In Weisstannen treffen sich am frühen Sonntagmorgen Jäger und ihre vierbeinigen Partner zur anspruchsvollen Schweisshundeprüfung. 15 Teams stellen sich der Herausforderung, einer 500 beziehungsweise 1000 Meter langen Fährte durch unwegsames Gelände zu folgen.
Sonntagmorgen im Juni in Weisstannen; 7.30 Uhr. Vor dem Schützenhaus warten bereits viele Männer und einige Frauen – olivgekleidet, schweres Schuhwerk. Wer sich kennt, grüsst sich, tauscht ein paar Sätze aus. Die Stimmung ist kameradschaftlich und nur leicht angespannt. 15 Prüflingen werden in Kürze ihre Schweissprüfung ablegen. Zur Prüfung im Weisstannental, die von der Revierjagd St.Gallen organisiert wurde, sind Besitzer und Besitzerinnen eines Jagdfähigkeitsausweises und ihre Hunde zugelassen, die mindestens 15 Monate alt sind. Zwei Prüfungen gab es 2024 – die Termine waren kurz nach Publikation ausgebucht. Das Interesse ist jeweils gross, der Aufwand, eine Prüfung zu organisieren, ebenfalls.
Bei der Schweissprüfung muss der Hund und sein Hundehalter einer Schweissspur durchs Gelände folgen: Mit «Schweiss» bezeichnen Jäger das Blut eines verletzten Wildtieres. Fünf Kandidaten werden an diesem Morgen auf der 500-Meter-Fährte, zehn auf der 1000-Meter-Fährte geprüft. Dafür mussten am Vortag die Fährten gelegt werden; und zwar für jeden Prüflingsgespann eine eigene. Dafür bestimmten die Richter mit Hilfe eines geländekundigen Revierjäger den Startpunkt (Anschuss) und stellten die Fährte mit einem sogenannten Fährtenschuh her.
Auf der Fährte legten sie auch Wundbetten an. Das sind Stellen, an denen das verletzte Tier gelegen haben könnte und darum etwas mehr Schweiss und Haare abgesondert wurden. Diese Wundbetten geben Hund – und vor allem dem Jäger – Sicherheit, dass sie sich noch auf der richtigen Fährte befinden.
Kommen Hund und Jäger erfolgreich ans Ziel, finden sie eine Schalenwilddecke (Rehfell), die am Prüfungstag das verletzte Wildtier symbolisiert.
Warten auf den Einsatz: Die Spannung wächst
Zurück ins Schützenhaus in Weisstannen: Die Prüflinge werden per Losverfahren in fünf Gruppen aufgeteilt. Roland Fischli, den ich auf seiner Prüfung begleiten darf, kommt in die Gruppe zwei und wird als zweiter von Dreien geprüft werden. Gemeinsam verschieben wir uns auf die Alp Siez. Die zwei Richter und der Revierjäger gehen mit dem ersten Prüfling auf seine Fährte, während wir auf dem Parkplatz auf unseren Einsatz warten. Fischlis Hündin Yala ist eine Bayrische Gebirgsschweisshündin (BGS) und vier Jahre alt. Vor zwei Jahren hat das Gespann die 500-Meter-Prüfung erfolgreich bestanden. Sollte Yala heute durchfallen, hätte sie in einem Jahr noch einmal die Gelegenheit, die Prüfung zu machen. Danach wäre sie zu alt. Entsprechend angespannt sei er, sagt der Flumser. Davon ist allerdings nicht viel zu merken. Auch Yala sitzt entspannt in ihrer Transportkiste im geöffneten Heck des Geländewagens.
Es ist kühl auf über 1000 Metern über Meer; an den Bergwänden liegt noch Schnee. Ich ziehe die Jacke zu und erfahre von Fischli, während wir warten, mehr über sich und seine Hündin. «Heute morgen gab es für Yala zum Frühstück nur die halbe Portion», sagt er. Denn was für Menschen stimme, sei auch für Hunde richtig: mit vollem Bauch lasse sich nicht gut arbeiten. Und für die bevorstehende Prüfung ist von beiden volle Konzentration gefordert. Endlich kommt das erste Gespann zurück; es hat die Prüfung erfolgreich bestanden.
