Seit Monaten sorgt die russische Söldnertruppe Wagner für Schlagzeilen. Dies weckt Erinnerungen an das einst florierende Business vieler Schweizer in fremden Kriegsdiensten; etliche stammten aus der Ostschweiz.
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt des St. Galler Klosterstaates, der 1805 aufgelöst wurde. Der Kirchenmann kam 1753 in Neapel zu Welt. Der Grund für seine Geburt im südlichen Italien, war der Arbeitsort seines Wiler Vaters, er war als Hauptmann beim König von Neapel angestellt. Wenn es um das einstige Söldnertum geht, steht ein zweiter bekannter Ostschweizer Name in den Geschichtsbüchern: Ulrich Bräker (1735 – 1798), der sogenannte arme Mann im Toggenburg, wurde von einem geschickten Werber in preussische Kriegsdienste gelockt.
Einige blieben in der Fremde
Viele Namen der einstigen Ostschweizer, die mit bezahltem Kämpfen für andere ihren Lebensunterhalt verdienten, sind heute vergessen. Wie der Historiker Louis Hürlimann in einem Aufsatz schreibt, unterhielten die meisten Herrscherinnen und Herrscher im 18. Jahrhundert in Europa Söldnertruppen. Viele Schweizer zog es nach Spanien, wo sie neben Soldaten aus Flandern, Irland und Italien kämpften.
«Die Soldaten stammten aus landwirtschaftlichen und gebirgigen Gegenden, die Offiziere gingen in der Regel aus vornehmen Familien und aus Städten hervor», hält Hürlimann zu den Schweizer Kämpfern fest. Nicht alle kehrten nach ihrer Dienstzeit in die Ostschweiz zurück, einige Offiziere und Soldaten verheirateten sich mit Spanierinnen und liessen sich im Land nieder.
Begehrte Kämpfer
Ab dem 15. Jahrhundert waren die Schweizer Reisläufer begehrt. Sie galten als schlagkräftig und Elitetruppe. Seit den Schlachten in Morgarten und Sempach standen sie im Ruf, unbesiegbar zu sein. Viele Kriegsherren wollten möglichst viele eidgenössische Kriegsknechte in ihren Reihen, dies steigerte die Aussicht auf einen Sieg. Allerdings kam es dabei auch vor, dass Schweizer gegen Schweizer kämpfen mussten.
Söldner aus der Eidgenossenschaft waren wegen ihrer besonderen Kampftaktik gefürchtet: Sie bildeten eine Formation aus Speer- und Helebardenträgern, weiter aus Kämpfern mit Kurz- und mit Langschwertern sowie aus Vorderladerschützen. Auf diese Weise überfielen sie die gegnerischen Truppen, bevor sich diese mit ihren Pferden in Schlachtordnung aufgestellt hatten.
Harte Bedingungen
Überbevölkerung, Armut, Abenteuerlust, Aussicht auf Beute sowie der Sold lockten gemäss Wikipedia viele Schweizer zwischen 1400 und 1848 in fremde Kriegsdienste. Zum Teil gingen sie auf eigene Faust, zum Teil waren sie als Formation unterwegs. Es gab sogenannte Schweizer Regimenter. Eine St. Gallische Kompanie kämpfte beispielsweise an der Seite Venedigs gegen die Türken.
Eine ganze Reihe Ostschweizer machten Militärkarriere und kamen als gut bezahlte Soldaten in der Welt herum, etwa nach Algerien, Sizilien sowie Grossbritannien. Einige mussten allerdings fern der Heimat ihr Leben lassen.
Gemäss den Pfarrbüchern starben beispielweise zwischen 1700 -1856 50 Wiler in fremden Kriegsdiensten. Zudem forderten Kälte, Schnee, Hunger und Willkür der Vorgesetzten zum Teil mehr Opfer als der eigentliche Kriegseinsatz.
Geschäftstüchtiger Aussenminister
Eine besonders schillernde und herausragende Ostschweizer Figur im einstigen Söldnerwesen ist Fidel von Thurn. Wie Historiker annehmen, hat die Familie von Thurn ihre Wurzeln in Italien und hiess ursprünglich Tuarino. Ihr Nachname wurde auf Thurn eingedeutscht. Sie wanderte sie via Konstanz in die Schweiz ein und liess sich 1603 in Wil nieder, wo sie um 1613 eingebürgert wurden.
Vater Ludwig von Thurn kam als Apotheker und Tuchhändler zu einigem Vermögen. Er erwarb unter anderem Grundbesitz am Wiler Nieselberg. Dort errichtete er ein Herrenhaus, das als Bischofsburg bezeichnet wird; es steht heute unter Denkmalschutz. Ursprünglich war es durch einen Gutsbetrieb ergänzt. Späterer Eigentümer war Ludwigs Sohn: Der 1629 geborene Fidelis, Fidel genannt, erhielt seine Bildung an der Klosterschule Rorschach sowie an verschiedenen Universitäten. Sein beruflicher Aufstieg startete als Kanzleibeamter in Wil.
Später wurde er zum Rat des St. Galler Fürstabtes ernannt. Er nahm häufig als Abgeordneter seiner Dienstherren an den eidgenössischen Tagsatzungen teil. Er leitete ab 1658 unter mehreren Äbten die Politik des Klosters St. Gallen als eine Art Aussenminister.
Zudem betätigte der sich, gegen grosszügiges Entgelt, als Anwerber von Soldaten für fremde Herrscher.
Der hohe Beamte verstarb 1719, er wurde in Rorschach beigesetzt, wo er sich noch zu Lebzeiten ein Grabmal errichten liess. Fidel von Thurn galt als geschickter Taktierer, der dabei auch sehr eigennützige Ziele verfolgte. Zu Lebzeiten häufte er ein grosses Vermögen an.
Adrian Zeller (*1958) hat die St.Galler Schule für Journalismus absolviert. Er ist seit 1975 nebenberuflich, seit 1995 hauptberuflich journalistisch tätig. Zeller arbeitet für diverse Zeitschriften, Tageszeitungen und Internetportale. Er lebt in Wil.
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