Diese SMS schrieb der ehemalige «Magazin»-Chefredaktor Finn Canonica an seine damalige Journalistenkollegin und «Magazin»-Redaktorin Anuschka Roshani, die ihm vor einigen Tagen in einem «Spiegel»-Artikel Mobbing, Machtmissbrauch und Sexismus vorgeworfen hatte.
Ok, eigentlich wäre schon Canonicas Interpunktion ein Kündigungsgrund.
Der Hammer liegt indes im Inhalt. Wer so über Frauen denkt und darin nicht nur kein Problem sieht, sondern seine Verachtung gegenüber dem vermeintlich schwachen Geschlecht, getarnt als gönnerhaftes Kompliment, auch noch in die Welt posaunt, gehört gefeuert. Fristlos.
Mit wenigen Worten bringt Canonica die patriarchalische Gewalt zum Ausdruck, die Männer Frauen seit Anbeginn der Zeit antun, und die in den letzten Jahrtausenden wenig von ihrer beschämenden Aktualität eingebüsst hat.
Von den acht Milliarden Menschen auf dem Planeten sind rund die Hälfte Frauen. Sie tragen unsere Kinder aus und bringen jeden Menschen dieser Erde zur Welt. Dadurch, dass sie im eigenen Körper Leben entstehen lassen können, wurde ihnen die Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit in die Hände gelegt (von wem auch immer). Für das starke Geschlecht eine existenzielle Bedrohung, die nur eine Antwort zuliess: Unterdrückung.
Um Frauen von höchster Instanz gängeln zu können, liessen von Männern erdachte Religionen, die Frauen «im Namen Gottes» als Trägerinnen der Erbsünde oder als generell minderwertig brandmarken, nicht lange auf sich warten («Die Weiber seien untertan ihren Männern» – Epheser 5:22). Sie prägen bis heute die Beziehung der Geschlechter und die gesellschaftliche Stellung der Frau.
Ob die Herren Canonica, Arthur Rutishauser, der als Tamedia-Superchefredaktor das «Magazin» verantwortet, oder Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, ihre Mütter, Schwestern, Ehefrauen und Töchter ähnlich respektlos behandeln, ist nicht bekannt.
Die «Stellungnahme zum ‹Spiegel›-Artikel» von Tamedia ist in ihrer Vorhersehbarkeit und Unredlichkeit keine Zeile wert und wird an Lächerlichkeit wohl nur von Arthur Rutishausers Kommentar («Wir entschuldigen uns») bezüglich des «ungewollten Antisemitismus» im Tagi-Artikel über die jüdische Zürcher Stadtratskandidatin Sonja Rueff-Frenkel überboten.
Dass Canonica seiner Arbeitsgeberin Tamedia bezüglich seines Abgangs «widerspricht», sei nur am Rande erwähnt. Hand aufs Herz: Hat irgendjemand allen Ernstes geglaubt, Tamedia würde sich diesbezüglich auch nur in die Nähe der Wahrheit begeben?
Zusätzlich zu seinen misogynen Ausfällen soll Finn Canonica Roshanis Manuskripte auf eine ganz eigene Art korrigiert haben.
Neben Ausdrücke wie «Kekse» oder «Bürgersteig», die Canonica zu spezifisch Deutsch vorkamen, und die er mit «Guetsli» oder «Trottoir» ersetzte, kritzelte er Hakenkreuze.
In einem Brief an «Liebe Freund:innen und Bekannte» rechtfertigt sich Canonica, mittlerweile in jeder Hinsicht geläutert und betont gendergerecht unterwegs: «Aus heutiger Sicht würde ich das niemals mehr tun, es war ein Witz, den ich sehr bedaure». Ausserdem handle es sich um Vorfälle, die «über zehn Jahre» zurücklägen.
Naja, dass ein Hakenkreuz zum Redigieren von Texten nicht unbedingt die erste Wahl ist, hätte Canonica als Sohn einer jüdischen Holocaustüberlebenden schon vor zehn Jahren wissen können.
