logo

Trump oder Harris?

Im US-Wahlkampf sagt HSG Dozentin Brühwiler: «Nur, weil sich die Besatzung im Weissen Haus ändert, lösen sich nicht alle Probleme in Luft auf»

Die heisse Schlussphase wird eingeläutet: In rund drei Monaten wählt Amerika ihren neuen Präsidenten oder Präsidentin. Weshalb Euphorie verfrüht ist, erklärt Prof. Dr. Claudia Franziska Brühwiler, ständige Dozentin für American Political an der HSG.

Manuela Bruhin am 03. September 2024

Claudia Franziska Brühwiler, wie sehr glauben Sie persönlich, dass es Kamala Harris schaffen könnte?

Es ist schlichtweg noch zu früh, um allzu grossen Optimismus zu verbreiten. Natürlich sind die Demokraten euphorisch, weil sie in diesen Tagen eine Art «Befreiungsschlag» erleben. Der Wahlkampf hat mit Kamala Harris frischen Wind erhalten, es herrscht wieder vermehrte Zuversicht. Gleichzeitig muss man jedoch auf die Bremse drücken.

Weshalb?

Kamala Harris ist weniger bekannt für ihre Inhalte, und sie hatte bisher noch keine schwierige Debatte zu führen. Das, was bisher passiert ist, war eher eine Art Performance für sie. Die war gut, aber sie muss sich nun auch in kritischen Situationen beweisen können. Dass eine demokratische Kandidatin in einer vielversprechenden Ausgangslage war, war bereits 2016 der Fall – und dennoch fuhr Hillary Clinton überraschend eine Niederlage ein.

Der frühere Präsident Bill Clinton sprach am Parteitag: «Wahlen sind ein brutales Geschäft. Ihr dürft begeistert sein, aber ihr dürft den Gegner nicht unterschätzen.» Wird Trump unterschätzt?

Das kommt ganz darauf an, wo man hinhört. Die konservativen Medien vertreten eher die Ansicht, dass Kamala Harris überschätzt wird, und bringen ihre inhaltlichen Fragezeichen als Begründung. Laut den liberalen Medien wird Trump richtig eingeschätzt. Klar ist aber auch: Im derzeitigen Wahlkampf wird derzeit Tritt gesucht – und es muss jedem bewusst sein, dass die Stimmung bis im November noch ganz oft kippen kann.

Was für eine Person ist Kamala Harris?

Es ist sehr schwierig, sie pauschal einzuschätzen. Wir haben sie bereits in verschiedenen Rollen erlebt – mal hat sie diese ungeschickter, mal besser ausgeführt. Bereits im Vorwahlkampf hat sie versucht, mehr ins Zentrum zu rücken. Jetzt wird ihr Emanzipationsmoment kommen. Sie ist sicherlich eine gute Politikerin. Harris ist relativ geschickt, ein Gespür dafür aufzubringen, wo sie Sachen unkommentiert lassen und welche sie wiederum ins Zentrum rücken kann. Wie sie jedoch zu dornigen Fragen, wie beispielsweise die Konflikte im Nahen Osten oder generell zur Aussenpolitik, steht, muss sie erst noch preisgeben. Ihr eigener Wahlkampf im Jahr 2020 war sehr kurz und eher chaotisch. Nun ist sie professioneller geworden – das ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, weil sie inzwischen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Barack Obama mit ins Boot geholt hat.

Ist Amerika wirklich so modern und weit, eine Frau als Präsidentin zu wählen – was schätzen Sie?

Diese Frage wird immer wieder gestellt. Ich denke, Amerika ist bereit für eine Frau. Die Frage ist nur, für welche. Hillary Clinton war offenbar nicht die richtige. Mit Kamala Harris haben wir nun eine Person mit einem diversen Hintergrund, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Man darf es sich aber nicht zu einfach machen, dass sie nun das Rennen ohnehin machen wird, weil sie eine Frau ist. Es kommt ganz darauf an, wie sie sich präsentieren wird. Die Wahl wird weniger vom Geschlecht als von härteren Faktoren abhängig sein. 2020 war auch ein Wahlkampf gegen Donald Trump.

Viele sagen auch jetzt, Kamala Harris sei nur ein Instrument, um Trump zu stoppen.

Das ist vielleicht ein bisschen hart ausgedrückt – dann wäre das auch bei Joe Biden der Fall gewesen. Schliesslich wurde mit ihm der Mann nominiert, der die grösste Aussicht hat, die Wahl zu gewinnen. Natürlich hatte Kamala Harris auch ein wenig Glück, war quasi zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Es wäre schwierig geworden, zu diesem späten Zeitpunkt eine alternative Person nominieren zu können, ohne, dass sich die Partei selber zerfleischt hätte. Doch die Nomination beruht nicht nur auf Glück, sondern ist auch den Leistungen von Kamala Harris zu verdanken. Aus bestimmten Gründen wurde sie schliesslich bereits Vizepräsidentin.

Welche Auswirkungen hätte Kamala Harris als erste weibliche Präsidentin auf den politischen Diskurs in den USA?

