Hattie McDaniel war die erste Farbige, die einen Oscar gewann. Bei der Premiere von «Vom Winde verweht», für den sie den Oscar als Nebendarstellerin erhalten sollte, durfte sie nicht dabei sein: Im Loew’s Grand Theatre in Atlanta, wo die Erstaufführung stattfand, herrschte 1939 die Rassentrennung.
An der Oscar-Verleihung im Ambassador Hotel in Los Angeles, wo sie unter Tränen eine kurze Dankesrede hielt, war ihr nicht erlaubt, am Tisch mit ihren Co-Stars Clark Gable, Olivia de Havilland und Regisseur David O. Selznick Platz zu nehmen, sie musste an einem separaten Tisch im hinteren Teils des Saales sitzen.
Oscar hin oder her, eine Grabstätte auf dem «Hollywood Memorial Park Cemetery» wurde ihr verwehrt: No Blacks allowed.
Doch die Zeiten haben sich geändert.
Letzten Monat hatte der fast ausschliesslich mit schwarzen Frauen besetzte Hollywood-Blockbuster «The Woman King» Weltpremiere. In dem historischen Epos spielt die farbige Oscarpreisträgerin Viola Davis nicht nur die Hauptrolle, sondern zeichnet auch als Produzentin.
Man könnte meinen, Hollywood hätte dazugelernt. Dieser Eindruck trügt.
«The Woman King» handelt von den Agojie, einer sagenumwobenen afrikanischen Frauenarmee innerhalb des Dahomey-Stammes, die unter König Ghezo in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Unabhängigkeit des heutigen Benin und gegen den transatlantischen Sklavenhandel gekämpft haben soll.
Diese Geschichte sei «noch nie zuvor wirklich erzählt» worden, sagt Viola Davis im Interview. Ausserdem gebe es immer noch zu wenige Filme, in denen Schwarze «in ihrer ganzen Komplexität und Stärke und nicht aus der Perspektive weisser Kultur dargestellt werden».
Tatsächlich ist der Ermächtigung und Repräsentation schwarzer Frauen im Film nicht gedient, wenn farbige Schauspielerinnen in «Anne Boleyn» die zweite Ehefrau von König Heinrich VIII oder im Netflix-Hit «Bridgerton» die Königin von England spielen.
Das sogenannte «color-blind casting» wird als Nonplusultra an Diversität und Inklusion gehyped. Aber ist es tatsächlich ein Fortschritt, wenn Schwarze in Filmen, die von Weissen gecastet, geschrieben und inszeniert werden, in die Rollen von Weissen schlüpfen dürfen? Sollten Schwarze nicht ihre eigenen Geschichten erzählen und damit Erfolg haben können?
Viola Davis dazu: «Wir haben nicht genug Stunden, genug Tage, um zu beschreiben, wie schwer es ist, in Hollywood einen Film mit Schwarzen zu machen. Noch schwieriger ist es, wenn es sich um schwarze Frauen handelt.»
«The Woman King» erzählt von starken schwarzen Frauen, «basierend auf wahren Begebenheiten». Aber das Drama um die historisch verbürgten Agojie, ihren Herrscher Ghezo und das Königreich der Dahomey ist nicht nur frei erfunden, die Realität wurde von den weissen Drebuchautorinnen Maria Bello und Dana Stevens ins Gegenteil verkehrt.
Denn die Dahomey waren selbst blutrünstige Sklavenhändler, die an einem Ende der Sklaverei keinerlei Interesse hatten. Ghezo, der «Sklaven-König», machte mit dem Verkauf von eigenen Stammesmitgliedern und geraubten Sklaven an die Europäer ein Vermögen.
Die im Film verherrlichten Agojie-Kriegerinnen erledigten für ihn die Drecksarbeit. Sie überfielen benachbarte afrikanische Staaten, wo sie oft ganze Dörfer niederbrannten und alle Erwachsenen ermordeten. Die Kinder wurden von Ghezo als Sklaven verkauft.
Die Herrscher der Dahomey versklavten ihre Artgenossen für die Arbeit auf den königlichen Plantagen und hielten sich Hunderte Frauen in ihren Harems.
Starb ein Dahomey-König, wurden auch seine Frauen umgebracht, um ihm im Jenseits zu dienen. Hundertfache blutige Menschenopfer durch Enthauptungen waren ein jährlicher Brauch bei den Dahomey.
