Die «Weltwoche» handelt den St.Galler Regierungsrat Benedikt Würth als nächsten Bundesrat. Zu Recht. Würth hat sein ganzes Leben darauf ausgerichtet.
Benedikt? Damit kann ich herzlich wenig anfangen. Der Mann heisst Beni. Aber gut, vielleicht steht das einem Regierungsrat nicht an. Und einem Bundesrat schon gar nicht. Und ein solcher wird Benedikt «Beni» Würth ohne Zweifel irgendwann werden. Es wäre ihm auch zu gönnen. Erstens, weil er das zweifellos gut könnte. Und zweitens, weil er alles dafür getan hat, es zu werden. Schon immer.
Beni heisst für mich Beni, weil er ein Jugendfreund war. Vier Jahre älter, aber auf dem Land spielt das nicht so eine Rolle. Dasselbe Schulhaus, dieselben Dorffeste: Wer in einem Mikrokosmos wie Mörschwil aufwächst, wächst zusammen. Unweigerlich.
Als wir jung waren, war der Vater von Beni Würth Gemeindepräsident beziehungsweise Gemeindeammann. Und in jenen Zeiten, irgendwo in den 80ern, galt das noch etwas. «Kaiser Franz» wurde der Mann genannt. Über 30 Jahre im Amt, sein Wort war Gesetz. Und erst, als sich das Ende der Amtszeit abzeichnete, wagte es der eine oder andere, leicht aufzumucken.
Die Dynastie Würth und die Gemeinde Mörschwil: Das war eine Symbiose. Und unter den zahlreichen Kindern der Familie war es Beni Würth, der die Mechanismen der Politik am effektivsten erkannte und weiterführte. Sein Bruder Thomas präsidierte die Gemeinden Bütschwil und Goldach, aber es zog ihn nie zu höheren Aufgaben. Bei Beni hingegen war klar, und im Rückblick weit zurück: Da kommt mehr.
In der Kindheit, in der Jugend, kann man vieles nicht einordnen. Später machen die Dinge dann plötzlich Sinn. Wer auf dem Land lebt, mag Exzesse. Man muss ja irgendwo das ausleben, was einem in der Stadt sowieso geschenkt wird. Der Unterhaltungsabend der Bürgermusik wird zum Anlass für Masslosigkeit, ebenso das Grümpelturnier.
Nicht, dass der heutige Regierungsrat da nicht dabei gewesen wäre. Aber irgendwie schien er immer instinktiv zu spüren, wo die Grenze liegt. Wer mehr werden will, muss seine Biografie steuern, auch im Kleinen. In der Retrospektive gab es bei dem heutigen Bundesratsanwärter immer die innere Stimme, die sagte: Alles kommt auf einen zurück, und ich habe ein Ziel. Vermutlich war das mit 15 oder 16 noch nicht der Sitz in der Landesregierung, aber die Gewissheit, dass er hoch hinaus wollte.
Benedikt «Beni» Würth dürfte, bewusst oder unbewusst, eine der nachhaltigsten Karriereplanungen in diesem Land betrieben haben. Schnörkellos in der Ausbildung, danach sauber eine passende Station nach der anderen, und heute kommt man nicht mehr an ihm vorbei, wenn man über die wirklich wichtigen Ämter spricht. Keine Skandale, keine Ausrutscher.
Mir fallen auf Anhieb ein Dutzend Leute aus unserer gemeinsamen Jugend ein, die sich bei grösseren Ambitionen einige Fragen gefallen lassen müssten, mich inklusive. Nicht so Beni. Er ist «Mister Perfect», und das weit zurück. Vielleicht ist es sein Naturell, vielleicht aber auch wirklich eine frühe Wahrnehmung der Möglichkeiten, die sich ihm eröffnen - wenn er keinen Fehler macht.
Perfektion macht oft misstrauisch. Aus Ostschweizer Warte hingegen sollten wir dankbar sein, dass er im Zweifelsfall darauf verzichtete, den schnellen Kick der langfristigen Planung vorzuziehen.
Eine Vision, denkbar unrealistisch, aber das sind Visionen immer: Beni Würth im Gespann mit Karin Keller-Sutter im Bundesrat. Das wäre gut. Für die Ostschweiz. Und für das Land.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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