Ein Vergleich zwischen Corona und Influenza: Geht gar nicht. Leider. Denn wer ihn anstellt, gewinnt wertvolle Erkenntnisse. Es lohnt sich, einen näheren Blick auf die gute alte Grippe zu werfen, die uns Jahr für Jahr heimsucht, manchmal auch etwas heftiger. Inzwischen ist sie offenbar verschwunden.
Der Text, der hier gleich folgt, hätte nie geschrieben werden dürfen. Denn früh in der Coronadebatte zeichnete sich ab, dass Vergleiche zwischen Covid-19 und der Influenza nicht zulässig sind. Das geht inzwischen so weit, dass die beiden Begriffe - sogar wenn nicht vergleichend - nicht einmal im selben Artikel oder Beitrag in den sozialen Medien erscheinen dürfen. Wer das wagt, hat keine Ahnung, ist ein Verharmloser und letztlich mitverantwortlich für schwer Erkrankte oder Tote.
Nachdem das klargestellt ist, beginnen wir.
Die Grippe. Ein missverstandener Begriff. So manch einer, der etwas hüstelt und herumschnieft, glaubt bereits, an der Grippe erkrankt zu sein. Doch vermutlich leidet er oder sie an einer herkömmlichen Erkältung. Denn wer die Grippe erwischt hat, die echte Grippe, der leidet wirklich. Vor allen, wenn er oder sie zu einer Gruppe gehört, die ein «erhöhtes Komplikationsrisiko» aufweist, wie es medizinisch heisst.
Die Grippe ist eine akute Infektionskrankheit. Das teilt sie mit Covid-19. Was bewirkt sie? Wir haben hohes Fieber, unsere Gelenke schmerzen, alle Muskeln schmerzen, wir husten, die Brust tut weh, wir fühlen uns allgemein elend, Appetit haben wir keinen. Und das je nach Verlauf bis zu sieben Tage. Haben wir Pech und sind wir vorbelastet, resultiert vielleicht auch eine Bronchitis oder eine Pneumonie, also eine Entzündung des Lungengewebes. Das ist vor allem bei älteren Menschen der Fall. In einigen Fällen halten sich die Nachwirkungen über Wochen oder Monate, man ist ermattet, ausgelaugt, kommt nicht mehr auf Touren. Die möglichen Langzeitwirkungen von Influzenza sind bekannt und bestens dokumentiert.
Eine eindrückliche Zahl: Bis zu über 300'000 Menschen suchen jedes Jahr einen Arzt aufgrund von Grippesymptomen auf. Es kann auch schlimmer kommen. Deshalb landen jedes Jahr bis zu 5000 Menschen im Spital aufgrund der Grippe. Und bis zu 1500 Menschen jährlich überleben sie nicht. Das ist der Schnitt, es gibt Jahre mit einer massiveren Grippewelle und entsprechend mehr Hospitalisationen und Todesopfern. Unterm Strich, so hält die Lungenliga Schweiz fest, erkranken jedes Jahr 5 bis 10 Prozent der Erwachsenen und sogar 20 bis 30 Prozent der Kinder an der Grippe. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf bis zu 300 Millionen Franken pro Jahr geschätzt. Notiz am Rande: Das hat das Coranavirus in wenigen Wochen geschafft. Beziehungsweise die Massnahmen dagegen.
Einigen - aber vermutlich zu wenigen - Leuten dürfte die Grippesaison 2015 in Erinnerung sein. Damals starben 2500 Menschen 2015 in der Schweiz an der Grippe. An der herkömmlichen Grippe, einer Erkrankung, die wir seit langem kennen. Darunter vor allem ältere Menschen über 65.
Diese Marke haben wir im Coronajahr 2020 noch nicht erreicht, da sind wir Stand heute bei rund knapp 2350. Und wieder eine Bemerkung am Rande: Ja, Todesopfer gegeneinander aufzurechnen ist widerlich, weil hinter jedem ein Einzelschicksal steht und jeder Tote einer zu viel ist. Wenn es aber um die Beurteilung der Verhältnismässigkeit von Gegenmassnahmen geht, muss man diese Zahlen nennen und vergleichen. Ethik hin oder her.