Nun ist historische Akkuratesse in Hollywood beileibe nicht sakrosankt. Aber die «künstlerischen» Freiheiten, die sich die Woman King-Autorinnen herausnehmen, wären vergleichbar mit historisch ernst gemeinten Filmen, in denen der Islam als Vorreiter für LGBTQ-Rechte, die spanische Inquisition als Bewegung für Religionsfreiheit, der Klu-Klux-Klan als Weggefährten von Martin Luther King oder die Nazis als Beschützer der Juden und heldenhafte Kämpfer gegen Antisemitismus dargestellt würden.
In Amerika wird der historische Revisionismus von «The Woman King» als «Verrat» von Viola Davis wahrgenommen. In der schwarzen Community wird der Film heftig kritisiert: «Das ist vermutlich der anstössigste Film für schwarze Amerikaner in den letzten 40-50 Jahren», schreibt Anwalt Antonio Moore seinen 80'000 Followern auf Twitter.
«Mal ehrlich, Leute. Es ist ein Film über einen afrikanischen Stamm, der berühmt dafür ist, Sklaven an Europäer verkauft zu haben, und der von zwei weissen Drehbuchautorinnen zu einer Geschichte über weibliche Ermächtigung gemacht wurde. Man muss nicht sehr ‹woke› sein, um das Problem zu erkennen.», findet ein anderer Twitterer.
Doch so einfach ist die Sache nicht. Während der woken Hollywood-Elite zur Aufrechterhaltung des Narrativs, dass die Sklaverei ausschliesslich das Verbrechen weisser Kolonialisten war («Die Weissen haben die Unmoral zu uns gebracht»), jedes Mittel recht ist, kämpft Schauspielerin und Produzentin Davis an mehreren Fronten.
Viola Davis kam als Nachkomme amerikanischer Sklaven im Haus ihrer Grossmutter auf der ehemaligen Singleton Plantage in South Carolina zur Welt. Unzählige der von den Dahomey verschleppten Sklaven wurden nach Amerika verkauft.
Was also brachte Davis dazu, sich mit einem Film zu exponieren, der ausgerechnet die Dahomey glorifiziert, den Stamm, der buchstäblich Davis’ Vorfahren in die Sklaverei hätte verkauft haben können?
Während der Sklaverei in Amerika gab es zwei Kategorien von Sklaven: Haussklaven und Feldsklaven. Die Haussklaven hatten gegenüber den Feldsklaven eine gehobene Position und ein besseres Leben, weshalb sie die Plantage nicht verlassen wollten und die bestehenden Machtstrukturen unterstützten.
«Das einzige, was schwarze Frauen von allen anderen trennt, ist, eine Chance zu bekommen.», sagte Davis, als sie 2015 einen Emmy-Award erhielt. «Man kann keine Preise gewinnen, für Rollen, die es nicht gibt.»
Für die trügerische Chance, überhaupt erst den Beweis antreten zu können, als Farbige in der amerikanischen Filmindustrie so erfolgreich zu sein wie eine Weisse, hat Viola Davis einen Pakt mit dem Teufel geschlossen: Sie liess sich von Weissen eine Rolle auf den Leib schreiben, mit der die unrühmliche Geschichte der Versklavung von Schwarzen durch Schwarze in Afrika umgeschrieben wurde.
Dass der Machtapparat in Hollywood imstande ist, einer vielfach preisgekrönten Schauspielerin und Oscarpreisträgerin wie Viola Davis, die als Identifikationsfigur für Schwarze gilt und vom Time Magazin zweimal als eine der hundert einflussreichsten Menschen weltweit gewählt wurde, ein solches Zugeständnis abzuringen, ist eine amerikanische Tragödie, die der niederträchtigen Behandlung von Hattie McDaniel vor mehr als achtzig Jahren in Nichts nachsteht.
Solange Schwarze in Hollywood gezwungen sind - wie die Haussklaven von einst - für eine Hauptrolle sich selbst und ihre Geschichte zu verraten, wirft die Sklaverei immer noch ihre dunklen Schatten auf das schwarze Amerika.
David Klein, geboren in Basel und Sohn des Jazzmusiker-Ehepaares Miriam und Oscar Klein, kommt sehr früh mit Musik und vor allem mit Jazz in Berührung. Neben seiner musikalischen Tätigkeit arbeitet David Klein seit 2012 als Journalist.
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