logo

Freitags-Glosse

Waldmeyer wird Bundespräsident

Die Verteilung der Jobs für die Bundesräte entzieht sich jeglicher Logik. Sieben unterschiedliche Departemente gilt es zu führen. Das Mysterium beginnt bereits bei der Nominierung. Dabei ist nur eines klar: Ausbildung und Fachkompetenz sind irrelevant. Waldmeyer möchte alles ändern.

Roland V. Weber am 23. Dezember 2022

Ein Vorbild für Ämterverteilungen mag Merkels Regentschaft sein: Sie schaffte es, jede und jeden ihrer Ministerinnen und Minister an einem Ort zu platzieren, an dem diese bestenfalls versagten, wenn nicht zumindest mundtot gemacht werden konnten. Die Zuteilung erfolgte streng nach dem Prinzip, wonach alle Politiker sachfremde Gebiete erhielten. Sie mussten sich alle also erst einmal mühsam einarbeiten, um dann allerdings nie zu Hochform auflaufen zu können. Die fremde Materie musste ihnen aufgrund ihrer Ausbildung oder bisherigen Laufbahn immer spanisch vorkommen. Die Entourage von Mutti blieb so nachhaltig schwach, und niemand gefährdete ihre Macht.

Der neue Bundeskanzler Scholz, selbst hoch-gemerkelt, übernahm dieses Prinzip. Als Verwaltungsjurist war und ist er z.B. bar jedes ökonomischen Verständnisses, und insbesondere Charisma und Führungsqualitäten gehen ihm komplett ab. Seine neue Truppe besteht nun, so Waldmeyers objektiver Eindruck, aus einer Gruppe von Handarbeitslehrerinnen. Die Verteidigungsministerin beispielsweise, Christine Lamprecht, hatte sich bislang noch nie mit Aussenpolitik oder Verteidigungsfragen abgegeben. Dass sie ein Sturmgewehr nicht in 90 Sekunden zerlegen und wieder zusammensetzen kann, könnte man ihr noch durchgehen lassen. Aber dass ihr Geopolitik, Militärstrategien oder Kenntnisse betreffend Bedrohungslagen oder Waffensystemen komplett fremd sind, ist doch eher peinlich. Auch ohne Putins 24. Februar war sie bereits hoffnungslos überfordert, heute erst recht.

Aber zurück in die Schweiz. Waldmeyer und Charlotte sassen vor dem Kaminfeuer, nippten an einem Glas, und jeder machte sein Ding. Charlotte verlor sich in einer spannenden Lektüre über vertikale Begrünungskonzepte von Hochhäusern in Bangkok, Waldmeyer indessen analysierte weiter das Führungskonzept unserer Nation.

Max Waldmeyer stellte fest: Parteien geben also vor, wer als Bundesrat in Frage kommt. Dass wir nun die nette Mama aus dem Jura als neue Bundesrätin haben, ist einzig das Produkt von verquerer Parteipolitik mit strategischem Postenschacher. Madame Elisabeth Baume-Schneider machte das Rennen letztlich dank ihren Schwarznasen-Schafen. Waldmeyer erinnerte sich an das Gleichnis mit dem Flügelschlag des Schmetterlings: Ein winziger Schlag, eine kleine Entscheidung oder nur eine zufällige Wirkung kann die Richtung in die Zukunft entscheidend beeinflussen. Die strategisch brillante Entscheidung Elisabeths, vor Jahren schon, sich ein paar herzige Schwarznasenschafe zuzulegen, führte sie nun in die Position der Chefin des Justizdepartementes. Nicht ihre Entscheidung, im Nachbarkanton Geschichte zu studieren oder nachher als Sozialarbeiterin zu arbeiten, beförderten sie in die finale Ausgangsposition zur Bundesrätin, sondern einzig diese Tierli-Anschaffung. Teile der SVP sahen bei ihrer Stimmabgabe zugunsten der einstigen Marxistin (mit relativ unbedarften Wirtschaftskenntnissen, allerdings durchaus sympathisch) wohl weniger Gefahr aufziehen als mit der konkurrierenden und profilierteren Kollegin aus Basel (welche allerdings den Charme einer ungeheizten Kathedrale versprüht). Es waren ein paar wenige Bauernvertreter - sie lassen sich an einer Hand abzählen -, welche, dank den Schwarznasen, plötzlich Sympathie für die Bauerntochter aus dem vergessenen Les Breuleux entwickelten und ihr die ausschlaggebenden Stimmen gaben. Ja, so funktioniert der Flügelschlag des Schmetterlings: Les Breuleux - Schwarznasen – Bundesrätin – Chefin eines Departement-Komplexes mit ein paar Tausend Köpfen und einem Milliarden-Budget.