Und nun etwas Erstaunliches. Als die ersten Meldungen über das Coronavirus in die Schweiz schwappten, schrieb der «Blick», heute einer der härtesten Corona-Scharfmacher, am 31. Januar folgendes:
Dieses Virus ist viel schlimmer als Corona
«Dieses Virus»: Gemeint war die Grippe. Ein BAG-Mitarbeiter liess sich wie folgt zitieren:
«Es herrscht eine verschobene Risiko-Wahrnehmung. Man hat das Gefühl, dass das Coronavirus viel schlimmer sei als das Grippevirus. Zurzeit ist aber in der Schweiz das Risiko, an einer Grippe zu erkranken oder gar daran zu sterben, viel höher.»
Und der BLICK-Journalist selbst schrieb:
«Von dieser Seuche gibt es keine Bilder, die vollgeschütztes Pflegepersonal und am Boden liegende Patienten zeigen. Die Grippe schlägt im Stillen zu!»
Das sind Sätze, die man beim Verlag Ringier heute nicht mehr von sich geben dürfte, wenn man an seinem Job hängt.
Man kann nun sagen: Damals haben wir noch nicht so viel gewusst über Corona, deshalb hat man es weniger ernst genommen. Aber wir haben faktisch heute keinen höheren Wissensstand, wir wussten damals schon, was das Virus kann, welche Zielgruppen es am meisten trifft, wie es sich überträgt. Der Unterschied ist nur: Wir haben inzwischen Monate voller Schlagzeilen und künstlich herbeigeführter Fallzahlen hinter uns. Wenn schon Ende Januar unsere Risikowahrnehmung laut einem Experten verschoben war, was ist sie denn erst heute?
In den früheren Grippe-Rekordjahren gab es ebenfalls diverse alarmierende Titelschlagzeilen. Sie berichteten von Überbelegung in den Spitälern, von knappen Intensivbetten. Da haben wir ein Déjà-vu. Schlägt die Grippe in einem Ballungszentrum von Risikopersonen zu, beispielsweise in einem Alters- oder Pflegeheim, so kann es dieses ziemlich schnell ausdünnen. Vielleicht reagierten die Medien deshalb so verwirrt, als eine Vielzahl von Coronafällen in einem Altersheim keine bösen Folgen hatten. «Das Wunder von Elgg» nannte es eine Zeitung. Statt sich zu fragen, ob ein positiver Test vielleicht nichts mit einer Erkrankung zu tun hat oder eine Erkrankung vielleicht nicht mehr zum Schlimmsten führt.
Es gibt eine Impfung gegen die Grippe. Sie wird offensiv empfohlen. Und die Impfung wird auch immer wieder gebraucht, um die Gefährlichkeit des Coronavirus zu betonen. Gegen dieses kann man sich heute noch nicht impfen. Aber die Grippeimpfung hat nichts daran geändert, dass die Grippe eine Volkskrankheit ist. Dass man daran schwer erkranken kann. Oder sterben.
Bevor Corona hierzulande ein weitbekannter Begriff war, also in den ersten Monaten des Jahres 2020, waren es bereits zigtausende von Menschen, die mit grippeähnlichen Symptomen einen Arzt aufsuchten. Wenige Wochen später hätte man sie wohl kurzerhand dem Coronalager zugeschlagen. Die banale Grippe ist nicht sensationell genug. Wer die weitgehend identischen Symptome hat, der hat inzwischen Covid-19, basta. Die Grippe ist ausradiert, sie wird nicht mehr diagnostiziert. Oder kennen Sie jemanden, der aktuell aufgrund der Grippe zuhause bleibt? Kurz gesagt: Man darf heute keine banale Grippe mehr haben. Wer Fieber hat und hustet und einige Virenpartikel in sich trägt, die beim Test ausschlagen, der hat Corona, auf keinen Fall die Grippe. Als wenn ein Virus das andere komplett verdrängen könnte.
