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Waldmeyers Glosse

Waldmeyer und die Lieferkette

Die Welt ist heute nicht mehr dieselbe wie vor der Pandemie. Oder vor der Ukrainekrise. Plötzlich fehlt es an allem, Lieferungen stocken, die Preise gehen rauf. Max Waldmeyer überlegte sich, wie er persönlich reagieren sollte.

Roland V. Weber am 17. März 2023

Just-in-time-Lieferungen waren bis vor kurzem noch das Mantra aller Betriebswirtschafter und CEOs auf dem Globus: Man sollte nicht so blöd sein und Lager halten, wenn man die Ware doch gerade rechtzeitig anliefern lassen kann. Outsourcing war der Trick, die Verantwortung für die Anlieferung von allerlei Produkten und Dienstleistungen überträgt man kurzerhand an andere. So sieht intelligentes Supply-Chain-Management aus. Ein Teil des Lean Managements – das leuchtete jedem ein.

Was sich nun aber gezeigt hat: Die Abhängigkeit von einem einzigen oder wenigen Lieferanten ist fatal.

«Wir können ja froh sein, gibt es nicht nur die Migros in der Schweiz», meinte Waldmeyer zu Charlotte. Charlotte antwortete nicht. Waldmeyer wollte nur verdeutlichen, dass auch für seinen Haushalt in Meisterschwanden – nicht nur für alle Firmen auf dieser Welt – Lieferketten-Überlegungen angestellt werden sollten. Wenn man auf Coop, notfalls auf Denner, Lidl, Aldi, etc. ausweichen kann, ist das angenehm. Oder unter verschiedenen Tankstellen wählen kann. Allerdings: Wenn es bei der Grundproduktion stockt (also beispielsweise generell bei der Erdölproduktion oder -lieferung), nützt alles nichts: Dann gibt es an allen Tankstellen keinen Sprit mehr, bzw. nur noch sauteuer. Oder es gibt nirgends mehr Toilettenpapier (vgl. Waldmeyers Analyse vom Frühjahr 2020). Die Lagerhaltung zu erhöhen, funktioniert zudem auch nicht immer - Waldmeyer möchte z.B. kein eigenes Treibstoff-Tanklager betreiben.

Just-in-time war also einmal. «Die Resilienz muss erhöht werden», meinen nun gescheite Ökonomen. Waldmeyer versuchte, es weniger gestelzt auszudrücken: Jetzt müssen einfach mehr Lager aufgebaut und die Lieferantenabhängigkeit reduziert werden. Dumm ist nur, dass das meistens etwas Zeit in Anspruch nimmt. Dass Deutschland fast seinen gesamten Gasbedarf von einem einzigen Lieferanten bezogen hat, war natürlich ein sträflicher Fehler, der sich kurzfristig nicht korrigieren lässt. Die Japaner beispielsweise machen es da schon besser, denn sie hatten das Glück, von Fukushima zu profitieren: Aus der damals stockenden Industrieproduktion und Versorgungsengpässen hatte man gelernt, die Lieferanten zu diversifizieren und sie einzubinden in ein engmaschiges Kontroll- und Coaching-System. Toyota produzierte letztes Jahr als fast einziger Automobilhersteller munter weiter, kaum etwas fehlte. VW und andere deutsche Hersteller dagegen brachten die Autos nicht raus, weil unter anderem beispielsweise die Kabelbäume fehlten (fatalerweise kamen sie allesamt von einem einzigen ukrainischen Hersteller).

Also wieder die Deutschen. Was ist nur mit den Deutschen los …? Die Germanen, so Waldmeyers Eindruck, verkörpern doch quasi die Inkarnation der Organisation. Die sind durchgetaktet, funktionieren perfekt top-down. Der deutsche Arbeitnehmer arbeitet zu 80 Prozent zwar nicht gerne (der Schweizer offenbar nur zu 20 Prozent nicht), aber er tut es trotzdem. Die teutonische Obrigkeitshörigkeit ist legendär. Allerdings laufen sie dann wie Lemminge hinter allem her. «Das mit dem Gas oder dem Kabelbaum wäre mir nie passiert», meinte Waldmeyer zu Charlotte. «Du warst eben weder Kanzler Deutschlands noch CEO bei VW, lieber Max!» Stimmt.

Lieferkettenprobleme und/oder generell Krisen haben natürlich auch Vorteile, reflektierte Waldmeyer weiter. Siehe Fukushima und Toyota. Denn Veränderungen bringen immer auch Gewinne für bestimmte Marktteilnehmer. Irgendjemand kann immer aus Verwerfungen profitieren - z.B. die Banken. Ob die Zinsen rauf- oder runtergehen: Die Boni der Banker bleiben immer gleich. Auch in der Industrie gibt es Vorteilsnehmer in Krisen, denn neue Lieferanten kommen zum Handkuss, weil die alten nicht liefern können. Die Frage, die Waldmeyer nun umtrieb, war die: Wie könnte er nun persönlich von der jetzigen Lieferketten-Krise profitieren? Sollte er in Lagerräume investieren? Oder in Lagerkonzepte? Oder in Firmen, welche Logistik-Dienstleistungen anbieten? Oder einfach einen Toyota kaufen und dann gleich wieder an den Nachbarn verkaufen, weil der seit sechs Monaten auf seinen BMW wartet (sein schon lange gebuchtes Fahrzeug steht nämlich unfertig in irgendeiner Werkhalle und wartet auf ein elektronisches Teil, dass immer noch im Hafen von Shanghai liegt).

Die Kunst des Geldverdienens besteht also darin, genau dort zu sitzen, wo sich etwas verändert. Wenn die Häuserpreise raufgehen, verdient der Makler weiter. Wenn sie runtergehen, ebenso. Der ökonomische Trick könnte, ganz lapidar, nämlich sein, so Waldmeyers Analyse, Veränderungen zu antizipieren – und dann genau dort einzuhaken, wo etwas in Bewegung gerät.

«Wir sollten besser unsere eigene Versorgungslage in Ordnung bringen, bevor wir jetzt von Mangellagen profitieren, Max», fasste Charlotte zusammen. Stimmt, dachte nun auch Waldmeyer: Es ging nicht nur um den Kühlschrank-Nachschub, sondern auch um so profane Dinge wie Toilettenpapier. Oder generell um intelligentes Lagermanagement. Konsequenz: Die Lagerhaltung müsste erhöht werden. Wie lautete das Sprichwort schon wieder? Kaufe jetzt, so hast du in der Not …?

Plötzlich lief Waldmeyer ein kalter Schauer über den Rücken. Was ist mit dem Weinkeller? Ein Lieferkettenproblem beim Weinnachschub wäre wirklich sehr ärgerlich. Die Reblaus beispielsweise könnte die Weinstöcke in ganz Europa vernichten – so wie vor 150 Jahren. Oder die Klimaerwärmung und der Wassermangel die Ernten einbrechen lassen. Waldmeyer nahm sich vor, noch besser zu diversifizieren: Man kann, beispielsweise, nicht nur auf Terre Brune setzen. Spanien, Italien und Frankreich sind zwar gut vertreten in seiner Bodega in Meisterschwanden. Aber er wollte nun noch ein paar Bestellungen aus ganz anderen Regionen aufgeben, so Australien, Argentinien oder Kalifornien. Gleichzeitig plante er, die ganze Lagerhaltung massiv hochzufahren. Waldmeyer war zufrieden: Ja, so sieht Resilienz in Meisterschwanden aus!

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Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

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