Wenn der Bund oder anverwandte Institutionen die Bürger zum «richtigen» Verhalten bringen wollen, klopfen sie bei Gerhard Fehr an. Der Befürworter einer Impfdiskriminierung taucht mit seiner Firma dort immer wieder auf – als gut kassierender Auftragnehmer.
Ein Verhaltensökonom ruft in einem Zeitungsinterview dazu auf, nicht impfwillige Personen systematisch zu diskriminieren. Was nach dem «Ratschlag» eines unabhängigen Experten klingt, dürfte ein gewollter Teil der laufenden Impfkampagne des Bundes sein, auch wenn das nicht transparent gemacht wird. Denn der bewusste Verhaltensökonom wird immer wieder vom Bund geholt, wenn es darum geht, das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger im Hintergrund zu beeinflussen. Und eigentlich würde er gerne noch viel weiter gehen.
Es geht um Gerhard Fehr, CEO der Fehr Advice & Partners, der im «Blick» den Scharfmacher gegen Leute spielte, die sich noch immer nicht impfen lassen wollen. Er umgibt sich nicht nur mit einem Verwaltungsrat, dessen Exponenten grösste Nähe zum Bund haben wie alt Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold oder die ehemalige SBB-Spitzenfrau Jeannine Pilloud. Der Staat ist darüber hinaus auch ein sehr guter Kunde seines Beratungsunternehmens. Und Fehr macht offenbar einen ausgezeichneten Job.
Ein Indiz dafür: Im März 2019 wurde bekannt, dass sich der Österreichische Rundfunk (ORF) Hilfe aus der Schweiz holt. Beim ORF hatte man nach der «No Billag»-Initiative Angst, dass im Alpenland ähnliche Bestrebungen aufkommen könnten. Darauf wollte man sich vorbereiten mit der Hilfe von Gerhard Fehr und seinem Team. Denn dieser hatte bereits tüchtig mitgeholfen, die SRG gegen «No Billag» zu wappnen. Man müsse «theoretisch volksabstimmungsbereit sein», liess man beim ORF verlauten. Nachdem die Initiative in der Schweiz klar gescheitert war, waren die Österreicher überzeugt, dass Fehr Advice & Partner auch ihre Rundfunkgruppe schützen könnte.
Während der «No Billag»-Kampagne war es kaum ein Thema gewesen, dass SRG auf die Dienste eines Verhaltensökonomen setzte, um die Abstimmung zu gewinnen. Es wäre vermutlich auch nicht gut angekommen. Denn Fehr Advice & Partners hat es sich nicht zur Aufgabe gemacht, gute Argumente für politische Positionen zu finden. Das Unternehmen ist vielmehr darauf spezialisiert, das Verhalten der Menschen in die von seinem Kunden gewünschte Richtung zu steuern. Sogar in eine, welche die besagten Menschen zuvor gar nicht einschlagen wollten. Darum geht es bei der Verhaltensökonomie.
Auch in Deutschland ist Gerhard Fehr ein gefragter Mann. So durfte er bereits im November 2020 in der «Wirtschaftswoche» offen sagen, was er wirklich denkt. «Wenn wir Corona schnell besiegen wollen, wird es am Ende nur mit einer Impfpflicht funktionieren – und zwar für alle», sagte Fehr im Interview. Als Erstes hatte er den Pflegesektor im Blick. Fehr wörtlich: «Ein Seniorenheim kann zum Beispiel verlangen, dass jede Führungskraft geimpft sein muss und zukünftige Beförderungen nur mit einem Impfnachweis der letzten Jahre möglich sind.» So umgehe ein Heim eine absolute Impfpflicht, «macht dem Personal aber klar, dass die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, honoriert wird.»
Zuckerbrot statt Peitsche gewissermassen. Aber Zuckerbrot erhält eben nur, wer gehorsam ist.
Auch im jüngsten Blick-Interview vermeidet Fehr den Begriff Impfzwang bewusst, denn dieser steht im Gegensatz zur erklärten Absicht des Bundesrats. Nur: Er selbst würde sofort zu diesem Mittel greifen. Das hat er noch vor Corona klar gemacht. Mitte Dezember 2019, als das Virus hierzulande noch kein Thema war, hielt Fehr beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen Vortrag über Anreize zur Gesundheitsförderung. Bereits dort war die mangelhafte Impfbereitschaft – bei anderen Viren – des Pflegepersonals ein Thema. Fehr befand, wenn es an der Bereitschaft fehle, benötige es «Verbote oder Regulierungen, um die Bereitschaft zu erhöhen.»
Beim BAG ist der Mann mit seiner deutlichen Haltung nach wie vor hoch im Kurs. Fehr erhielt 2020 vom BAG den Auftrag zur Mitarbeit an einer Studie. Er sollte mit dem Mittel der Verhaltensökonomie dafür sorgen, dass sich «bewährte Interventionen in der Gesundheitsförderung und Prävention optimieren» lassen. Als Beispiel führte das BAG bei der Bekanntgabe der Zusammenarbeit mit Fehr die Frage auf, wie man Menschen dazu bringen könne, öfter die Treppe zu benutzen, damit sie fitter bleiben.
