«Die Ostschweiz» begrüsst Gottlieb F. Höpli als Gastautor einer wöchentlichen Kolumne, die jeweils am Freitag erscheint. Zum Auftakt ein Gespräch mit dem Ex-Chefredaktor des St.Galler Tagblatt über den Journalismus, seine anhaltende Leidenschaft - und über sein Ende beim Tagblatt.
Gottlieb F. Höpli, Sie waren über viele Jahre eine prägende publizistische Stimme in der Ostschweiz. Ganz geschwiegen haben Sie auch nach der Zeit als Chefredaktor des St.Galler Tagblatt nicht. Sind Sie einer von denen, die nicht loslassen können? Oder woran liegts?
Wer sagt denn, ich hätte nicht losgelassen? Mit 66 Jahren - man hat mich ja beim Tagblatt ein Jahr länger behalten - war ich erleichtert, das Redaktionsmanagement und die Geschäftsleitung abgeben zu dürfen. Das schuf unter anderem Platz für meine nächste «Karriere» – als Hilfsorganist in diversen reformierten Kirchen der Ostschweiz. Sowie weiterhin fürs wöchentliche Tagblatt-Salzkorn und für gelegentliche Texte in der NZZ und anderswo; ich bin ja mit dem Erreichen der Altersgrenze nicht plötzlich senil geworden.
Sie waren während eines Vierteljahrhunderts unter dem Kürzel G.F.H. einer der Autoren des «Salzkorn» im Tagblatt. Was haben Sie an dieser Kurzform geschätzt? Und gab es eine Art Leitgedanken, eine Botschaft, die immer wiederkehrte?
Die pointierte Kurzform der Glosse hat mich mein Leben lang fasziniert. Mitsamt ihrer Geschichte: Karl Kraus, der «Le Monde»-Gründer Beuve-Méry alias «Sirius», oder der grosse Indro Montanelli. In der Schweiz haben Leute wie Oskar Reck oder Jürg Tobler die Form geprägt; ich sehe mich in dieser Tradition einer Form, die dem Mainstream, den Guten, den politisch Korrekten und Staatsgläubigen mit Lust auf den Nerven herumstochert.
Nun sind Sie in diesem Format nicht mehr präsent. Müde geworden?
Nein, davon kann keine Rede sein. Man hat mich rausgeschmissen.
Gab es Reaktionen aus Leserkreisen, als Sie sang- und klanglos aus Ihrem früheren Blatt verschwanden?
Ja, ich erhielt empörte und entsetzte Reaktionen von Leserinnen und Lesern, die am Freitag vergeblich auf mein Salzkorn warteten. Was von diesen Reaktionen auf dem Schreibtisch des Chefredaktors landete, weiss ich natürlich nicht. Und was genau der Grund für den Rauswurf war, ist mir noch immer ein Rätsel. Es geschah jedenfalls an einem Freitag, an dem ein gendermässig nicht ganz korrektes Salzkorn von mir im Tagblatt stand.
Offensichtlich ist also Ihre Mitarbeit beim Tagblatt, das Sie ja an vorderster Front lange Jahre geführt haben, nicht mehr gefragt. Frustriert das, verbittert es? Oder haben Sie dafür sogar Verständnis?
Neue Chefs sollen grundsätzlich ohne Altlasten führen können. Wenn es aber einen Vorgänger, der nur noch eine ganz spezielle Kleinform bespielt - die nicht von vielen beherrscht wird -, nicht mehr verträgt, dann kann man sich vielleicht schon ein paar Fragen stellen. Darunter auch jene, ob dadurch die Zeitungsqualität wirklich zugenommen hat. Man urteile selbst.
Man könnte auch vermuten: Die neue Generation von Zeitungsmachern und die frühere Riege haben nicht mehr viel gemeinsam, der Journalismus von heute ist ein anderer, die Kanäle sind es auch. Ist es auch ein Generationenkonflikt?
Die klassische Rolle der Zeitung – auch als Onlinemedium – im gesamten Medienangebot ist einem viel grösseren Konkurrenzdruck ausgesetzt als früher: publizistisch, ökonomisch, eben auch aufmerksamkeitsökonomisch. Die Zeitungsmacher sind in der Defensive, sind verunsichert; da ist der Kampf um Qualität noch schwieriger als früher. Ich möchte nicht tauschen.
Chefredaktoren waren einst neben dem Lehrer und dem Pfarrer die Respektspersonen in der Region. Man kannte ihre Namen, ihre Meinung hatte Gewicht. Täuscht der Eindruck oder ist dieser Typus einer eher austauschbaren Riege gewichen?
Das stimmt, Chefredaktoren sind nicht mehr die Meinungsmacher von einst, die Vordenker ihrer Region. Sie sind Rädchen in einem Verbundsystem von Medien des eigenen Hauses und von Partner-Redaktionen, und sie werden eher an guten Nutzerdaten gemessen als an ingeniösen Leitartikeln.
Sie schreiben neu für «Die Ostschweiz», und das jeden Freitag. Das heisst, Sie wollen weiter eine Stimme haben. Andere verlegen sich nach der Pensionierung aufs Beobachten. Warum ist Ihre Stimme aus Ihrer Sicht weiterhin wichtig?
Ich habe immer gesagt: Sobald ich Glossen und Kommentare lesen werde, welche die meinigen in Form und Inhalt überflüssig machen, höre ich auf. Es tut mir leid: Diese Stimme habe ich bis heute nicht gehört.
Und was dürfen unsere Leserinnen und Leser jeweils freitags erwarten?
Weiterhin Salzkristalle auf diverse wunde Stellen unserer Gesellschaft, unserer Region, unserer Medien – gerne auch nach dem Motto meines grossen Vorbilds Indro Montanelli: Controcorrente, gegen den Strom.
Die erste Freitags-Kolumne von Gottlieb F. Höpli finden Sie hier.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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