Fast noch schlimmer finde ich, dass der Chefredaktor eines Magazins mit intellektuellem Höchstanspruch und entsprechendem Dünkel, nach all den Jahren mit Ernie und dem Krümelmonster aus der «Sesamstrasse», seiner Leserschaft offenbar nicht zutraute, Begriffe wie «Kekse» oder «Bürgersteig» (Titel eines Deutschrap-Albums) einordnen zu können.
Diese Formulierungen «schienen» Canonica «altertümlich und leicht rassistisch», weshalb er sie «für Schweizer Leserinnen» als «unverständlich betrachtete», wie er in seinem Rechtfertigungs-Brief ausführt.
Hier offenbart sich die gleiche süffisante Herablassung, wie in oben zitiertem SMS an Roshani. Vermutlich wollte Canonica mit den kleinlichen Mäkeleien an Roshanis Sprachstil, mit unnötigen Schikanen seinen Machtanspruch zementieren.
Nach Roshanis «Spiegel»-Bericht meldet sich die ehemalige SRF-Journalistin und Mitgründerin der Plattform «elleXX», Patrizia Laeri, zu Wort.
Auch sie sei als Praktikantin von einem SRF-Redaktor sexuell belästigt worden. Dieser sei immer noch «in einer Leitungsfunktion» bei SRF tätig. Einer anderen Praktikantin sei es ähnlich ergangen: «Bei ihr hat er es auch versucht. Es war offenbar seine Masche». Den Namen des Redaktors nennt Laeri nicht.
Auf eine Presseanfrage für ein Hintergrundgespräch antwortet «elleXX»-Pressefrau Katja Schaffrath, sie fände es «schön», dass ich mich «dem Thema annehmen» wolle. «Leider» müsse sie mir jedoch «mitteilen», dass Frau Laeri «aus Kapazitätsgründen» für ein Gespräch «nicht zur Verfügung stehen wird».
Das ist bedauerlich, denn dadurch, dass Laeri und andere Frauen, die nun «flutartig» und grösstenteils anonym von Übergriffen berichten, nicht Ross und Reiter nennen, ermöglichen sie den Tätern, teilweise über Jahre hinweg ihre «Masche» durchzuziehen.
Obwohl diese Verweigerungshaltung weder der Aufklärung, noch der Verhinderung von Übergriffen dient, ist sie bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar.
In den allermeisten Fällen, in denen eine Frau Mobbing, Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigung durch einen Vorgesetzten oder Mitarbeiter beim Arbeitgeber meldet, hat sie hinterher das Nachsehen.
Oft wird die Whistleblowerin, die aus der Perspektive ihres Arbeitgebers mit ihrer Hiobsbotschaft das Ansehen der Firma besudelt, zurückgestuft, marginalisiert oder gleich gekündigt. Der Täter behält seinen Job.
Das ist mit ein Grund, weshalb viele Vergehen erst nach Jahrzehnten ans Tageslicht kommen, nämlich dann, wenn die Opfer, wie im Fall von Roshani und Laeri, nicht mehr dort arbeiten, wo der Übergriff stattfand.
Und selbst bei einem Sieg in einem Verfahren gegen den Arbeitgeber, zahlt die Betroffene einen hohen Preis. Sie gilt fortan als Querulantin und Nestbeschmutzerin, als «damaged goods», künftige Berufschancen tendieren gegen null.
Yasmine Motarjemi kämpfte in einem Mobbing-Prozess gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, den Milliardenkonzern Nestlé. 2020 entschied das Berufungsgericht des Kantons Waadt zu ihren Gunsten und verurteilte Nestlé im Januar 2022.
Der Rechtstreit mit dem mächtigen Multi dauerte zwölf Jahre, während denen sich Motarjemi finanziell ruinierte und an einer schweren Depression erkrankte.
«Wie Yasmine Nestlé bezwang», jubelt der «Tages-Anzeiger». Das wirkt reichlich schizophren, denn offensichtlich steht die toxische Betriebskultur bei Tamedia jener von Nestlé in Nichts nach.
David Klein, geboren in Basel und Sohn des Jazzmusiker-Ehepaares Miriam und Oscar Klein, kommt sehr früh mit Musik und vor allem mit Jazz in Berührung. Neben seiner musikalischen Tätigkeit arbeitet David Klein seit 2012 als Journalist.
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