Wer die Coronamassnahmen öffentlich kritisiert, erhält Reaktionen. Per E-Mail, telefonisch, in den sozialen Medien. Etwa jede zweite Rückmeldung dreht sich um die Frage, ob man denn selbst niemanden kenne, der betroffen sei. Dann würde man es sicher anders sehen. Die Antwort ist: Nein, selbst wenn.
Persönliche Betroffenheit ist eine starke Kraft. Sie reflektiert aber nur das eigene Befinden und klammert aus, was diese für das grosse Ganze bedeutet. Verliert jemand beispielsweise einen geliebten Menschen im Strassenverkehr, ist sein grösster Wunsch der nach umfassenden Tempolimiten. Stirbt jemand an Krebs, wünschen sich die Angehörigen endlich mehr Mittel für die Forschung gegen diese Krankheit. Und geht jemand von uns mit der Diagnose «Corona», so ist der Wunsch nach möglichst umfassenden Schutzmassnahmen gross.
Das alles ist menschlich verständlich, es ist nachvollziehbar. Nur lässt sich auf dieser Grundlage keine Gesellschaft aufrecht erhalten. Denn das Wort, das seit über einem Jahr mit den Füssen getreten wird, lautet «Verhältnismässigkeit». Wenn wir davon ausgehen, dass wir alle irgendwann sterben, ist es die Aufgabe der Politik, diese Gefahr in einer Weise und einem Ausmass zu dezimieren, die auch für den Rest der Bevölkerung noch tragbar ist.
Was derzeit einfach nicht geschieht.
Wer die aktuellen Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus kritisiert, wer eine weitgehende Öffnung fordert, so wie wir das tun, der ist in den Augen von Direktbetroffenen ein Unmensch. Dann heisst es, die Wirtschaft stehe für ihn über der Gesundheit, das Schicksal einzelner Menschen sei ihm egal, der Tod habe für ihn keine Bedeutung. Das ist Unsinn, aber er kommt immerhin von Herzen.
Wie diese Frau, die sich atemlos per Telefon bei der Redaktion meldet und sich beschwert, dass wir Fake News verbreiten, wenn wir sagen, dass die Situation auf den Intensivstationen nicht alarmierend sei. Dort gehe es drunter und drüber, die Lage sei katastrophal.
Ein Klick reicht, um zu wissen: Nein, das stimmt nicht. Am Donnerstagabend um 17.40 Uhr sind die Schweizer Intensivstationen zu rund 71 Prozent ausgelastet. Hier der Link zur aktuellen Übersicht, wobei sich die Werte, die man hier findet, natürlich dauernd verändern. Tatsache ist aber: Im Moment arbeiten unsere Intensivstationen unter dem Auslastungswert, mit dem sie noch als wirtschaftlich gelten. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich 221 Menschen auf Intensivstationen, bei denen die – zumindest offizielle – Ursache Covid-19 ist. In einem Wort: Zweihunderteinundzwanzig. Wir sind ein kleines Land, ja, aber wenn 221 Menschen unser Gesundheitssystem an den Rand des Abgrunds führen, dann haben wir grundsätzliche Probleme.
Die Mär von der zusammenbrechenden Gesundheitsversorgung war sehr früh in der Coronasituation ein Schlüsselelement für die Politik des Bundesrats. Niemand will italienische Verhältnisse, in denen man froh sein muss, noch ein Spitalbett zu bekommen. Nur waren wir nie so weit. Wir waren nicht mal in der Nähe. Mehr noch, wir waren nicht mal in der Nähe der Nähe. Und wir sind es immer weniger.
Aber dennoch ist die Frau am Telefon fest davon überzeugt, dass das System bald kollabiert. Weil sie Werte wie 70 oder 80 Prozent Auslastung instinktiv als bedrohlich wahrnimmt. Sie klingen ja auch irgendwie hoch. Aber niemand hat ihr gesagt, dass wir diesen Prozentsatz vor allem der Tatsache verdanken, dass der Bund heute mit einer massiv kleineren Gesamtzahl an Intensivbetten rechnet als noch vor einem Jahr. Wenn man die verfügbaren Betten statistisch dezimiert, wirkt die Auslastung schnell mal schlimmer. Der Prozentsatz steigt, das kapiert sogar jemand, der es eher mit Buchstaben als mit Zahlen hat.
Es ist eine einfache Wahrheit, aber wie soll jemand auf diese kommen, wenn er oder sie täglich Panikmeldungen in den grossen Medien liest?
