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Leitartikel

Mehr Spaltung geht nicht mehr

Eine Zeitung macht mobil gegen Ungeimpfte. Und das in neuer «Qualität». Die Spaltung der Gesellschaft wird beklagt – und gleichzeitig mit allen Mitteln gefördert. Warum tut das der «SonntagsBlick»?

Stefan Millius am 29. August 2021

«Die Impfgegner machen mit dem Virus gemeinsame Sache.»

Das ist der Titel des Editorials der aktuellen Ausgabe des «SonntagsBlick». Geschrieben hat ihn Chefredaktor Gieri Cavelty. Es ist zugleich ein ungeheuerlicher Vorwurf und eine Art indirekter Aufruf zur Lynchjustiz. Geimpften Leuten wird vermittelt, es gebe aktuell zwei Feinde: Das Virus und die Menschen, die sich nicht impfen lassen. Diese bedrohen demnach die Gesundheit der ganzen Gesellschaft und verhindern die Rückkehr zur Normalität. Das Virus allein wäre dank der Impfung mittlerweile nur noch halb so schlimm, wird suggeriert; was uns nun alle ins Elend stürzt, sind Leute, die sich nicht impfen lassen.

Wer das schreibt, weiss entweder nicht, was er tut, was schlecht wäre. Oder er weiss genau, was er tut, was noch viel schlimmer wäre.

Der Titel ist der Auftakt zu einer Kaskade von Behauptungen und irreführenden Begriffen. Völlig hemmungslos wird beispielsweise von «Impfgegnern» gesprochen. Als wäre jeder, der sich aufgrund seiner persönlichen Ausgangslage gegen den Impfstoff entscheidet, ein Gegner jeder Form von Impfungen. Demnach sind Leute, die keinen Kaffee mögen, Kaffeegegner, und wer sich nicht gern bewegt, ist ein Fitnessgegner.

So macht man aus einer persönlichen Entscheidung des Einzelnen eine Art Mission. Man schlägt Menschen einer aktiven Gruppe von widerborstigen Menschenfeinden zu. Und gleichzeitig behauptet der «SonntagsBlick», diese Mission richte sich gegen alle «Guten», also die Geimpften.

«Geimpfte verlieren die Geduld» heisst es in einem weiteren Artikel in unmittelbarer Nachbarschaft zum Editorial des Chefredaktors. Der Text, der folgt, ist im Grunde nichts als ein langer Hinweis darauf, dass die Geimpften völlig zu recht die Geduld verlieren dürfen. Die beiden Beiträge bilden in Kombination eine perfekte Vorlage für alle, die – aufgrund Unwissenheit oder falscher Informationen – wirklich glauben, ungeimpfte Menschen seien eine Gefahr für die Gesellschaft und hätten das Recht auf ihren eigenen Körper verwirkt.

Was der «SonntagsBlick» macht, ist pure Hetze. Er vermittelt nicht zwischen Gruppen, er hilft nicht, die Spaltung zu überwinden, er rüstet eine der Gruppen publizistisch auf, damit sie Wut entwickelt, die sich irgendwann entlädt.

Es ist eine Sache, die Impfung mit einer teuren Werbekampagne via flächendeckender Plakataktion zu vermarkten, es ist eine andere, als Zeitung öffentlich zu erklären, Ungeimpfte steckten mit dem Virus unter einer Decke. Fehlt eigentlich nur noch die Behauptung, «Impfgegner» hätten das Virus in die Welt gesetzt.

Die Ringier-Blätter stellen sich seit eineinhalb Jahren konsequent in den Dienst des Bundes, das ist nichts Neues. Aber mehr und mehr spielen sie die Rolle des Scharfmachers, der sagt, was ein Bundesrat natürlich nicht sagen kann, diesem aber in die Karten spielt. Aktuell geht es für ihn darum, das zweite Referendum gegen das Covidgesetz vom November zum Scheitern zu bringen. Indem man die geimpfte Mehrheit der Bevölkerung in latente Aggression zum Rest versetzt, kann das natürlich gelingen.

«Zu viel Rücksichtnahme auf die Gefühle der Impfgegner indes könnte dazu führen, dass unsere Spitäler über kurz oder lang wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stossen», schreibt der Chefredaktor in seinem Vorwort. Rücksichtnahme auf Gefühle? Welche Gefühle? Die Unversehrtheit des eigenen Körpers ist ein Menschenrecht. Wer zum Schluss kommt, dass ihm keine nennenswerte Gefahr durch das Virus droht, hat das Recht, sich keinen Impfstoff verabreichen zu lassen. Es ist kein «Gefühl», es ist ein Recht. Und es aushebeln zu wollen, indem man auf der Grundlage von schon lange frisierten Statistiken über Intensivbetten einmal mehr eine drohende Überbelastung erfindet, ist im höchste Mass unethisch und falsch.

Ebenso falsch ist es, die längst widerlegte Behauptung aufrechtzuerhalten, wonach Geimpfte gewissermassen «ungefährlich» sind. Wir wissen, dass dem nicht so ist, und Geimpfte haben keinerlei Grund, die «Geduld zu verlieren». Sie haben getan, was sie tun wollten, sie haben ihr Recht auf den eigenen Körper wahrgenommen, und was andere tun, geht sie buchstäblich nichts an. Weder der Nachbar noch der Arbeitskollege noch der Schwiegervater muss ihnen Rechenschaft ablegen.

Nein, «Impfgegner» machen keine gemeinsame Sache mit dem Virus. Sie verwechseln nur nicht Reise- und Konzertlust mit «Solidarität» und weigern sich, sich dem Druck zu beugen, der mit erneuten Panikszenarien erzeugt wird. Das ist ihr Recht. Und wer ihnen unterstellt, auf der Seite des Virus zu stehen, macht sich schuldig an jeder Eskalation der Lage, die noch kommen kann.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.

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