In der Schweiz wird nicht vor, sondern erst nach den Bundesratswahlen überlegt, was die gewählten Leute anschliessend tun sollen. Dieser alte Zopf stammt aus dem 19. Jahrhundert, als Spezialwissen und Fachkompetenz noch weniger gefragt waren, es ging damals eher um Führungsqualität und Vertretung von Bevölkerung und Ständen.

Waldmeyer vergleicht dieses wenig kluge Ämterroulette mit der absurden Idee, in seiner Firma erst einmal nette Leute einzustellen, welche auch den bisherigen Mitarbeitern gefallen, und anschliessend dann erst Überlegungen anzustellen, was diese im Betrieb nun tun könnten. Dies im Sinne von: „Elisabeth, du übernimmst ab dem 1. Januar übrigens die Rechtsabteilung – leider blieb nichts anderes frei, die anderen Mitarbeiter sind schon länger hier und haben bereits ausgewählt, weisst du.“

Die Verteilung der Departemente des Bundesrates gemahnt tatsächlich an eine Festlegung der Tischordnung unter Freunden: Irgendwie gibt es stets eine Lösung, wenn sie auch immer suboptimal bleibt. Die Qualifikation spielt bei der Zuordnung der Büez keine Rolle. Es geht nicht um Sachkompetenz, sondern um Präferenzen. Die Amtsältesten haben Vorrang bei der Auswahl. Wie bei einer Tischordnung eben, wo man den Senioren konzilianterweise den Vortritt lässt.

Als Ergebnis sieht es in Helvetien nun wie folgt aus:

Alain Berset, mit etwas schmaler Ausbildung in Politik in Neuenburg, darf sich nun weiter um Gesundheitsfragen kümmern. Sein Talent als Zögerer, Lavierer und Kommunikator darf er immerhin weiter einsetzen.

Karin Keller-Suter, ausgebildete Dolmetscherin, wird sich jetzt im Finanzdepartement um komplexe Budgets, Finanzierungen und Inflationsbekämpfung kümmern, auch um ziemlich anspruchsvolle Vorgänge in Sachen Geldmenge und Kryptowährungen.

Ignazio, der nette Onkologe aus dem Tessin, darf sich nicht, der Logik gehorchend, als ausgebildeter Mediziner um Gesundheitsfragen im Departement des Innern kümmern. Nein, er wird weiter Aussenpolitik auf dem internationalen Parkett betreiben und hunderte von Diplomaten koordinieren. Ignazio stellt auch Pässe aus.

Guy Parmelin, ausgebildeter Landwirt und Winzer, macht weiter, relativ ungestört, in seinem Wirtschaftsdepartement. Er koordiniert auch, eher unbemerkt, intellektuelle Sachen, so die Bildungspolitik.

Frau Amherd, einzige Juristin im Bundesrat, sollte folgerichtig das Justizdepartement führen. Sie wird sich indessen weiter im Verteidigungsdepartement profilieren und kümmert sich dort um Fliegerbeschaffungen oder Cybersicherheit. Sie macht auch Truppenbesuche. Aber auch sie hat, leider, wie ihre Kollegin in der Bundesrepublik, nie in der Armee gedient. Sie arbeitet sich nun auch im vierten Jahr in diese fremde Materie ein.

Albert Rösti, der Mann mit dem Sonntagsgesicht aus dem Bernbiet, immerhin ausgebildeter Agronom, Autolobbyist und einst (wenn auch gescheiterter) Chef des Milchverbandes, installiert demnächst Solarpanels in den Alpen und stellt so sicher, dass wir immer genügend Strom haben.

