Was im Alltag so schön und einladend tönt, und immer wieder gerne gemacht und genossen wird, ist beim Sprechen meist relativ schwer umzusetzen und demnach auch eher selten anzutreffen: Die Pause!
Wir führen lockere oder hitzige Gespräche, tauschen uns über Belanglosigkeiten aus oder bringen uns mit Vehemenz in eine Diskussion ein und manchmal fallen wir uns auch gegenseitig ins Wort. Dann wird es meistens etwas ungemütlich und solche Momente schreien dann eben nach einer Pause. Weshalb aber ist die Pause so zentral in der zwischenmenschlichen Kommunikation?
Ich versuche einen Vergleich mit dem Sport, genauer gesagt mit Handball. Nach einem Tor muss eigentlich an der Mittellinie der Anpfiff des Schiedsrichters abgewartet werden. Meistens verläuft das Spiel aber so schnell, dass dieser Anpfiff kaum wahrgenommen wird. Die Mannschaft ist nicht stehend, pausierend an der Mittellinie, sondern spielt blitzschnell weiter, und steht alsbald vor dem gegnerischen Tor, um dort auch einen Treffer zu erzielen. Was im Sport für Spannung, Nervenkitzel und Fluss im Spiel sorgt, gilt im Gespräch eher als Hinderungsgrund für Verständnis und Empathie. Worte, die zu schnell und ohne Pause hin- und her gewechselt werden, lassen meist nicht zu, dass etwas in der Tiefe wahrgenommen wird!
Gegenseitiges Verständnis braucht Pausen!
Zuhören, etwas setzen lassen, Nachspüren, was das Gesagte mit mir macht, wie es mir gerade in diesem Moment geht; all das bedingt ein Durchatmen! Das bedingt einen schweigenden Moment!
Ein Beispiel. Ihre Tochter kommt nach Hause und teilt Ihnen mit, dass sie die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hat. Sie ist völlig aufgelöst und den Tränen nahe.
Pause! In dieser Lesepause frage ich Sie: «Wie würden Sie als Elternteil jetzt reagieren?»
a) Oh nein, das tut mir sehr sehr leid. Das ist wirklich mega doof für dich!
b) Tja, das hätte ich dir voraussagen können, bei dem Einsatz, den du geleistet hast!
Vielleicht haben Sie eine eigene Variante auf Lager? Nebenbei gesagt, Variante b) ist nicht wirklich hilfreich! Egal ob Ihre Tochter in Tränen ausbricht oder ob sie mit Schimpfen über die Benotung reagiert, in diesem Moment braucht sie Ihr Verständnis. Zeigen Sie ihr, dass Sie sie verstehen, dass Sie wahrnehmen, wie es ihr genau in diesem Moment geht. Das kann so tönen: «Ui, nein, damit hast du nicht gerechnet!» Oder: «Das ist ein Riesenfrust, nach all deinen Vorbereitungen, die du geleistet hast!» Oder: «Diese Mitteilung versaut dir völlig den Tag!» etc. etc.
Anschliessend ist eine Pause wahrscheinlich hilfreich. Nicht zu viel aufs Mal sagen, sondern ihr Zeit geben, damit sie sich selber sammeln kann. Und auch Sie selber brauchen vielleicht eine Pause, um die Nachricht zu verdauen.
Wieso aber tun wir uns überhaupt schwer mit Pausen beim Sprechen? Ein Grund mag sein, dass wir es uns schlicht nicht gewohnt sind. Heute muss alles schnell gehen, wir haben keine Zeit zu verlieren. Sitzungen, Gespräche sollten produktiv sein und zackig über die Bühne gehen. Doch sind wir wirklich produktiver ohne Pausen? Ich bin überzeugt, Grosses geschieht immer dann, wenn wir uns gegenseitig verstehen und wahrgenommen fühlen. Das bedingt Ruhe-Zeit.
Schliesslich entsteht auch Brot nicht in der Hetze: der Teig braucht Zeit, die Hefe muss sich entfalten, damit das Brot luftig und bekömmlich wird. Ich wünsche viele bewusste Pausen und wohltuende Gespräche.
Annette von Schulthess-Mettler ist Erwachsenenbildnerin SVEB und Kommunikationstrainerin. Sie lebt in St.Gallen.
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