Der Verwaltungsrat der Spitalverbunde will fünf Spitäler im Kanton faktisch abwerten. Betroffen davon ist auch Wattwil. Nun setzt sich der Gemeinderat zur Wehr. Der Volkswille werde missachtet und das Toggenburg geschwächt.
Mit grossem Befremden habe der Gemeinderat Wattwil von den Abbauplänen des Verwaltungsrats der Spitalverbunde des Kantons St.Gallen Kenntnis genommen.
So beginnt die heute versandte Mitteilung.
Es wird aber rasch klar, dass der Gemeinderat nicht nur befremdet, sondern zutiefst verärgert ist.
Er erwarte eine differenziertere Strategie, heisst es weiter. Die stationäre Grundversorgung und die Notfallversorgung durch das Spital Wattwil seien für die Bevölkerung und die Wirtschaft der Region sowie für die Attraktivität des Toggenburgs als Wohnstandort entscheidend.
Für den Gemeinderat Wattwil sei es völlig unverständlich und nicht akzeptierbar, dass die stationäre medizinische Versorgung am Spital Wattwil in Frage gestellt werde, erklärt Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner.
«Das Spital Wattwil ist einerseits als stationärer Grundversorger, anderseits als Unternehmen und Arbeitgeber für die Bevölkerung und für die Attraktivität des Toggenburgs als Wohnstandort von entscheidender Bedeutung.»
«Spital Wattwil muss bleiben»
Für den Gemeinderat ist klar: «Der vom Verwaltungsrat der Spitalverbunde veröffentlichte 'Kahlschlag' geht zu weit und ist in dieser Form abzulehnen.»
Alois Gunzenreiner verweist auf die Studie und Spitalstrategie «HFutura» der IHK St.Gallen-Appenzell von 2013: «Sogar für das weit gehende Konzept ‹HFutura› ist die stationäre Grundversorgung in Wattwil gesetzt, da sie für eine positive Entwicklung der Region unabdingbar ist.»
Für den Gemeinderat sei das ein deutliches Zeichen dafür, dass ein Abbau in Wattwil falsch wäre: «Wir erwarten vom eingesetzten Lenkungsausschuss, dass er eine differenziertere Beurteilung vornimmt und das Spital Wattwil als stationären Versorger in der Strategie verankert behält.»
Entwicklungen lange bekannt
«2014 hat die Bevölkerung des Kantons St.Gallen sehr deutlich Ja gesagt zur Investition von 930 Mio. Franken in die Erneuerung von sechs Spitälern im Kanton – darunter 85 Mio. Franken ins Spital Wattwil», blickt Alois Gunzenreiner zurück.
Seit 2016 läuft die Erneuerung des Spitals Wattwil auf vollen Touren. Am 2. Juni 2018 wurde der für über 50 Mio. Franken erstellte neue Bettentrakt eingeweiht.
«Dass das jetzt alles keine Rolle mehr spielen soll, ist für den Gemeinderat Wattwil nicht nachvollziehbar», erklärt Alois Gunzenreiner.
«Damit würde der Volkswille missachtet. Die Volksentscheide von 2014 fielen auf der Grundlage der Strategie der Leistungskonzentrationen. Zwei der wichtigsten Argumente von Regierung und Verwaltungsrat waren schon damals die neue Spitalfinanzierung und der Grundsatz ‹ambulant vor stationär›.»
«Strategie des Aushungerns?»
Noch unverständlicher sei für den Gemeinderat, dass der Verwaltungsrat der Spitalverbunde ausgerechnet jetzt Abbaupläne für das Spital Wattwil ankündigt, da am Spital Wattwil bereits investiert wurde.
«Für den Gemeinderat Wattwil kommt die Abbau-Ankündigung der Ankündigung eines Aushungerns gleich, zumal durch den Kanton St.Gallen entgegen der Praxis anderer Kantone keine gemeinwirtschaftlichen Leistungen wie Vorhalteleistung, Notfall, Rettung, und Ausbildung abgegolten werden», bringt Alois Gunzenreiner das Befremden des Gemeinderats auf den Punkt.
«Der Abbau in Wattwil ist weder notwendig noch sinnvoll. Wir erachten einen solchen plötzlichen Kurswechsel, der in vielerlei Hinsicht Verunsicherung schürt, als weder wirtschaftlich noch vor dem Steuerzahler verantwortbar.»
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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