Für die rührige Sozialarbeiterin aus dem Jura blieb bei der Verteilung nur das Justizdepartement. In ein paar Jahren, wenn sie Lust auf etwas anderes hat, darf sie vielleicht auch einmal auswählen.

Charlotte meinte, das spiele doch eh alles keine Rolle. Ronald Reagan sei auch nur Schauspieler gewesen. Politische Führer seien nur Chefs und würden sich dann schon mit gescheiten Beratern und Untergebenen umgeben. Es zähle der Mensch. „Sei doch ein bisschen nachsichtig, Max, das sind alles korrekte Leute. Und: Es passiert eh nichts.“

Stimmt. Aber das System ist so nicht effizient, meint Waldmeyer. Sein Fazit: Jeder im Bundesrat ist nun dort angekommen, wo er bestenfalls mittelmässige Resultate abliefern kann. Allen Mitgliedern fehlt die Sachkompetenz. In der Wirtschaft wären solche Branchenwechsel, wie sie Bundesräte vornehmen, undenkbar. Da werden keine Winzer als CEO einer grossen Firmengruppe angestellt, keine Sozialarbeiterinnen als Chefin einer grossen Rechtsanwaltskanzlei. Kein Onkologe würde es zum Chef einer weltumspannenden PR-Firma bringen, und keine Dolmetscherin könnte sich je in die Position eines Konzern-CFO hieven. Aber es war schon immer so. Wir hatten auch schon eine Konzertpianistin (Simonetta Sommaruga) oder einen Heizungsmonteur (Willi Ritschard).

Waldmeyer staunt umso mehr, wenn er entdeckt, wie das in anderen Staaten so abläuft – z.B. in Singapur. Als Finanzminister sucht man dort den besten CFO aus der Wirtschaft, und der Premierminister ist eigentlich der CEO des Staates. Er ist der Chef. Bei uns gibt es ja keinen richtigen Chef im Bundesrat. Nur einen primus inter pares - und dies im Jahresturnus. „Charlotte, stell dir eine Firma vor, in der jedes Jahr ein anderer der Chef ist. Es würden alle Abteilungsleiter turnusmässig zum Handkuss kommen, ungeachtet ihrer Herkunft, des Leistungsausweises, der Kenntnisse oder der Führungsqualitäten. Dieser verblendete Selbstverwaltungsmist hat doch keine Zukunft. Einer muss einfach der Chef sein!“

Charlotte blickte kurz von ihrer Lektüre auf: „Und wer soll denn der Chef sein bei uns, unser längerfristiger Bundespräsident, dein CEO der Schweiz?“

Waldmeyer nippte kurz an seinem Cognac und stellte lakonisch fest: „Das müsste dann wohl ich machen.“

Einige Highlights

Uzwilerin mit begrenzter Lebenserwartung

Das Schicksal von Beatrice Weiss: «Ohne Selbstschutz kann die Menschheit richtig grässlich sein»

am 11. Mär 2024
Im Gespräch mit Martina Hingis

«…und das als Frau. Und man verdient auch noch Geld damit»

am 19. Jun 2022
Das grosse Gespräch

Bauernpräsident Ritter: «Es gibt sicher auch schöne Journalisten»

am 15. Jun 2024
Eine Analyse zur aktuellen Lage

Die Schweiz am Abgrund? Wie steigende Fixkosten das Haushaltbudget durcheinanderwirbeln

am 04. Apr 2024
DG: DG: Politik

«Die» Wirtschaft gibt es nicht

am 03. Sep 2024
Gastkommentar

Kein Asyl- und Bleiberecht für Kriminelle: Null-Toleranz-Strategie zur Sicherheit der Schweiz

am 18. Jul 2024
Gastkommentar

Falsche Berechnungen zu den AHV-Finanzen: Soll die Abstimmung zum Frauenrentenalter wiederholt werden?

am 15. Aug 2024
Gastkommentar

Grenze schützen – illegale Migration verhindern

am 17. Jul 2024
Sensibilisierung ja, aber…

Nach Entführungsversuchen in der Ostschweiz: Wie Facebook und Eltern die Polizeiarbeit erschweren können

am 05. Jul 2024
Pitbull vs. Malteser

Nach dem tödlichen Übergriff auf einen Pitbull in St.Gallen: Welche Folgen hat die Selbstjustiz?

