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Freitags-Glosse

Wir alle sind Waldmeyer – Reflektionen zum Jahresende

Die städtischen Regierungen verblüffen immer wieder mit absurden Plänen. Eine dieser Ideen, so bsp. in Zürich, sieht unter anderem vor, bei öffentlichen Bauvorhaben die Oberseite der Container begrünen zu lassen. Also zwangszubegrünen. Vordergründig ganz amüsant, aber letztlich gar nicht so lustig.

Roland V. Weber am 30. Dezember 2022

Waldmeyer suchte seit Tagen nach einem besinnlichen, reflektiven Schlusspunkt zum Jahresende. So ein Gedankenstrang aus dem Alltäglichen, welcher tiefer gründen lässt. Waldmeyer fand ihn bei diesen merkwürdigen Vorstössen des Zürcher Stadtparlaments. Obwohl er in Meisterschwanden in relativ sicherer Entfernung wohnt, fühlt er sich trotzdem betroffen. Dieser bizarren Ideen gibt es viele: Subventionierung von Lastenrädern, bedingungsloses Grundeinkommen, oder etwa die Idee, private Dachgärten künftig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Alles ziemlich merkwürdige und in der Regel sozialistisch verbrämte Pläne. In vielen Fällen sind es eigentliche Enteignungs-Vorstösse. Nicht einmal Karl Marx hätte sich solch schöne Umverteilungsideen des Kapitals erhofft.

Und nun also diese Container. Aber auch dies nur zum Allgemeinwohl: Die individuellen Luftsäulen über jedem Container (im Durchschnitt auf einer Fläche von 15 m2), welche den C02-Ausstoss, global gesehen, bestimmt markant reduzieren werden, sind eben ein positiver Beitrag, um der Klimaerwärmung entgegenzuwirken. Zudem soll so «die lokale Biodiversität zu spürbar besserer Lebensqualität führen».

Allerdings, so die Vermutung Waldmeyers: Dieser raffinierte Containerplan könnte nur der Anfang sein. Was kommt als nächstes? Die Begrünung der Gehwege? Künftig müssten die Banker also besseres Schuhwerk bereithalten, wenn sie durch die Sumpfwiesen der Fussgängerzonen schlendern. Innert Kürze könnten auch die normalen Strassen fallen, es würde dann nur noch Äcker geben, gepflegt von neuen Staatsdienern - vielleicht in einer Dreifelderwirtschaft? Offroadfans hätten sich zu früh gefreut, denn das ginge natürlich mit einem kompletten Fahrverbot in der Innenstadt einher.

Auch Waldmeyers Porsche Cayenne (aussen schwarz, innen auch) müsste in einer ersten Phase wohl mit einem zu begrünenden Dach leben, in der zweiten dann aber ganz einfach stillgelegt werden. Anschliessend wären alle Hausdächer dran, dann vielleicht die Menschen.

Die totale Begrünung also. Und deren Finanzierung? Kein Problem: Entweder neue Schulden oder erhöhte Steuern würden es schon richten. Aus der links-grünen Ecke lauern da einige Reserveideen: Übergewinnsteuern, neue Erbschaftssteuern, neue Steuern auf hohen Vermögen, etc. etc. Vergessen dabei bleibt, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung, welcher sehr gut verdient oder ein sehr hohes Vermögen aufweist, blitzartig die Flucht antreten würde, worauf das Steuersubstrat des Staates implodieren würde. Das oberste Prozent der Bevölkerung schultert übrigens fast 25% des gesamten Steueraufkommens.

Aber zurück zu den begrünten Containern. Es ist schon bemerkenswert, mit welchen Problemen wir uns auseinandersetzen dürfen. In einer hochentwickelten Welt sublimieren sich quasi die echten Probleme, und es werden dann ziemlich einfältige oder sonst weltfremde und bizarre Themen gewälzt.

Das mit den Containern könnte Waldmeyer allerdings so was von egal sein. Er wohnt ja in Meisterschwanden! Waldmeyer blickte von seiner grossen Terrasse aus ins Grün Richtung See runter. Alles war grün, der Garten, die Gärten der Nachbarn, die Wiesen, manchmal auch der See, genährt von den vielen Pestiziden unserer hoch subventionierten Landwirtschaft. Das gegenüberliegende Ufer, zum Teil bewaldet, erscheint ebenso in sattem Grün. Die Waldbestände erhöhen sich in der Schweiz übrigens jährlich um Dutzende von Quadratkilometer. Schön, dass sich die Zürcher Exekutivpolitiker mit dem nicht zufriedengeben und dem Volk nun ein paar zusätzliche Quadratmeter Grün verschreiben. Waldmeyer überschlug kurz: 1 Quadratkilometer hat 1 Million Quadratmeter; es gälte also, rund 67‘000 Container zu begrünen, um das Schweizer Grüntotal nur um einen einzigen Quadratkilometer zu erhöhen. Es müsste folglich eine riesige Menge an Bauvorhaben anstehen.

Die Rechnung war ganz amüsant, aber Waldmeyer ging es eigentlich um dieses Vorschreiben, um diese zunehmende und wenig zielführende Regeldichte, welche ihm den Atem stockte. Und das mit den Containern, durchfuhr es ihn, dürfte ihm trotzdem nicht egal sein: Es besass nämlich CS-Aktien. Es war kein guter Entscheid, vor 25 Jahren, als er sie bei CHF 40 als sichere Langfristanlage gekauft hatte (heute dümpeln sie bei jämmerlichen CHF 3 dahin). Und jetzt der Zusammenhang: Diese glücklose Begrünungs-Schlacht in Zürich verteuert nämlich die Ausschreibungen der Stadt, die Ausschreibungen verteuern die Ausgaben, was tendenziell zu schlechten Abschlüssen der Gemeinde führt – welche wiederum Einfluss auf die Steuerlast nehmen. Die CS versteuert einen Teil ihrer Gewinne (sofern je wieder einmal solche anfallen) nämlich in der Stadt Zürich; damit reduzieren sich – wenn auch im Nanobereich – deren Gewinne nach Steuern, folglich behindert dies eine gute Kursentwicklung der CS-Aktie. Mit jedem Container Begrünung verliert Waldmeyer also Geld!

Waldmeyer reflektierte weiter: Es hängt also alles zusammen. Es kann uns nicht gleich sein, wenn jeder Junkie künftig auf die privaten Dachgärten raufsteigen darf, weil diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Es darf uns nicht gleich sein, dass vermögende Bürger aufgrund absurder Steuerpläne die Flucht antreten oder wenn – ziemlich sinnlos – teure Begrünungsorgien gefeiert werden. Irgendwie fällt alles auf uns zurück. We all are family. Nein: We all are Waldmeyer. Und wir alle müssen uns dagegen wehren!

„Was ich zum Jahresende noch sagen wollte: Wir alle sind Waldmeyer“, fasste Waldmeyer das Thema zusammen und platzierte so ein Statement gegenüber Charlotte.

„Natürlich, ich musste damals ja deinen Namen annehmen“, antwortete Charlotte etwas mürrisch.

„Nun, jetzt kommen noch 8.9 Millionen Waldmeyer hinzu“.

„Also einer reicht mir schon“, seufzte Charlotte.

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Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

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