In der Schweiz nähern wir uns diesem Jahr der Grippe-Marke von 2015, was die Corona-Todesfälle angeht. Wenn man diese Unterscheidung machen kann und wir es nicht viel eher mit einer Kombination der beiden Viren zu tun haben. Es wäre naiv zu glauben, die gute alte Influenza habe sich zugunsten von Corona zurückgezogen. Die rapportierten Todesfälle sind unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Nur tut das keiner. Denn das Paniklevel muss hoch gehalten werden.
Es gibt allerdings Unterschiede. Der Krankheitsverlauf bei Covid-19 wird als schwerer beschrieben - in den Fällen, in denen es wirklich zuschlägt. Heisst es jedenfalls. Das sehe man ja schon an der Belegung der Intensivbetten und dem Mangel an Beatmungsgeräten. Herzlich willkommen in der Realität: Auch an Grippe Erkrankte müssen oft beatmet werden. Die deutsche «ÄrzteZeitung» hat schon 2005 bemerkenswerte Zahlen aufgezeigt, die das deutlich machen. Und schon damals wurde gefordert, man solle Spitäler entsprechend aufrüsten. Als es das Coronavirus noch nicht gab. Allein für die Influenza.
Gleichzeitig aber: Corona verschont die jüngeren Jahrgänge, während die Grippe auch vor Kindern und Jugendlichen nicht halt macht.
Die Frage drängt sich auf: Warum wird bei ähnlichen Zahlen der neuen Viruserkrankung so viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt? Warum waren die Grippewellen der Vergangenheit kaum Schlagzeilen wert? Obwohl man hier buchstäblich alles weiss und die Gefährlichkeit bekannt ist? In den Coronastatiken figuriert bei den Todesfällen unter 30 ein einziger Fall, ein Säugling, über den nichts weiter bekannt ist. Die Grippe hingegen hat die Macht, Säuglinge und Kinder dahinzuraffen. Das ist dokumentiert.
Corona sei weit ansteckender, heisst es als Begründung allenthalben. Das ist es, was vielen Angst macht. Nur: Die über 300'000 Menschen mit Grippesymptomen pro Jahr scheinen nun aber doch auch kein Pappenstiel. Sprich: Die Grippe greift auch gerne um sich. Wie jedes Virus.
Theoretisch wäre die aktuelle Lage ein guter Anlass, um der herkömmlichen Grippe mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das wurde bisher selten getan. Wurden wir in den letzten Jahren je aufgefordert, Distanz zu halten, uns vermehrt die Hände zu waschen, Desinfektionsmittel zu verwenden, um der Grippe zu entgehen? Möglicherweise gab es mal eine Kampagne des BAG dazu, vor allem in heftigen Jahren, aber sehr viel diskreter als das, was jetzt passiert.
Man hat uns auch nie vor Reisen in Länder mit erhöhter Grippegefahr gewarnt. Es wurde auch niemand in Quarantäne gesteckt. Die Grippe wurde als gegeben angesehen. Man kriegt sie eben. Die Impfung wurde eingeführt, danach verschwand das Thema beziehungsweise: Es wurde nur noch für die Impfung die Werbetrommel geführt. Dass die Grippe weiter wütet, ist kein mediales Thema mehr. Trotz bis zu 2500 Todesopfern pro Jahr. Es hat schlicht keinen interessiert. Und heute noch viel weniger.
Wer 2015 im hohen Alter an Grippe starb, hatte - Verzeihung, wenn es zynisch klingt - ein gewisses Privileg: Seine Liebsten durften ihn in den letzten Stunden noch besuchen. Etwas, das einem heute genommen wird. Warum? Mit welcher Begründung? Das weiss keiner so genau. Die Situation ist identisch. Man kann sich beides einfangen. Und beides kann in bestimmten Situation zur schweren Erkrankung oder zum Tod führen.
Nur der Name ist ein anderer.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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