Was uns allen von der jüngsten Corona-Medienkonferenz des Bundesrats bleiben sollte: Es sieht zwar alles besser aus, aber es darf wohl um keinen Preis einfach besser sein. Die Epidemiologen empfinden immer noch «Unbehagen». Und jetzt?
Das Bundesamt für Gesundheit, kurz BAG, sieht sich unversehens in der Rolle eines Therapeuten. Denn die Experten, die den Bund in Sachen Corona beraten, sind etwas labile Geschöpfe, die man dringend moralisch aufbauen muss. Das Glas ist bei ihnen stets halb leer, und eine Miniwolke am Himmel verspricht ein Unwetter, bei dem man die Gartenmöbel in Sicherheit bringen muss.
Das steht spätestens seit diesem Mittwoch fest. Denn unterm Strich durften die Behörden in der neuesten Medienrunde Gutes verkünden: Die Zahlen gehen nach unten, es laufe in die richtige Richtung. Eine solche Aussage ist normalerweise der Auftakt zu allgemeinem Aufatmen.
Aber nicht, wenn es um Corona geht.
Denn richtige Richtung hin oder her, man bringe «ein gewisses Unbehagen bei den Epidemiologen noch nicht vollständig weg», befand Patrick Mathys vom BAG vor der Kamera. Das klang schon fast ein bisschen erschöpft. Andererseits mischte Mathys selbst gleich munter mit, als es darum ging, die Erfolgsstory wieder zur nahenden Tragödie umzudeuten: Die Zahl der Intensivbetten werde knapp, falls die Zahlen wieder steigen.
Abgesehen davon, dass sich die Belegung der Intensivstationen in der Schweiz einem historischen Tief nähert, wenn es so weitergeht, war das eine höchst überflüssige Bemerkung. Natürlich werden diese Stationen wieder voller, wenn man ihnen mehr Leute zuführt. Und einmal mehr ist nüchtern festzustellen, dass in unserem Land der Grat zwischen «so voll müssten die Intensivstationen sein, damit sie überhaupt wirtschaftlich sind» und «Hilfe, sie sind bald zu voll!» offenbar wenige Millimeter beträgt.
Munter wechselten sich im Livestream des Bundesrats optimistische und leicht apokalyptische Tonlagen ab. Der Ist-Zustand: Eigentlich bestens, genau so, wie man das angepeilt hat. Aber die nahe Zukunft! Da warten bereits bekannte mutierte Viren, neuartige mutierte Viren, Kombinationen von mutierten Viren. Da draussen lauern unzählige Gefahren, die den Optimismus in Sekundenschnelle zerstören können.
Noch wurde nicht darüber befunden, wie es Ende Februar weitergeht. Aber nach diesen Ausführungen scheint die Wahrscheinlichkeit gross, dass man auch im März weiter an geschlossenen Restaurants vorbeigehen darf. Denn, der Zufall will es eben so, im Lauf des Februars, aber spätestens im März, sollen die mutierten Varianten vermutlich, vielleicht, allenfalls, so richtig zuschlagen. Irgendwie schon fast schweizerisch pünktlich.
Es gibt Fragen, die man dem Bundesrat auf das hin stellen müsste. Warum bemüht man sich in der offiziellen Schweizer Coronapolitik eigentlich so verzweifelt, irgendwelche angepeilten Ziele punkto Fallzahlen und R-Wert zu definieren, wenn man schon im Voraus weiss, dass diese Wegmarken absolut nichts ändern? Wo man doch parallel zu allen Anstrengungen ja ohnehin immer gleich das nächste Horrorszenario findet, das alles verändert? Warum wird der Bevölkerung ständig suggeriert, sie habe es in der Hand, die Massnahmen loszuwerden mit braver Regelbefolgung, wenn man gar nicht vor hat, auf sinkende Zahlen zu reagieren?
Und die logische Folgefrage: Wie oft dürfen Bundesrat und BAG noch Dinge in Aussicht stellen, die dann trotz Erreichen des Etappenziels nicht erfüllt werden?
Es sind Fragen, die in diesen Momenten unbeantwortet bleiben, weil diejenigen, die vor Ort sind, sie nicht stellen. Und wer sie stellen möchte, erhält ganz offiziell keinen Zugang zu den Corona-Medienkonferenzen, weder physisch noch virtuell. Wir beispielsweise. Die Absage kam just heute per E-Mail. Aber irgendwie auch begreiflich, es wurde inzwischen schon so richtig kuschelig bei diesen Anlässen zwischen Bundesrat, Experten und den immer gleichen Journalisten. Die Harmonie könnte gestört werden.
Was einen förmlich zwingt, diese Fragen aus der Perspektive des Bundesrats und des BAG zumindest sinngemäss selbst zu beantworten. Was vermutlich etwa so lauten würde: Man kann ja nichts dafür, dass die Zahlen zwar sinken, aber am Horizont schon die nächste Verschlechterung lauert. Man muss flexibel bleiben, auf die Aktualität reagieren, nicht zu früh Entwarnung geben.
Aber noch einmal: Wenn sich sowieso nichts planen lässt, warum dann so tun, als könnte die Bevölkerung ihr Geschick aktiv mitbestimmen? Warum die Massnahmen mit bestimmten Zielen verknüpfen, die – sobald sie erreicht sind – als nichtig erklärt werden?
Die sinkenden Zahlen sind die Tatsache. Die lauernde Gefahr basiert auf wenn, könnte, würde, ist möglich, wäre. Die Schweizer Wirtschaft, die gesamte Gesellschaft, ist das Opfer des Konjunktivs. Sie leidet, weil einige Leute in Bern ihr «gewisses Unbehagen» einfach nicht wegbringen.
Das ganze Land zahlt die Zeche für die diffusen Gefühle einiger weniger.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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