten keine Angst mehr vor der Natur. Aber in dieser Pandemie, ist die Angst zu einem entscheidenden Element der menschlichen Existenz geworden. Es geht nur noch um Selbsterhaltung und Überleben. Gerade deswegen werden sich die Menschen zunehmend den Grenzen der traditionellen Verheissungen von Fortschritt und Selbstverwirklichung bewusst. Da der Optimismus in der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung und der damit verbundene materielle und individuelle Fortschritt in Frage gestellt wird, ist es an der Zeit, dass wir uns dieser unangenehmen Realität stellen und den Sinn unserer Existenz neu bestimmen. Wir müssen das jetzt tun, da die Furcht vor der Pandemie, die Angst vor dem Justizapparat oder schlichtweg die Sorge, welchen Eindruck wir bei anderen Menschen hinterlassen, unserem Leben unmöglich einen sinnstiftenden Wert vermitteln kann.
Zusammenfassung: Es ist eine verrückte Welt in der wir gerade leben. Es ist unausweichlich, dass wir unseren Kindern weiterhin Halt und Orientierung geben. Dies gilt auch in einer Welt in der zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr mit einem gewissen Mass an körperlicher Nähe begriffen werden und wo die angeordnete Absonderung von anderen Menschen als wesentliches Charakteristikum unserer Existenz angesehen wird. Wir sollten unseren Kindern eine solche Welt nicht weitervererben. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, diese neue Wirklichkeit der Angst, Entfremdung und Isolation für unsere Kinder abzumildern, und wo wir können, zu verhindern.
Marcel Emmenegger ist Sozialarbeiter und wohnt in Herisau.
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