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Das klingt ziemlich harmlos. Die Verhaltensökonomie ist allerdings alles andere als das. Beim Bund störte man sich daran, «dass Menschen im Alltag viele kleinere und auch grössere Entscheidungen nicht vollständig rational treffen.» Sprich: Nicht das tun, was der Bund für richtig hält. Mit dem Mittel der gezielten Verhaltensänderung sollte die Volksgesundheit gefördert werden. Die Spezialität von Gerhard Fehr.
Das Zauberwort bei diesem Prozess heisst «Nudging», abgeleitet vom englischen «to nudge», übersetzt so viel wie «anstupsen». Man zwingt Menschen dabei nicht zu einem Verhalten, erreicht aber, dass sie das gewünschte Verhalten selbst plötzlich für richtig beziehungsweise attraktiver halten. Man sperrt also, um beim Beispiel des BAG zu bleiben, nicht etwa den Lift oder bestraft dessen Benutzer, sondern schafft es irgendwie, das Treppensteigen als verführerisch wirken zu lassen. Nudges beinhalten laut dem BAG-Papier ausdrücklich «keinen Zwang und keine verbindlichen Verhaltensvorschriften.» Es geht nicht um ein Regelwerk mit Sanktionen, sondern – nennen wir es beim Wort – um Hirnwäsche.
Sanktionen sind meist auch gar nicht nötig. Es reicht beispielsweise, den Lift unerträglich langsam zu machen, bis man das Warten aufgibt und die Treppe nimmt. Dasselbe Prinzip des «Nudging» funktioniert bei der Umerziehung im Bereich Ökologie: Wer systematisch zu wenig Parkplätze vor dem Gebäude anbietet, bringt seine Mitarbeiter nach und nach in den öffentlichen Verkehr. Alles ganz ohne erklärten Zwang. Die Verknappung der ersten Wahl macht die zweite Wahl attraktiver.
Beim BAG stellt man es ein bisschen anders dar. Dort ist natürlich nicht die Rede von einem langsamen Lift, sondern von «gut sichtbaren und attraktiven Treppen», die das Verhalten beeinflussen sollen. So falle es einem leichter, «die gesunde Wahl» zu treffen. Wie eine «attraktive Treppe» nach Meinung des BAG aussieht, ist offen. Ebenso, ob sich jemand eher zum Treppensteigen verführen lässt, nur weil die Treppe «gut sichtbar» ist.
Dass Nudging nicht auf Zwang, sondern auf positiven Anreizen aufbaut, sollte niemanden beruhigen. Im Fall der Impfung beispielsweise scheint klar, dass ein genereller Impfzwang trotz der aktuellen Lage kaum eine Chance hätte. Der Eingriff in die persönliche Freiheit wäre zu deutlich, er wäre politisch unklug, zumal der Bundesrat oft betont hat, ein Impfzwang sei ausgeschlossen. Also geht es stattdessen darum, «richtiges» Verhalten zu belohnen. Das gelingt aber nur, indem man «falsches» Verhalten eben doch zumindest indirekt bestraft. Wer als Geimpfter an ein Konzert gehen darf, hat keine Besserstellung gegenüber vor 2020. Aber er erreicht eine Besserstellung gegenüber einem Ungeimpften. Genau in diese Richtung argumentierte Gerhard Fehr im «Blick», der Zeitung, die sich in den letzten Monaten bedingungslos an die Seite des Bundesrats und seiner Coronapolitik gestellt hat.
Gerhard Fehr selbst schreibt auf seiner Webseite: «Wir (…) ändern das Verhalten von Kunden, Mitarbeitenden und des Top-Managements - einfach, geräuschlos und nachhaltig.»
Eine einfache, geräuschlose und nachhaltige Verhaltensveränderung bei Menschen, die davon am besten gar nichts mitkriegen sollen, finanziert mit Steuergeldern: Keine schöne Vorstellung, aber vermutlich schon lange die Realität.
Verhaltensökonomen wie Gerhard Fehr oder Gesundheitsökonomen wie Willy Oggier haben nicht den Auftrag, die Welt besser oder gerechter zu machen. Sie werden angeheuert, um zu helfen, die Bedürfnisse ihrer Auftraggeber umzusetzen. Es geht bei ihrer Arbeit nicht um ein menschengerechtes Verhalten oder eine vernünftige, ganzheitliche Gesundheitspolitik, es geht um die Politik, die demjenigen vorschwebt, der die Rechnung des Beratungsunternehmens bezahlt.
Fehr, Oggier und andere gekaufte Leute erinnern an den Rattenfänger von Hameln, der flötend vorausgeht, während ihm die Kinder des Dorfes verzückt folgen. Aber das geschieht nicht im Sold privater Unternehmen, die Produkte verkaufen wollen, sondern honoriert vom Staat, um das eigene Volk zu «verändern».
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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