Nun gilt es wieder einsteigen und wir werden mit dem Auto in die Nähe unseres Anschusses geführt. Fischli wird von den Richtern gezeigt, wo sich auf einer Fläche von zirka 30 auf 30 Meter der Anschuss befindet. Suchen müssen sie in selbstständig. Erst dann kann Yala das Wild riechen und die Fährte, die mindestens 18 Stunden alt sein muss, aufnehmen.
Schwieriges Terrain: Herausforderungen meistern
«Suchenheil», sagen die Richter, «Suchendank», erwidert Fischli und montiert das Schweissgeschirr. Yala weiss: Jetzt gilt es ernst. Es dauert denn auch gar nicht lange, bis die Hündin den Anschuss gefunden hat. Fischli und Yala machen sich sofort auf den Weg und folgen der Fährte.
Yala hat die Fährte in der Nase und führt uns durch die Wiese.
Hinter den beiden laufen die Richter und der Revierjäger. Laut Reglement muss es auf der 1000 Meter langen Fährte «drei dem Gelände angepasste Haken (Richtungsänderungen) und zwei Wundbetten» geben. Wir stapfen bergauf: Der Untergrund ist moorig und unter den grossen Blättern der Placken bringen uns Äste und Steine immer wieder ins Stolpern. Yala folgt unbeirrt der Spur in der Wiese, im Wald. Sie findet die Wundbetten problemlos, Fischli zeigt sie den Richtern an, diese machen sich auf dem Prüfungsblatt entsprechende Notizen. Von den Richtungsänderungen lassen sich die beiden Prüflinge nur kurz beirren. Sofort finden sie die richtige Fährte wieder.
Wären Fischli und Yala eindeutig von der Fährte abgekommen, hätten die Richter sie abgerufen. Bei der 1000-Meter Prüfung müssen die Prüflinge dann selbstständig wieder auf die korrekte Fährte zurückfinden. Zwei Abrufe liegen drin, beim dritten gilt die Prüfung als nicht bestanden. Yala und Fischli finden das Ziel ohne einen einzigen Abruf. 37 Minuten haben sie gebraucht, 90 Minuten hätten sie Zeit gehabt. Fischlis Stirn ist schweissgebadet; Yala darf sich zur Belohnung an der Decke – dem Rehfell – genüsslich tun. Noch an Ort und Stelle verkünden die beiden Richter das Verdikt: «Bestanden» und stecken Fischli das Symbol dafür – den handgrossen «Beutebruch» (ein Tannenzweig) – herzlich gratulierend ins Knopfloch beziehungsweise ans Hundegeschirr.
Glücklich und erleichtert geht es zurück ins Schützenhaus. Wir ziehen uns um und gönnen uns ein währschaftes Mittagessen. Noch lange nicht allen Prüflingen ist es so rund gelaufen wie Fischli und Yala. Von total 15 Kandidaten haben nur sechs die strenge Prüfung bestanden, drei (von fünf) auf der 500- und drei (von zehn) auf der 1000-Meter-Fährte.
Frischgemacht und etwas erholt: Roland Fischli und Yala haben die 1000-Meter- Schweissprüfung erfolgreich absolviert.
Für die anderen gilt, weiter hart trainieren und ihr Glück an einer nächsten Prüfung erneut versuchen. Das mit dem Trainieren gilt auch für die erfolgreichen Prüfungsabsolventen vom letzten Sonntag: Die 1000-Meter-Prüfung ist zwar für die gesamte Lebzeit des Hundes gültig, um aber ein erfolgreiches Schweissgespann zu bleiben, müssen Hund und Mensch hart und stetig daran arbeiten.
(Bilder: Michel Bossart)
Michel Bossart ist Redaktor bei «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt in Benken (SG).
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