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Höpli zum Freitag

Wilhelm Tell und die dritte Welle

Die Konfusion, die unsere Regierenden in Sachen Pandemiebekämpfung anrichten, ist so gross geworden, dass ständiges Draufstarren zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen könnte. Blicken wir einmal über den Tellerrand hinaus und fragen uns: Wer hat heute noch Angst vor Wilhelm Tell?

Gottlieb F. Höpli am 11. Dezember 2020

Noch selten haben unsere Landesväter und -mütter in Bund und Kantonen zu ein und demselben Thema so viele – und so viele widersprüchliche – Beschlüsse gefasst wie diese Woche. Ohne die Parlamente zu befragen, die ihrerseits ebenfalls Einfluss auf den Gang der Dinge zu nehmen versuchten. Das konnte beim gemeinen Volk, das mit so abenteuerlichem Hüst und Hott geschützt werden sollte, schon einmal zu Verwirrung, ja zu veritablen Kopfschmerzen führen. Jetzt begreift man wieder, weshalb ein Witzbold einst vorschlug, man solle die lateinische Inschrift am Bundeshaus (Curia Confoederationis Helveticae) durch das passendere «Dei Providentiae et Hominum Confusione Helvetia regitur» ersetzen: Die Schweiz wird durch Gottes Vorsehung und die Verwirrung der Menschen regiert.

Dabei könnte man fast vergessen, dass es nicht nur bei Epi- und Pandemien, sondern in der ganzen Geschichte der Menschen generell immer wieder zu Wellenbewegungen kommt. Auch im Selbstverständnis eines Landes. In der Art, wie es seine eigene Geschichte betrachtet. Auf diesem Gebiet, für das vor allem Historiker und Literaten zuständig sind, gibt es zurzeit Bewegung. Nach dem heroischen Selbstverständnis im Zeichen der «Geistigen Landesverteidigung» und dessen Demontage durch die nachfolgende Historiker-Generation der Bergier, Tanner oder Marchi («Schweizer Geschichte für Ketzer») kündigt sich unüberhörbar eine neue Generation – eine dritte Welle eben – von Historikern an, welche diese kritische Demontage ihrerseits kritisch befragt. Der brillanteste unter ihnen ist der in Oxford lehrende Historiker Oliver Zimmer, dessen Buch «Wer hat Angst vor Tell?» zurzeit Furore macht.

Nach geistiger Landesverteidigung im Geiste von Schillers «Wilhelm Tell» und Max Frischs Nachkriegs-Schlager «Wilhelm Tell für die Schule», für kritische Geister damals so unverzichtbar wie für die Chinesen und die Poch Maos rotes Büchlein, nun also endlich die Kritik an der Kritik. Es wurde aber auch Zeit, haftet doch Frischs populärem Büchlein ein Hauch von Pennälertum an, das den Schiller zitierenden Deutschlehrer verspottet, sein Land klein und kleiner macht – nicht zuletzt, wie ein früher Kritiker Frischs bemerkt, um sich selber etwas grösser zu machen: Karl Schmid hat das schon 1963 in seinem (hoffentlich) unvergessenen Buch «Unbehagen im Kleinstaat» thematisiert.

Doch die Lufthoheit über den Historiker-Lehrstühlen und Redaktionspulten hatte für nahezu ein halbes Jahrhundert die kritische Abgrenzung von der Aktivdienstgeneration durch Professoren wie Bergier, Jakob Tanner oder Hans-Ulrich Jost inne. Nun kommen deren Schüler, die als Geschichtslehrer (und brave SP-Mitglieder) an unseren Mittelschulen unterrichteten, selber ins Pensionsalter. Und eine neue Generation von Historikern sucht ihrerseits Abstand zu ihren Lehrern. Sie tritt für ein unverkrampfteres Selbstverständnis der Schweiz gegenüber ihrer eigenen Geschichte ein, führt nicht mehr nur einen «Diskurs in der Enge» (Nizon), sieht in der Grösse – der EU, des globalisierten Welthandels – auch die Schattenseiten.

Nicht, dass diese dritte Welle des schweizerischen Selbstverständnisses den realen Verhältnissen des Landes gegenüber unkritisch wäre, keineswegs. Aber wer von den Schuldgefühlen, auf einer Insel der Verschonten zu leben, Abschied nimmt, der schaut auch unbefangener auf das Verhältnis des Kleinstaats zur EU. Blickt skeptischer auf die zeitweilig so heissersehnte Integration in ein Europa, unter dem sie vor allem die Brüsseler Zentrale verstehen. Und nicht das Europa, in dessen Mitte wir leben – wo denn sonst?

Kurz: Oliver Zimmers «Wer hat Angst vor Tell?» ist die ideale Festtagslektüre für Zeitgenossen, die sich von der herrschenden Konfusion nicht verrückt machen wollen.

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Autor/in
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli (* 1943) wuchs auf einem Bauernhof in Wängi (TG) auf. A-Matur an der Kantonssschule Frauenfeld. Studien der Germanistik, Publizistik und Sozialwissenschaften in Zürich und Berlin, Liz.arbeit über den Theaterkritiker Alfred Kerr.

1968-78 journalistische Lehr- und Wanderjahre für Schweizer und deutsche Blätter (u.a. Thurgauer Zeitung, St.Galler Tagblatt) und das Schweizer Fernsehen. 1978-1994 Inlandredaktor NZZ; 1994-2009 Chefredaktor St.Galler Tagblatt. Bücher u.a.: Heute kein Fussball … und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom; wohnt in Teufen AR.

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