(Bild: zVg.)
Kerstin Bronner ist seit 2015 zusammen mit ihrem Partner Magdi Harbawy als kulturelle Brückenbauerin in der Oase Bahariya sowie in der Weissen Wüste in Ägypten unterwegs. Die Professorin der Fachhochschule Ost berichtet für «Die Ostschweiz» von ihren Erlebnissen in der Ferne.
Seit meiner ersten Reise in die Weisse Wüste Ägyptens vor zehn Jahren fasziniert mich dieses uralte Stück Meeresboden ebenso wie die Menschen, die in der dort angrenzenden Oase Bahariya, knapp 400km südwestlich von Kairo in Richtung Sudan gelegen, leben. Die Weite, Ruhe und der Frieden der Wüste scheinen sich in die Herzen der um sie lebenden Menschen «eingepflanzt» zu haben. Ihre Herzoffenheit übertrifft alle westlichen Bilder über Muslime, Islam, Verschleierung bei Weitem und hat sämtliche meiner eigenen westlich geprägten Vorurteile durcheinandergewirbelt – und tut es bis heute.
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So wurde es mir selbst zum Herzensanliegen, diese Erfahrungen möglichst vielen Menschen aus dem «Westen» möglich zu machen. «Kulturelles Brückenbauen» nennen wir die Reisen, bei denen mein Partner Magdi Harbawy, Wüstenguide aus der Oase Bahariya, und ich gemeinsam während zehnTagen tatsächlich Brücken bauen zwischen den Kulturen: durch Begegnungen in der Oase, gemeinsame Mahlzeiten unterm Wüstensternenhimmel, bei Erzählungen der Teilnehmenden und der Einheimischen aus ihren Leben, beim Jodeln und beim Singen von Beduinenliedern am Lagerfeuer.
Reisen mit offenem Herzen
Das ergänzt meine Tätigkeit als Professorin an der Ostschweizer Fachhochschule OST optimal. Im Departement Soziale Arbeit bin ich mit den Themen Interkulturalität und Antidiskriminierung unterwegs. Das Zusammenfliessen meiner Arbeit mit den Studierenden und meinem Wirken in Ägypten bildet eine weitere Brücke: Sie führt Theorie, Forschung und Praxis zusammen.
Was Theorien zu Interkulturalität und (Anti-)Diskriminierung «sagen» wird auf unseren Reisen praktisch erprobt, überprüft, widerlegt oder erweitert. Wir reisen mit offenerem Herzen und aktualisierten inneren Bildern zurück, die Beduinen und ihre Familien bleiben mit beschenkten Herzen und Dankbarkeit für unser Einlassen zurück.
Brückenbauen konkret
Wie geht das nun, dieses «Brückenbauen»? Zwischen was bauen wir Brücken? Und wer begeht sie? Und warum ist das wichtig?
Da gibt es einmal die Brücke zwischen Europa und Afrika, zwischen dem globalen Westen und Osten, zwischen einer Kultur, die sich selbst als «fortschrittlich» und die andere als «traditionell» oder «rückständig» bewertet. Hier gibt es durch das 10-tägige gemeinsame Leben in der Wüste Raum für Erzählungen und Fragen – von beiden «Seiten». Das ist unglaublich spannend, zeigt sich hier doch ganz praktisch, was theoretisch immer wieder erklärt wird: in der Begegnung mit «dem Fremden» liegen Unsicherheit oder auch Irritationen, auf die zuweilen – ganz menschlich - mit stereotypen Bildern, Vorurteilen oder Abwertungen reagiert wird. Indem bei unseren Wüstenreisen täglich mehr gegenseitiges Vertrauen entsteht, können solche vorgefassten Bilder zur Sprache kommen und differenziert werden. Und das kann immer wieder auch recht amüsant sein: So werden zum Beispiel Bilder über muslimische Frauen, die nichts zu sagen haben von den Frauen dort selbstbewusst lächelnd „gerade gerückt“. Während ihre mitleidigen Bilder über berufstätige Frauen ohne Kinder wiederum von uns mit Leben gefüllt werden. Wir lachen über die Vorstellung, in der Schweiz könne man bei Regen nicht aus dem Haus oder Schnee sei furchtbar, und werden beneidet für unsere Berge und das viele Grün in der Natur.
In der Gelassenheit, dem Präsentsein, der Ruhe mit dem unsere Guides ihre Arbeit tun liegt eine weitere Brücke. Sie unterstützt die Gäste dabei in Gelassenheit, ins Abschalten, ins Einsinken in die Weite und Stille der Wüste zu kommen. Raus aus unserer Hektik, aus der Dichte des westlichen Alltags, aus den vielen Anforderungen des (Berufs-)Alltags. Obwohl die meisten unserer Guides noch nie in Europa waren haben ein sehr feines Gespür für die Angespanntheit und den Stress, den viele Gäste mitbringen. Und es ist ihnen eine Herzensangelegenheit, die Brücke in die Entspannung zu bilden um die Gäste erholt und aufgetankt nach Europa abreisen zu lassen.
Haben Sie Lust bekommen auf Entspannung? Die nächste Gelegenheit gibt es bereits im April: www.wuesten-erlebnis.com/termine
Kerstin Bronner ist seit 2015 zusammen mit ihrem Partner, Magdi Harbawy, als kulturelle Brückenbauerin in der Oase Bahariya sowie in der Weissen Wüste in Ägypten tätig. An der OST Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen lehrt und forscht sie am Departement Soziale Arbeit als Professorin zu den Themen Interkulturalität, diversitätssensible Soziale Arbeit, Antirassismus, Integrität.
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