Der St.Galler Stiftsarchivar Peter Erhart.
Dr. phil. Peter Erhart gehört zu den zehn fleissigsten Nutzern der Stiftsbibliothek. Im Interview verrät der Stiftsarchivar einiges über Privilegien, die Kostbarkeit von Pergament, wie er seine Seele pflegt und warum sich der Besuch des neuen Ausstellungssaals auf jeden Fall lohnt.
Peter Erhart, die Klostergeschichte ist faszinierend und bisweilen kaum greifbar. Was gibt es zum Anfassen im Stiftsbezirk?
Anfassen können Besucher hier vor allem Pergament, den besten Beschreibstoff der Welt. Im neuen Ausstellungssaal des Stiftsarchivs haben wir ein ganzes Pergament aus Ziegenhaut in einen Rahmen eingespannt, um die aufwändige Herstellung und damit den hohen Wert dieses Materials zu erklären. Die ausgestellten Originale aus dem frühen Mittelalter zeigen, wie unglaublich beständig dieses Material ist – auch nach über 1300 Jahren hält sich die Tinte bestens. Die Tablets in unserer Ausstellung werden kaum so lange durchhalten.
Der Klosterbezirk wirkt magnetisch. Was fasziniert derart?
Der ganze Ort an sich ist speziell. Dass Gallus um das Jahr 612 hier in der Nähe des Wasserfalls eine Kirche baute, ist wohl kein Zufall. Historisch «sicheren Boden» betreten wir aber erst mit dem ersten Abt Otmar. Er rief ab 719 eine Gemeinschaft ins Leben, die fast 1100 Jahre lang zu Ehren des heiligen Gallus wirkte und die ganze Landschaft prägte. Diese Anfänge sind bis heute sicht- und spürbar – in der Architektur, im reichen schriftlichen Erbe und im benediktinisch geprägten Geist, der etwa im Glockenschlag der Kathedrale mitschwingt.
Weshalb engagieren Sie sich gerade im Stiftsbezirk?
Als Stiftsarchivar habe ich das Privileg, einen unglaublich inspirierenden Schatz aus der Klosterzeit zu hüten. Diese einzigartige Sammlung von Urkunden, Akten, Büchern, Karten und Plänen eröffnet mir jeden Tag neue Aufgaben. Dazu gehören die sichere Aufbewahrung, die wissenschaftliche Arbeit und nun – unter völlig neuen Bedingungen – die spannende Vermittlung dieses kulturellen Erbes. Zudem habe ich einen der ruhigsten Arbeitsplätze im Stiftsbezirk – mit Sicht auf das letzte Stück Schiedmauer, die an das schwierige Verhältnis zwischen Stadt und Kloster in den Zeiten nach der Reformation erinnert. Vor allem abends geniesse ich die Ruhe und Weite des Klosterplatzes und den Blick auf die Doppeltürme der Kathedrale.
In der Stiftsbibliothek liegen unendlich viele Wissensschätze verborgen – wie weit sind Sie mit der Lektüre?
Ich gehöre sicher zu den zehn fleissigsten Nutzern der Stiftsbibliothek und leihe mir für meine wissenschaftliche Arbeit auch sehr viel moderne Fachliteratur aus. Die wahren Schätze finde ich aber auf der Website e-codices, auf der die Handschriften der Stiftsbibliothek jederzeit abrufbar sind. In diesen blättere ich beinahe täglich, fast immer auf der Suche nach «Schreiberhänden», die ich gern einem Mönch zuordnen möchte.
Welches ist Ihr Lieblingswerk?
Die St.Galler Klostergeschichten von Mönch Ekkehard. Sie haben mich dazu gebracht, mittelalterliche Geschichte zu studieren. Kaum ein Werk erzählt mehr über die inneren Verhältnisse in einem Kloster, und dies stellenweise spannend wie Umberto Ecos Mittelalterkrimi «Der Name der Rose». Eco griff dafür übrigens auch auf diese Quelle aus der Zeit um das Jahr 1000 zurück.
Wissen ist ja bekanntlich Macht – was bedeutet das in Zeiten von Fake News und Filterblasen auf Social Media?
Online abrufbares Universalwissen ist nicht nur flüchtig, sondern dient der Manipulation der Massen. Wer wie ein Historiker stets den Wert seiner Informationsquellen überprüft, wird sehr schnell entdecken, dass die Warnung des 1944 ermordeten französischen Historikers Marc Bloch nichts an Schärfe verloren hat: «Schnöde Fakten zerstören schöne Theorien.»
Aus der Geschichte gibt’s bestimmt auch Wissen, das die Welt nicht braucht …
Ich muss Sie enttäuschen: Mönche überliefern nichts, was nicht wichtig ist. Für Trivialitäten war Pergament schlicht zu kostbar und die Zeit zu knapp.
Über dem Eingang zum Barocksaal der Stiftsbibliothek prangt die griechische Inschrift ?YXH? IATPEION was, etwas salopp übersetzt, «Seelenapotheke» bedeutet. Wie pflegen Sie Ihre Seele?
Eigentlich ganz ähnlich wie die Mönche: Ich lese heilsame Literatur und besuche in Randzeiten oft die Kathedrale. Ruhe finde ich auch in der Natur, die bereits wenige Schritte ausserhalb des Stiftsbezirks in der Mülenenschlucht beginnt.
Ihr persönlicher Geheimtipp im Stiftsbezirk?
Der neue Ausstellungssaal des Stiftsarchivs. Hier werden alte Schätze für alle Besuchergruppen modern inszeniert. Und hier ist der Klosterplan erstmals im Original zu sehen – umgeben von vielen spannenden und berührenden Geschichten aus dem Alltag der Menschen vor 1200 Jahren.
Der St.Galler Stiftsarchivar Peter Erhart.
Sibylle Jung ist Inhaberin der Agentur Pur Kommunikation AG in St.Gallen. Die Unternehmerin liebt europäische Städte, Boston, gutes Essen, ebensolche Weine. Gute Gesellschaft, den tiefgründigen Austausch. Und St.Gallen. Zusammen mit ihrem Team hat sie die Projektidee «612», ein Guide-Magazin für St.Gallen, in die Realität umgesetzt.
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