am 26. Jun 2024
Politik mit Tarnkappe

Sie wollen die angebliche Unterwanderung der Gesellschaft in der Ostschweiz verhindern

am 24. Jun 2024
Paralympische Spiele in Paris Ende August

Para-Rollstuhlfahrerin Catherine Debrunner sagt: «Für ein reiches Land hinkt die Schweiz in vielen Bereichen noch weit hinterher»

am 24. Jun 2024
Politik extrem

Paradox: Mit Gewaltrhetorik für eine humanere Gesellschaft

am 10. Jun 2024
Das grosse Bundesratsinterview zur Schuldenbremse

«Rechtswidrig und teuer»: Bundesrätin Karin Keller-Sutter warnt Parlament vor Verfassungsbruch

am 27. Mai 2024
Eindrucksvolle Ausbildung

Der Gossauer Nicola Damann würde als Gardist für den Papst sein Leben riskieren: «Unser Heiliger Vater schätzt unsere Arbeit sehr»

am 24. Mai 2024
Zahlen am Beispiel Thurgau

Asylchaos im Durchschnittskanton

am 29. Apr 2024
Interview mit dem St.Galler SP-Regierungsrat

Fredy Fässler: «Ja, ich trage einige Geheimnisse mit mir herum»

am 01. Mai 2024
Nach frühem Rücktritt: Wird man zur «lame duck»?

Exklusivinterview mit Regierungsrat Kölliker: «Der Krebs hat mir aufgezeigt, dass die Situation nicht gesund ist»

am 29. Feb 2024
Die Säntis-Vermarktung

Jakob Gülünay: Weshalb die Ostschweiz mehr zusammenarbeiten sollte und ob dereinst Massen von Chinesen auf dem Säntis sind

am 20. Apr 2024
Neues Buch «Nichts gegen eine Million»

Die Ostschweizerin ist einem perfiden Online-Betrug zum Opfer gefallen – und verlor dabei fast eine Million Franken

am 08. Apr 2024
Gastkommentar

Weltweite Zunahme der Christenverfolgung

am 29. Mär 2024
Aktionswoche bis 17. März

Michel Sutter war abhängig und kriminell: «Ich wollte ein netter Einbrecher sein und klaute nie aus Privathäusern»

am 12. Mär 2024
Teuerung und Armut

Familienvater in Geldnot: «Wir können einige Tage fasten, doch die Angst vor offenen Rechnungen ist am schlimmsten»

am 24. Feb 2024
Naomi Eigenmann

Sexueller Missbrauch: Wie diese Rheintalerin ihr Erlebtes verarbeitet und anderen Opfern helfen will

am 02. Dez 2023
Best of 2023 | Meine Person des Jahres

Die heilige Franziska?

am 26. Dez 2023
Treffen mit Publizist Konrad Hummler

«Das Verschwinden des ‘Nebelspalters’ wäre für einige Journalisten das Schönste, was passieren könnte»

am 14. Sep 2023
Neurofeedback-Therapeutin Anja Hussong

«Eine Hirnhälfte in den Händen zu halten, ist ein sehr besonderes Gefühl»

am 03. Nov 2023
Die 20-jährige Alina Granwehr

Die Spitze im Visier - Wird diese Tennisspielerin dereinst so erfolgreich wie Martina Hingis?

am 05. Okt 2023
Podcast mit Stephanie Stadelmann

«Es ging lange, bis ich das Lachen wieder gefunden habe»

am 22. Dez 2022
Playboy-Model Salomé Lüthy

«Mein Freund steht zu 100% hinter mir»

am 09. Nov 2022
Neue Formen des Zusammenlebens

Architektin Regula Geisser: «Der Mensch wäre eigentlich für Mehrfamilienhäuser geschaffen»

am 01. Jan 2024
Podcast mit Marco Schwinger

Der Kampf zurück ins Leben

am 14. Nov 2022
Hanspeter Krüsi im Podcast

«In meinem Beruf gibt es leider nicht viele freudige Ereignisse»

am 12. Okt 2022
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.