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Der Vorwurf, man werte Menschenleben weniger als offene Restaurants, wiegt schwer. Und er kann nur erhoben werden, weil die Verfechter der aktuellen Massnahmen alles ausblenden, was durch diese Massnahmen auch noch geschieht. Die Psychiatrien in diesem Land boomen, Kinder und Jugendliche finden sich nicht mehr zurecht, einsame ältere Menschen haben ihre einzige Einbettung in die Gesellschaft, den Stammtisch, verloren. Sie alle können sich nirgends testen lassen, um zu zeigen, wie schlecht es ihnen geht. Für sie gibt es keinen «positiven» Befund. Sie leiden, ohne dass der Bund danach ihr Leiden in einer Statistik veröffentlicht. Mehr noch, sie leiden, ohne dass sich irgendjemand dafür interessiert, unser Gesundheitsminister Alain Berset am allerwenigsten.
Sagen wir es plakativ: Ein 75-Jähriger vereinsamt derzeit in seiner Wohnung, damit sein 95-jähriger Nachbar mit diversen Vorerkrankungen doch noch 96 Jahre alt werden kann, um dann irgendwann friedlich einzuschlafen. Ein Staat, der das sinnvoll findet, hat keinerlei Sinn mehr für Verhältnismässigkeit. Und um dem Vorwurf vorzubeugen: Natürlich hat auch der 95-Jährige Familie, Freunde, Menschen, die ihn lieben, und sein Tod ist ein Verlust. Aber an dieser Stelle einfach doch mal wieder die Frage: Dürfen wir denn eigentlich generell nicht mehr sterben?
Dennoch wird sie einem immer wieder gestellt, die Frage, die eigentlich mehr ein Vorwurf ist: «Sie kennen niemanden, der schwer erkrankt oder gestorben ist an Corona, oder? Sonst würden Sie das nicht schreiben!»
Die Antwort lautet: Nein, ich kenne niemanden, und doch, ich würde es dennoch schreiben. Genau so. Weil ich akzeptiert habe, dass das Sterben zum Leben gehört, weil ich es nicht als Ziel eines Staates sehe, das durchschnittliche Sterbealter dauernd zu erhöhen, und weil ich glaube, dass das Leben aus mehr besteht als aus der Summe seiner Jahre. Es geht in erster Linie darum, was man in diesem Leben erlebt hat, bewegt hat. Was können wir im Moment denn bitte erleben und bewegen?
Menschen, die sich moralisch überlegen fühlen, weil sie angeblich für die Volksgesundheit kämpfen, handeln in Wahrheit zutiefst unmoralisch. Es ist ihnen völlig egal, dass der 15-Jährige, der schon immer unbedingt Koch werden wollte, im Moment garantiert keine Lehrstelle findet. Es ist ihnen völlig egal, dass die Gründer dieses vielversprechenden Startups, die vor einem Jahr mit einer tollen Idee gestartet sind, ihre Träume nun begraben müssen. Es ist ihnen völlig egal, dass der verwitwete ältere Herr kein soziales Netz mehr hat, weil alles geschlossen ist. Sie wollen einfach nur eines: Rein fiktive und an den Haaren herbeigezogene Fallzahlen senken. Damit das Bundesamt für Gesundheit irgendwann eine hübschere Statistik präsentieren kann. Während im realen Alltag Menschen leiden.
Persönliche Betroffenheit ist eine menschliche Regung. Man soll sie weder verbieten noch belächeln. Aber wenn man sich als Teil einer Gesellschaft sieht, sollte man in der Lage sein, abzuschätzen, was Massnahmen auch für andere Menschen bedeuten – nicht nur für sich selbst. Wir leben in der absurden Situation, dass ausgerechnet die Leute, die gnadenlos einen grossen Teil der Gesellschaft alleine lassen, finden, sie seien damit im moralischen Recht.
Das sind sie nicht. Und es gibt keine egoistischere Haltung, als aus persönlichem Erleben heraus eine Gesellschaft lahmlegen zu wollen.
Nein, ich kenne niemanden, der an Corona erkrankt und danach auf der Intensivstation gelandet ist und heute noch darunter leidet, und auch niemanden, der daran gestorben ist. Disqualifiziert man sich dadurch für die ganze Debatte? Dürfen nur Leute mitreden, die an einem Grab gestanden sind?
Oder müsste man nicht umgekehrt sagen: Wer jemanden kennt, ist nicht mehr unbefangen und damit auch nicht in der Lage, über die Zukunft der gesamten Gesellschaft zu befinden? Weil er oder sie das persönliche Befinden über das Wohlergehen aller stellt?
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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