Wer den Artikel vom 17. April 2019 online nachlesen will, stellt fest: Er existiert nicht mehr. Der Link führt ins Leere.
Am Anfang stand eine spannende Recherche über das Finanzimperium eines iranisch-schweizerischen Doppelbürgers. Inzwischen ist es eher ein Fall für die Medienpolitik. Denn über Nacht verschwand die Story, nachdem sich das Imperium und ein Kommunikationsberater eingeschaltet hatten.
René Zeyer ist, vornehm ausgedrückt, leicht angesäuert. Der freischaffende Journalist mit Spezialgebiet Finanzen, Banken und Wirtschaft (er ist auch für «Die Ostschweiz» tätig) hatte viel Zeit investiert in eine Story über einen geheimnisvollen Firmenclan rund um den Unternehmer Yousef Sherkati. Und er fand im St.Galler Tagblatt prompt einen Abnehmer. Denn der Beitrag hat Ostschweizer Bezüge.
Am 17. April 2019 erschien die Story in der gedruckten Ausgabe - riesig aufgemacht auf einer Doppelseite und grosszügig bebildert. Autor und Zeitung waren zufrieden: Solche Hintergrundgeschichten wünscht man sich.
Wer die gedruckte Ausgabe verpasst hat und das Ganze etwas später online nachlesen wollte, wurde aber enttäuscht. Eine Googlesuche erzielt zwar Treffer, aber der Link führt lediglich zu einer Fehlermeldung - es gibt den Artikel nicht mehr.
Wer den Artikel vom 17. April 2019 online nachlesen will, stellt fest: Er existiert nicht mehr. Der Link führt ins Leere.
Der Autor selbst konnte sich erst auch keinen Reim machen. Es war ein anderer Journalist, der ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Beim Tagblatt hatte keiner Zeyer darauf aufmerksam gemacht, dass seine Recherche ersatzlos gelöscht worden war.
«Die Ostschweiz» publiziert den Beitrag deshalb hier.
Was ist geschehen? Ganz offensichtlich hatte man bei der Familie Sherkati, um die sich die Story drehte, keine Freude an der Publizität. Entsprechend - und das kommt wohl hin und wieder vor, wenn es um heikle Themen geht - gelangte man ans St.Galler Tagblatt mit der Bitte, den Beitrag zu entfernen. Allerdings tat man das nicht persönlich, sondern schickte einen St.Galler Kommunikationsbeauftragten vor.
Dieser hatte im Auftrag der Sherkatis eine Reihe von Punkten zusammengestellt, die aus seiner Sicht sachliche Fehler darstellten, die zur Löschung des Artikels berechtigen. Mit diesen bewaffnet, wollte er ans Tagblatt gelangen. Laut Zeyer wurde er vor diesem Treffen von der Redaktion gebeten, mitzuhelfen, ein Argumentarium gegen die Kritik am Artikel zusammenzustellen - damit die Redaktion kompetent reagieren konnte.
Zeyer sah die Kritik an seinem Artikel anders und teilte das der Redaktion mit einer ausführlichen Antwort auf die Kritikpunkte mit. Der einzige handfeste Fehler, der ihm laut seinen Angaben unterlaufen war: Bei einem Namen eines Beteiligten hatte er im Text den Vornamen zum Nachnamen gemacht und umgekehrt. Was beim Namen «Werner Albert» schon fast nachvollziehbar ist.
Bei den anderen monierten Punkten handle es sich um Erkenntnisse aus seriösen Quellen, an der einen oder anderen Stelle habe es sich um Vereinfachungen um der Sache Willen gehandelt, aber nicht um Falschinformationen. Alles andere sei völlig korrekt. Dabei bleibt der Autor.
Das teilte Zeyer auch der Redaktion mit, und er war nach dem Gespräch mit der Tagblatt-Redaktion überzeugt, alle Zweifel ausgeräumt zu haben. Dann habe man ihm aber plötzlich mitgeteilt, es gebe eben doch falsche, halbwahre und anderweitig problematisch Tatsachenbehauptungen im Text - man sagte ihm aber nicht, welche. «Das macht auch Sinn», so Zeyer, «es gibt keine.»
Noch am 30. April meldete die Redaktion an den Journalisten, Sherkati sei es wohl vor allem darum gegangen, seine Einwände bei der Zeitung zu deponieren, nun sei es wohl damit erledigt, alles in Ordnung.
Was wohl doch nicht so war. Denn wenig später verschwand der Beitrag aus dem Netz.
Der freischaffende Autor René Zeyer. (Screenshot: kenfm.de)
Das heisst: Nachdem der Journalist fein säuberlich die kritisierten Punkte geprüft und beantwortet hatte, griff dann doch eine Art Zensur. Für Zeyer ist klar: Die Zeitung ist eingeknickt aufgrund des Widerstands der Unternehmerfamilie, die sich an dem Artikel störte. Der lokal verankerte Kommunikationsberater wiederum habe offenbar genügend Druck gemacht.
Theoretisch wäre für die Zeitung auch ein anderes Vorgehen denkbar gewesen: Den Onlineartikel einfach bezüglich Fehlern - wirklichen und angeblichen - zu bereinigen und im Netz zu lassen. Und gab es wirklich Fehler, hätte wohl auch in der gedruckten Zeitung ein Korrigendum erscheinen müssen, was nie geschah.
Auf Fragen dazu, welche «Die Ostschweiz» den Kollegen beim St.Galler Tagblatt stellte, hiess es freundlich, aber sehr knapp, die Redaktion überarbeite «die Inhalte ihres Online-Portals laufend und nimmt gegebenenfalls auch Änderungen daran vor.» Was den Rest angehe, gelte das Redaktionsgeheimnis.
Dass die laufende Überarbeitung die Löschung von Artikeln beinhaltet, ist allerdings doch eher unüblich. Es ist jedenfalls kein Fall eines Onlinemediums bekannt, das fortlaufend frühere Beiträge entfernt. Diese haben als Archiv eine wichtige Funktion. Onlinemedien, und das ist eine Grundlogik, werden im Lauf der Zeit inhaltlich immer «fetter», und Platzprobleme gibt es im Web auch nicht.
Für den Journalisten René Zeyer bleibt das Ganze eine bittere Erfahrung. Ausser dem Honorar für seinen Text ist ihm nichts geblieben, seine Arbeit ist verschwunden - jedenfalls beim Tagblatt. Er ist sicher: Inhaltlich oder auch rechtlich könne sein Artikel nichts zu beanstanden gegeben haben. Geblieben seien höchstens vernachlässigbare Details. Und er meint: «Auch bei der Betrachtung mit der Lupe hat man nichts gefunden hat, über das man sich zu Recht aufregen könnte.»
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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