Sieben Autoren der Wikipedia-Szene haben sich am Freitagmorgen im Lesesaal der Stiftsbibliothek St.Gallen eingefunden. Ihr gemeinsames Ziel: Die Qualität der Artikel über den Stiftsbezirk St.Gallen und damit verbundene Themenbereiche optimieren.
Im Rahmen des von Wikimedia initiierten Veranstaltungsformats «Glam-on-Tour» hatten sich bereits 2023 um die 25 Wikipedia Autorinnen und -Autoren in St.Gallen getroffen, um direkt vor Ort Artikel über die Stiftsbibliothek, den Stiftsbezirk, das Kloster St.Gallen und auch städtische Themen zu schreiben. Diese Aktion setzt sich nun fort mit dem Ziel, die Wikipedia-Einträge über den Stiftsbezirk weiter zu verbessern. Gemäss Stiftsbibliothekar Cornel Dora ist das Ganze auch ein Vorzeigeprojekt für kulturelle Teilhabe. «Dabei geht es darum, dass Externe sich mit den Museumsthemen, oder im Fall von St.Gallen mit dem kulturellen Erbe der Fürstabtei, befassen und es sich so zu eigen machen», so Cornel Dora.
Am Freitagmorgen konnte der Stiftsbibliothekar sieben Autoren im Lesesaal begrüssen. Sie alle hatten vorher bereits angekündigt, zu welchen Themen sie schreiben wollen. Das Team der Stiftsbibliothek hat die dazu notwendigen Dokumente und Bücher bereitgelegt.
Eine Gemeinschaft neugieriger Menschen
Einer der Anwesenden ist Martin Thurnherr, pensionierter Lehrer, ehemaliger Rheintaler und mittlerweile in Freiburg zu Hause. «Vor einem Jahr hatte ich Informationen betreffend Archäologie in die Wikipedia-Artikel zur Stiftskirche eingebaut. Auch zum Heiligen Gallus formulierte ich Nachträge.» Heute werde er deshalb zuerst schauen, ob für diese Themenbereiche noch weiteres Material vorliege. Anschliessend sei er thematisch offen. Wikipedia ist für Martin Thurnherr tägliches Hobby. «Ich mag es, Wissen zu teilen. Das war schon als Lehrer so. Deshalb bin ich motiviert, hier mitzumachen.»
Die beiden Wikipedia-Schreiber Hansruedi Steinauer und Martin Thurnherr. (Bild: Roger Fuchs)
Ein anderer Wikipedia-Kopf heisst Rudolf H. Böttcher. Seit zwölf Jahren wirkt er für die Plattform. Alle Leute in der Wikipedia-Community seien sehr neugierige Menschen. Böttcher befasst sich im Lesesaal der Stiftsbibliothek mit Joseph Anton Müller, also jenem Politiker, der «1805 die Fürstabtei liquidiert hat», wie es der Mann aus Deutschland ausdrückt. Auch Baudenkmäler haben es Rudolf H. Böttcher angetan. Dass er sich im Umfeld der Stiftsbibliothek sehr wohl fühlt, kommt nicht von ungefähr: Im Frankenthal in der Pfalz sei er einst ehrenamtlich im Museum tätig gewesen und habe Ausstellungen mitkuratiert.
In ein nochmals komplett anderes Thema vertieft sich der seit drei Monaten pensionierte Hansruedi Steinauer aus Horgen. «Ich möchte einen Artikel über Otto Henne am Rhyn, einen ehemaligen Stiftsarchivar von St.Gallen, ausbauen», sagt Steinhauer. Die Herausforderung sei, dass es vor allem Bücher gäbe, die von ihm selbst stammten, es würden hingegen wenig Schriften über Otto Henne als Person existieren. Was auch immer Hansruedi Steinauer schliesslich im Verlauf des Tages findet, so wird er dann entscheiden, was er zusätzlich in Wikipedia aufnimmt und was nicht.
Wikipedian in Residence
Stiftsbibliothekar Cornel Dora wertet es als grossen Gewinn, wenn so viele Freiwillige an den Wikipedia-Artikeln wirken. Anliegen wie den Wunsch nach Handschriften-Bildern in einer mittleren statt nur in einer leichten Auflösung, nimmt er offen entgegen. Und was den Umgang mit Fremdsprachen bei Wikipedia-Artikeln anbelangt, gibt ihm einer der Anwesenden den Tipp, in Kooperation mit einer Universität eine Veranstaltung zu planen.
Stiftsbibliothekar Cornel Dora im Austausch mit den Wikipedianern. (Bild: Roger Fuchs)
Der Austausch und die Kooperation mit Wikipedia-Schreibenden soll sich auch nach dem jetzigen Anlass fortsetzen. Geplant ist gemäss Cornel Dora ein «Wikipedian in Residence». Damit könnte ein Wikipedia-Autor einmal eine ganze Woche lang in der Stiftsbibliothek verbringen. Da wäre er sehr interessiert, meldet sich sogleich Rudolf H. Böttcher. Und mit einem Schmunzeln fügt er später hinzu: «Ich könnte mich auch gut mal eine Nacht lang hier einschliessen lassen.»
Roger Fuchs ist Kommunikationsbeauftragter beim Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen.
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