Sie wollen in den Bundesrat. Aber auf dem Weg dorthin möchten sie nur über Themen sprechen, die ihnen genehm sind. In einer Umfrage verweigern drei FDP-Kandidaten jede Antwort auf eine Frage, die nicht direkt die politische Arbeit betrifft. Das ist ganz schön volksfern - und nicht sehr schlau.
Auf einer ganzen Doppelseite stellt das «St.Galler Tagblatt» die bisher bekannten vier CVP- und drei FDP-Kandidaten bei der Ersatzwahl in den Bundesrat vor. Eine Grafik zeigt, wo sie in wichtigen Themenfeldern politisch stehen, dazu kommen biografische Daten.
Und zudem vier denkbar harmlose Fragen, die wohl dazu dienen, die Menschen hinter der Kandidatur besser kennenzulernen:
Wer ist ihr politisches Vorbild? In welchem Land neben der Schweiz könnten Sie sich gut vorstellen zu leben? Was ärgert Sie an der Schweiz? Was essen Sie am liebsten?
Die CVP-Kandidaten geben brav Auskunft. Die der FDP auch - auf Ihre Weise. Nämlich alle mit derselben Aussage: «Keine Antwort. Die Frage ist zu unpolitisch.»
Es ist kaum ein Zufall, wenn drei Politiker derselben Partei auf dieselben Fragen mit derselben Antwort reagieren. Da hat man wohl im Generalsekretariat der FDP ein Machtwort gesprochen.
Das Ganze wirkt gelinde gesagt peinlich. Zum einen ist die Frage nach dem politischen Vorbild sehr wohl politisch, die Antwort zeigt, an welchen Werten man sich orientiert. Auch die Frage «Was ärgert Sie an der Schweiz?» kann man problemlos politisch beantworten. Das zeigen auch die Reaktionen der befragten CVP-Leute.
Und als potenzielles Regierungsmitglied schadet es wahrlich nicht, wenn man sich der Bevölkerung gegenüber soweit öffnet, dass man sagt, was man gern auf dem Teller hat. Natürlich ist das kein Wahlkriterium, und es wird kaum jemand aus dem Rennen fallen, weil er einen Döner einem Fondue vorzieht.
Aber Bundesräte sind Menschen, keine Maschinen, und sie haben Bedürfnisse wie jeder andere. Über die kleinen Dinge des Lebens einfach partout nicht sprechen zu wollen, vermittelt nur einen Eindruck: «Schaut her, mich interessiert ausser Akten und Gesetzesänderungen rein gar nichts.» Mal ganz ehrlich: Wer will so etwas schon als Bundesrat?
Erfrischend ehrlich und sympathisch wirken demgegenüber die vier CVP-Anwärter, die von Raclette, Tomatensauce und Schweizer Schokolade schwärmen, die vom Meer träumen und vom südländischen Lebensgeist.
Direkt daneben: Die Apparatschiks der FDP. Weltfremd, volksfremd, verbiestert. Oder ganz einfach: Spielverderber.
Zumal ja die Leserschaft des «Tagblatt» nicht das Wahlgremium ist. Hier ging es darum, der Bevölkerung zu zeigen, mit wem man es zu tun hat - als Kandidat und vielleicht bald als Bundesrat. Die Chance, sich als jemand aus dem Volk zu präsentieren, als nahbar, als jemand zum Anfassen, wurde verpasst.
Wer auch immer diese «Kommunikationsstrategie» bei der FDP beschlossen hat, sollte vielleicht eine kleine Auszeit nehmen. Wenigstens bis zum 5. Dezember.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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