Da müssen wir realistisch bleiben: So viel wird sich nicht verändern. Wir vergegenwärtigen uns die letzte historische Wahl von Barack Obama. Damals war Amerika total euphorisiert, man hatte das Gefühl, in ein neues Zeitalter einzutreten, in welchem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen wird. Die Realität war dann aber ganz anders. Amerika war zerrissen. Die Tea Party-Bewegung wehrte sich unter anderem gegen die Einführung von «Obamacare», dem Patient Protection and Affordable Care Act. Obama wollte damit erreichen, dass die Gesundheitsversorgung für alle Amerikaner erschwinglicher wird. Die Kosten für diejenigen, die sich keine Krankenversicherung leisten können, sollten die Kosten gesenkt werden. Auch unter Obama gab es Krieg und Missentscheide.

So viel wird sich also nicht ändern?

Natürlich dürfen wir die Hoffnung nie aufgeben. Aber nur, weil sich die Besatzung im Weissen Haus ändert, lösen sich nicht alle Probleme in Luft auf. Ein Sieg von Harris würde sicherlich viele junge Menschen inspirieren, die sich mit ihr identifizieren können. Dass es die Tochter von Migranten geschafft hat, so weit aufzusteigen, wäre für viele ermutigend. Doch auch Trump hat mit seinem Vizepräsidenten ein Kind einer ehemaligen Drogenabhängigen an seiner Seite. Diese Art der Biografie ist im Wahlzirkus immer wieder eine Geschichte wert – weil sie beweisen, dass der «American Dream» immer noch existiert.

Rund drei Monate dauert es noch bis zur Wahl. Welche demographischen Gruppen sind für den Ausgang der Wahl 2024 entscheidend?

Es wird wohl eher weniger um eine entscheidende demographische Gruppe gehen – auch wenn klar ist, dass die Demokraten viele junge Wählerinnen und Wähler ansprechen müssen. Dort haben sie Vorteile gegenüber den Republikanern. Aber auch Frauen müssen überzeugt werden, und die Minderheiten sowieso. Entscheidend werden viel mehr die Swing States sein, in denen beide Parteien gewinnen können..

Welche spezifischen Strategien verwendet denn Trump, um seine Basis zu mobilisieren?

Es ist eigentlich das gute alte Spiel, welches man vielleicht manchmal auf den ersten Blick nicht immer ganz nachvollziehen kann. Seine Basis ist vereint, die muss er nicht zusätzlich abholen. Er muss darauf achten, die kritischen Konservativen bei sich behalten zu können – oder muss diese teilweise auch zurückgewinnen. Das macht er insbesondere mit den Themen Wirtschaft und Migration.

Welche Rolle spielen soziale Medien im Wahlkampf von Trump und Harris?

Barack Obama war in diesem Bereich eine Art Pionier, weil er Facebook intensiv genutzt hat. Nun sehen wir, dass gewisse Geschichten auch eine Art Eigendynamik entwickeln können – ohne, dass eine Kampagne etwas dafür tun muss. Das ist jedoch bei beiden Kandidaten der Fall. Es kann plötzlich schnell gehen, und die öffentliche Meinung kann in diese oder die andere Richtung schlagen. Die Sozialen Medien sind eine Plattform, um die Wähler bei der Stange zu halten und sie zu begeistern. Dennoch müssen neue Wählerinnen und Wähler generiert werden – sei es durch die Werbespots im TV oder online.

Das Attentat auf Donald Trump ist einige Wochen her. Wie hat es seinen Wahlkampf beeinflusst?

Als es passierte, hatten einige das Gefühl: Jetzt sind die Wahlen gelaufen. Die Grundstimmung war sehr verhalten. Nun beweist es sich jedoch einmal mehr: Die Öffentlichkeit vergisst schnell. Das Attentat ist praktisch nirgendwo ein Thema mehr Wert. Als Trump seine Rede am Parteitag hielt, war er sehr ruhig und besonnen – zumindest im ersten Teil. Er zeigte sich von einer nahbaren und beinahe verletzlichen Seite. Da dachte ich: Jetzt holt er die Leute, die bisher vielleicht kein Anhänger von ihm waren. Der zweite Teil jedoch war viel zu lange, teilweise fast wirr und zusammenhangslos. Trump hat es verpasst, einen anderen Eindruck zu hinterlassen.

Welchen Tipp geben Sie ab: Wer wird das Rennen machen?

Seit 2016 befinde ich mich nicht mehr im Wett-Business (lacht). Das Jahr hat gezeigt, dass so vieles passieren kann. Seither sind die üblichen Rituale abhandengekommen. Ich denke, es wird sehr knapp – insbesondere dann, wenn Trump nicht völlig entgleist.

Es bleibt also spannend?

Auf jeden Fall. Eigentlich zu spannend, wenn Sie mich fragen. Es ist ein verrückter Sommer, der viele Überraschungen bereitgehalten hat.

(Bild: Depositphotos/pd)

Einige Highlights

Uzwilerin mit begrenzter Lebenserwartung

Das Schicksal von Beatrice Weiss: «Ohne Selbstschutz kann die Menschheit richtig grässlich sein»

am 11. Mär 2024
Im Gespräch mit Martina Hingis

«…und das als Frau. Und man verdient auch noch Geld damit»

am 19. Jun 2022
Das grosse Gespräch

Bauernpräsident Ritter: «Es gibt sicher auch schöne Journalisten»

am 15. Jun 2024
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.